Finanzen

SAP-Aktie: Warum SAP im KI-Wettlauf plötzlich unter Druck gerät

SAP steht mit seiner neuen KI-Offensive vor einer Bewährungsprobe, die über Wachstum, Vertrauen der Investoren und die Stärke der SAP-Aktie entscheiden könnte. Kann der Softwarekonzern seine Datenmacht in einen dauerhaften Vorteil im KI-Zeitalter verwandeln?
14.05.2026 18:41
Lesezeit: 5 min

SAP-Aktie soll von neuer KI-Offensive profitieren

Im Jahr 2020 begann der damals 40 Jahre alte Vorstandschef Christian Klein damit, SAP grundlegend umzubauen. Der Konzern sollte nicht länger vor allem Lizenzen für Unternehmenssoftware verkaufen, die auf lokalen Servern der Kunden läuft, sondern Abonnements in der Cloud anbieten.

Der Kurswechsel wurde ein Erfolg. Im Jahr 2025 zog SAP an Novo Nordisk vorbei und wurde zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen Europas. In einer Welt, die von amerikanischen Technologiekonzernen beherrscht wird, galt SAP damit als Europas stärkster Softwarewert.

Nun steht das Unternehmen jedoch vor einer neuen, gewaltigen Herausforderung. SAP muss KI in seine Dienste integrieren und zugleich skeptische Investoren davon überzeugen, dass neue KI-Modelle nicht die Grundlagen des eigenen Geschäftsmodells angreifen. Wie andere Softwarekonzerne geriet auch SAP im Januar unter Druck, als an den Börsen eine neue Angstwelle losbrach. Auslöser war die Vorstellung neuer Erweiterungen für den KI-Agenten Claude von Anthropic. In der Branche bekam dieser Moment rasch den Spitznamen "Saaspocalypse".

SAP-Aktie unter Druck durch neue KI-Sorgen

Für jemanden, der sich mitten in dem vermuteten Niedergang klassischer Softwareanbieter befindet, wirkt Christian Klein erstaunlich gelassen. Di trifft ihn in der SAP-Zentrale in Walldorf, rund 100 Kilometer südlich von Frankfurt.

"Jeder kann jetzt Software schreiben, absolut. Das ist viel einfacher als vor dem Durchbruch der generativen KI. Aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, nicht alle Softwareunternehmen gleich zu behandeln", sagt Klein.

SAP wurde 1972 im deutschen Walldorf gegründet. Das Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Anbietern von Unternehmenssoftware, ERP-Systemen, Cloud-Diensten und weiteren Softwarelösungen für Konzerne und große Organisationen. Der Name SAP geht auf die ursprüngliche Bezeichnung Systemanalyse Programmentwicklung zurück. Das Unternehmen beschäftigt heute weltweit mehr als 100.000 Mitarbeiter.

Mehr als 100.000 Mitarbeiter und Rückhalt für die SAP-Aktie

Der Börsenwert liegt bei rund 175 Milliarden Euro. Über weite Teile des Jahres 2025 war SAP das größte börsennotierte Unternehmen Europas, wurde zum Jahresende jedoch von ASML überholt. Zu den großen schwedischen Kunden zählen unter anderem H&M, AB Volvo, Atlas Copco, Ikea und Klarna. Die wichtigsten Wettbewerber sind vor allem Oracle und Microsoft.

Im ersten Quartal 2025 steigerte SAP seine Erlöse um 6 Prozent auf 9,6 Milliarden Euro. Das Ergebnis nach Steuern lag bei 1,9 Milliarden Euro und damit 8 Prozent über dem Wert des Vorjahresquartals.

Die Angaben stammen von Di. Christian Klein ist überzeugt, dass SAP über einzigartige Daten und besonderes Prozesswissen verfügt. Genau diese Grundlage soll das Geschäft des Konzerns vor Angriffen durch neue KI-Modelle schützen und auch das Vertrauen in die SAP-Aktie stärken.

"Unser System ist das institutionelle Gedächtnis jedes Unternehmens"

"Es besteht kein Zweifel daran, dass KI die Art und Weise verändern wird, wie Unternehmen geführt werden. Aber keine großen Sprachmodelle verstehen heute die komplexen Geschäftsprozesse und Datenmodelle, mit denen SAP arbeitet", sagt Klein.

"Unser Unternehmenssystem ist das institutionelle Gedächtnis jedes Unternehmens." Was spricht dagegen, dass ein KI-Modell mit der Zeit ein ähnliches Wissen aufbaut? "Wir können selbstverständlich nicht als gegeben annehmen, dass diese großen Sprachmodelle das im Laufe der Jahre nicht lernen können."

7,5 Millionen Datenpunkte als Schutzwall

"Aber in unserem Unternehmenssystem haben wir mehr als 7,5 Millionen Datenpunkte. Und wenn man nun einen KI-Agenten bittet, eine bestimmte Aufgabe auszuführen, in der Lohnverwaltung, im Finanzbereich, im Personalwesen oder in der Lieferkette, dann muss er diese 7,5 Millionen Datenfelder verstehen."

"Deshalb bin ich der Ansicht, dass SAP besser gerüstet ist als jedes andere Unternehmen, um den KI-Agenten diesen Kontext zu liefern." Nach einem schwachen Bericht für das vierte Quartal 2025 übertraf SAP im ersten Quartal dieses Jahres die Erwartungen der Analysten. Der Konzern steigerte sein operatives Ergebnis um 17 Prozent. Das half der SAP-Aktie, sich wieder etwas zu erholen.

