Politik

US-Politikwissenschaftler: Der Schwerpunkt der NATO verlagert sich nach Osten, nur Europa hat das noch nicht begriffen

Die NATO verändert ihre innere Geografie und Polen rückt ins Zentrum der europäischen Sicherheit. Dahinter steht das Ende eines westlichen Modells, das auf russischer Energie, chinesischer Produktion und amerikanischem Schutz beruhte.
24.05.2026 17:47
Lesezeit: 9 min
US-Politikwissenschaftler: Der Schwerpunkt der NATO verlagert sich nach Osten, nur Europa hat das noch nicht begriffen
Hat Polen das Zeug, zur Schlüsselmacht der NATO aufzusteigen? (Foto: dpa) Foto: Tomasz Waszczuk

Polen wird zur neuen Bonner Republik

Drei Jahrzehnte lang lebte Europa in der Illusion vom Ende der Geschichte. Armeen wurden verkleinert, Industrie wurde nach China verlagert und die Verteidigung den USA überlassen. Politik ähnelte eher der Verwaltung eines stabilen Konzerns als dem Handeln in einer Welt brutaler Rivalität zwischen Großmächten. Der Krieg in der Ukraine und die Spannungen um Taiwan haben dieses bequeme Modell endgültig zerstört.

Über diese tektonische Veränderung sprach Professor Andrew Michta vom Atlantic Council in einem Interview bei der polnischen Wirtschaftszeitung Puls Biznesu. Seine Diagnose geht weit über klassische Warnungen vor Russland hinaus. Vor unseren Augen verändert sich die gesamte Sicherheitsarchitektur des Westens. Polen hört schneller, als es selbst erkennt, auf, nur die „Ostflanke“ der NATO zu sein. Es wird zu einem der entscheidenden Verbindungspunkte der neuen strategischen Ordnung in Europa.

Im Gespräch fiel ein symbolischer Vergleich. Polen werde zur „neuen Bonner Republik“. Während des Kalten Krieges war die Bundesrepublik Deutschland das logistische und militärische Herz der NATO. Dort konzentrierten sich amerikanische Stützpunkte, Kommandozentren, Militärkrankenhäuser und die gesamte Infrastruktur, die die Präsenz der USA in Europa trug.

Nicht zufällig erscheint in diesem Zusammenhang der Zentrale Kommunikationshafen CPK als mögliches Gegenstück zur Basis Ramstein. Das zentrale Infrastrukturprojekt erhält eine klar geostrategische Dimension. Die Folgen sind fundamental. Das Sicherheitszentrum Europas verschiebt sich dauerhaft auf die Achse Warschau, Baltikum und Skandinavien. Polen hört auf, eine Peripherie des Westens zu sein, und wird zu einem der Hauptorganisatoren seiner Verteidigung.

Die NATO verändert ihre Geografie, nicht ihre Ziele

Die öffentliche Debatte bleibt zu oft an der Frage hängen, ob die Amerikaner Europa verteidigen wollen. Michta stellt die Frage anders. Die NATO endet nicht, sie verändert ihre Geografie. Während des Kalten Krieges war die Bedrohung durch die Sowjetunion für alle Staaten gleichermaßen existenziell. Heute geht diese Wahrnehmung stark auseinander.

Für Polen oder Finnland ist Russland eine unmittelbare Gefahr. Für Berlin gilt das nicht unbedingt, während Paris seine Aufmerksamkeit lieber auf Afrika richtet. Deshalb entsteht nach Michtas Einschätzung ein neuer „nordöstlicher Korridor“, also eine Koalition von Staaten mit einem gemeinsamen Bedrohungsgefühl.

Gleichzeitig bremst der amerikanische Analyst den Enthusiasmus der Befürworter einer „europäischen strategischen Autonomie“ hart aus. Ohne die USA kann Europa sich nicht verteidigen. Jahrzehnte der Kürzungen haben die industrielle Hilflosigkeit des alten Kontinents offengelegt, der heute Schwierigkeiten hat, selbst grundlegende Munition in Masse zu produzieren.

Krise des Nichtglaubens und Krieg der Software

Die Schwäche des Westens hat jedoch vor allem psychologische Ursachen. Michta spricht von einer „Krise des Nichtglaubens“ der Eliten, die jahrzehntelang „in Butter rollten“. Das deutsche Wohlstandsmodell, gestützt auf billiges Gas aus Russland, Märkte in China und den amerikanischen Schutzschirm, war ökonomisch bequem, aber geopolitisch blind. Der Bau von Nord Stream 2 nach der Annexion der Krim durch Russland ist das deutlichste Symbol dieser Naivität.

Hinzu kommt, dass moderne Verteidigung längst nicht mehr nur aus Panzern und Gewehren besteht. Der Schlüssel zum Vorteil liegt in Dual-Use-Technologien, KI, Software und Datenanalyse. Michta verweist auf amerikanische Vorbilder wie DARPA, also staatliche Agenturen, die mit der Flexibilität marktnaher Innovationslabore arbeiten.

Vor diesem Hintergrund wird das strukturelle Problem Polens sichtbar. Das Land investiert zu wenig in Grundlagenforschung und leidet unter einer systemischen Risikoaversion. In einer Ära, in der Sicherheit Teil der Wirtschaft wird, kann Polen sich nicht länger als „billige Montagehalle“ verstehen. Der geopolitische Aufstieg verlangt einen Technologiesprung.

Sind Polens Eliten bereit?

Polen steigt deutlich schneller in die erste Liga der westlichen Sicherheit auf, als die öffentliche Debatte mithalten kann. Landesverteidigung ist nicht mehr allein Sache von Generälen und Diplomaten. Heute wird sie durch die Widerstandsfähigkeit von Logistik, Infrastruktur, Energie und Wissenschaft sowie durch die Fähigkeit des Staates definiert, über Jahrzehnte zu planen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Polen sicher ist. Sie lautet vielmehr, ob die polnischen Eliten mental rechtzeitig in jene Rolle hineinwachsen, die ihnen die Geschichte aufgezwungen hat.

***

Andrew Alexander Michta ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Professor für Strategische Studien an der Hamilton School der University of Florida. Zuvor war er unter anderem Senior Fellow beim Atlantic Council, Dekan des College of International and Security Studies am George C. Marshall European Center for Security Studies in Deutschland sowie Professor für Nationale Sicherheitsfragen am US Naval War College. Zudem war er mit mehreren außen- und sicherheitspolitischen Forschungsinstitutionen verbunden, darunter CSIS, RAND und der Council on Foreign Relations.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Welche Funktionen sind 2026 bei Trading-Plattformen wirklich wichtig?

Trading-Plattformen entwickeln sich rasant weiter. Im Jahr 2026 geht es längst nicht mehr nur darum, Wertpapiere oder andere...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Entwürfe für die Euro-Banknoten: Stimmen Sie für Ihren Favoriten ab!
01.08.2026

Die Europäische Zentralbank hat zehn Entwürfe für neue Euro-Banknoten vorgestellt. Bürger können bis zum 21. September über ihr...

DWN
Panorama
Panorama Bahn, Solarstrom und Ganztag: Das ändert sich im August
01.08.2026

Mit dem Start in den August treten mehrere Neuerungen in Kraft, die Millionen Menschen in Deutschland betreffen. Ob auf der Schiene, im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft In europäischen Fabriken gehen die Lichter aus: Wer schließt sie, wer entlässt Mitarbeiter?
01.08.2026

VW, Bosch, BASF, Evonik, ThyssenKrupp, Michelin: In der Automobil-, Chemie- und Stahlindustrie reihen sich Werksschließungen, Entlassungen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Der beste Freund des Recruiters: Tiere im Büro ziehen Talente stärker an als Boni
01.08.2026

Viele Unternehmen holen ihre Beschäftigten zurück ins Büro. Doch klassische Benefits verlieren an Zugkraft. Eine neue Studie zeigt: Für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BYD Sealion 5 im Test: Viel Auto für vergleichsweise wenig Geld
01.08.2026

Der BYD Sealion 5 verbindet viel Platz, hohen Komfort und einen erstaunlich großen Aktionsradius. Als Plug-in-Hybrid schafft er im Test 80...

DWN
Politik
Politik EU in Gefahr: Wie Großmächte Europas Vetorecht ausnutzen
01.08.2026

Orbáns Wahlniederlage eröffnet der EU eine seltene Reformchance. Doch neue Blockierer könnten schon bald nachrücken. Experten warnen:...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Aktien: China löst nächste Panikwelle aus – was Anleger jetzt beachten müssen
01.08.2026

Chipaktien brechen ein, China holt technologisch auf und Anleger fürchten die nächste große Blase. Doch hinter der neuen Börsenpanik...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Massenverrentung: Die Ruhestandswelle bedroht ganze Unternehmen
01.08.2026

Die Ruhestandswelle rollt auf die Unternehmen zu, doch viele Betriebe sind kaum vorbereitet. Mit jedem erfahrenen Mitarbeiter drohen...