Von den Höchstständen des vergangenen Jahres ist das Papier dennoch weit entfernt. In der Rangliste der wertvollsten börsennotierten Unternehmen Europas ist SAP inzwischen auf Platz sechs abgerutscht.

Investoren prüfen Margen und Geschäftsmodelle

Neben der Angst, dass KI-gestützte Werkzeuge traditionelle Software verdrängen könnten, wächst eine zweite Sorge. Investoren fragen sich, ob KI die Geschäftsmodelle der Softwarekonzerne dauerhaft verändert.

"Das wird das zentrale Modell sein, auf das alle Kunden gewartet haben." Die gesamte Branche erzielte lange Zeit sehr hohe Gewinnmargen. Lässt sich das in dieser neuen Welt aufrechterhalten? "Wir können nur einen Preis verlangen, der dem Wert entspricht, den wir unseren Kunden liefern."

KI muss ihren Wert erst noch beweisen

"Die Margen aller Softwareanbieter werden in Zukunft also wirklich davon abhängen, welchen Wert KI für die Kunden schafft." An diesem Punkt muss SAP noch einiges beweisen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg berichten mehrere Kunden, dass sie im KI-Assistenten Joule des Unternehmens noch keinen ausreichend großen Nutzen sehen.

Christian Klein sagt, dass er auf das Feedback der Kunden hört. Zugleich betont er, dass er auch positive Rückmeldungen erhalte. "Die Erwartungen an SAP sind sehr hoch", sagt er. "Wir wissen, dass die KI-Agenten genauer werden müssen."

Neue Preismodelle für KI-Dienste

Der Einfluss von KI dürfte auch dazu führen, dass Kunden künftig stärker nach tatsächlicher Nutzung bezahlen. Das würde eine feste Monatsgebühr teilweise ersetzen. Christian Klein erwartet jedoch nicht, dass das klassische Abonnementmodell bei SAP verschwindet. Vielmehr rechnet er damit, dass bestehende Abos und neue Formen der Abrechnung für KI-Dienste nebeneinander bestehen werden.

"Das ist definitiv eine Veränderung", sagt er. "Der Mix verschiebt sich von Abonnements hin zu Verbrauch, aber das wird in den kommenden Jahren schrittweise geschehen. Es wird kein Quartal geben, in dem wir plötzlich über eine Klippe fallen."

Sapphire soll SAPs KI-Kurs schärfen

Investoren warten nun gespannt auf SAPs jährliche Konferenz Sapphire in Orlando Mitte Mai. Dort dürfte das Unternehmen weitere Details zu seinen künftigen KI-Plänen vorstellen, die auch für die Bewertung der SAP-Aktie wichtig sind. Gegenüber Di berichtet Christian Klein, dass SAP eine neue Plattform starten werde. Der Konzern will dabei das Wissen nutzen, das er in mehr als 50 Jahren aufgebaut hat, damit Kunden KI in großem Maßstab einsetzen können.

"Wir sprechen hier nicht nur über einen Anwendungsfall für KI. SAP liefert jetzt wirklich eine Plattform, auf der man sehr präzise KI in großem Maßstab anwenden kann", sagt Klein. "Das wird das zentrale Modell sein, auf das alle Kunden gewartet haben."

Europäische Daten als Standortvorteil

"Ich bin völlig für Regulierung, aber nicht für Überregulierung." In einem Umfeld großer geopolitischer Unsicherheit stößt SAP zuletzt auch bei Kunden auf Interesse, die sicherstellen wollen, dass ihre Daten in Europa bleiben. Dabei sei es ein Vorteil, dass SAP nun das schwedische KI-Unternehmen Lovable als Partner habe, erzählt Christian Klein.

"Ihr Werkzeug ist wirklich fantastisch", sagt er. "Mit Schweden und Deutschland können wir sagen, dass es eine europäische KI-Lösung ist." Christian Klein glaubt jedoch nicht, dass Europa jene vollständige technologische Souveränität erreichen kann, die manche fordern.

Klein fordert einfachere KI-Regeln in Europa

"So sehr wir uns das auch wünschen würden, wird nicht jeder Teil der Hardware aus Europa kommen. Aber ich glaube nicht, dass das so wichtig ist", sagt er. In Brüssel laufen derzeit Gespräche über Änderungen an der EU-Gesetzgebung für KI. Christian Klein hält es für wichtig, die Regeln einfacher zu formulieren.

Ein übergeordnetes Regelwerk für KI innerhalb der EU würde er begrüßen, sofern es verhindert, dass in jedem Land unterschiedliche Vorgaben gelten. "Ich bin völlig für Regulierung, aber nicht für Überregulierung", sagt Klein.

Schweden als Vorbild für Deutschland

Der Vorstandschef fordert auch mehr Reformen in Deutschland. Die Bundesregierung hatte im vergangenen Jahr ein enormes Investitionspaket für Verteidigung und Infrastruktur auf den Weg gebracht.

"Die deutsche Regierung hat wirklich die richtige Entscheidung getroffen, als sie dieses Paket zur Stimulierung der Wirtschaft eingeführt hat. Andererseits wird es nicht die Wirkung entfalten, die es verdient, wenn wir unser Sozialsystem, unser Arbeitsmarktsystem und unser Steuersystem nicht umbauen", sagt Klein.

Nun hofft Christian Klein, dass sich die Entscheidungsträger in Berlin von Schweden inspirieren lassen. "Was Schweden völlig richtig gemacht hat, war die Art, wie ihr euer Steuersystem umgebaut und den Aktienmarkt geöffnet habt, sodass Investitionen in Schweden einfacher wurden. Solche Dinge brauchen wir in Deutschland."

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