Volkswagen vor dem härtesten Umbau seiner Geschichte
„Unsere Lage ist angespannt und herausfordernd!“ Als der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume diese Worte am 18. Juni auf der Hauptversammlung aussprach, war klar, dass den Beschäftigten nichts Gutes bevorsteht. Dass er aber zwei Wochen später Entlassungen von bis zu 100.000 Mitarbeitern und die Schließung von vier Werken ankündigen würde, nämlich Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm, hatte niemand erwartet.
Umso mehr, da man sich mit den Gewerkschaften bereits darauf geeinigt hatte, bis 2030 insgesamt 50.000 Arbeitsplätze abzubauen. Dabei sollten 28.000 Beschäftigte einem freiwilligen Ausscheiden zustimmen. Das heißt: gegen Zahlung einer Abfindung, die bei älteren Arbeitnehmern auch 100.000 Euro erreichen kann. Volkswagen beschäftigt insgesamt 667.000 Menschen, davon 43 Prozent in Deutschland. Was hat sich also geändert, dass die Sparmaßnahmen so tiefgreifend ausfallen?
Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr
Tatsache ist, dass das Geschäftsmodell, das dem Unternehmen über Jahrzehnte Erfolg gebracht hat, heute nicht mehr funktioniert, berichtet das Wirtschaftsportal Finance.si. Deshalb muss sich Volkswagen anpassen. Die Ziele sind hoch gesteckt. Bis 2030 will das Unternehmen der attraktivste Automobilhersteller der Welt werden. Die Profitabilität soll acht bis zehn Prozent erreichen. Im vergangenen Jahr lag sie bei fünf Prozent.
Erreichen will Volkswagen das auch durch eine deutliche Verringerung der Produktion in Europa und China um insgesamt zwei Millionen Fahrzeuge.
Nach den Worten des Konzernchefs gehören die Fahrzeuge des Unternehmens, auch die elektrisch angetriebenen, schon heute zu den wettbewerbsfähigsten. Doch mit ihnen wird nicht genug Gewinn erzielt. Auch Zölle, Handelsbarrieren und geopolitische Risiken spielen dabei eine Rolle.
Die wichtigsten Gründe liegen jedoch anderswo. In Europa ist die Nachfrage weiterhin niedriger als vor der Pandemie. In China verliert Volkswagen Marktanteile, da heimische Hersteller den Konzern verdrängen und günstiger sind. Hinzu kommen hohe Produktionskosten in Deutschland, nicht nur bei den Löhnen, ein Produktionsarbeiter kann ohne Zulagen mehr als 4.000 Euro verdienen, sondern auch bei der Energie.
Es ist der größte Umbruch der Geschichte
Tatsache ist, dass die Automobilindustrie in den vergangenen Jahren einen der größten strukturellen Umbrüche ihrer Geschichte erlebt. Das zeigt sich unmittelbar in Massenentlassungen in Europa, den USA und teilweise auch in China.
Auf den ersten Blick mag es wirken, als gehe es um kurzfristige zyklische Probleme. In Wirklichkeit liegt die Ursache jedoch in einer Kombination mehrerer tiefgreifender, langfristiger Veränderungen, die Unternehmen dazu zwingen, Kosten zu senken, sich neu zu organisieren und ihre Belegschaften umzustrukturieren.
Auch die makroökonomische Lage bringt nichts Gutes. Die höheren Zinsen der vergangenen Jahre haben die Finanzierung von Autos verteuert. Das hat die Nachfrage verringert, besonders bei teureren Modellen und Elektrofahrzeugen. Nach der Pandemie hat sich der Markt zwar normalisiert, doch die Margen sind geringer. Auch der Bedarf an zusätzlichen Produktionskapazitäten ist kleiner geworden.
Weniger Bedarf an Arbeitern in der Produktion
In der Folge reduzieren Unternehmen die Zahl der Beschäftigten, die sie in der Wachstumsphase eingestellt hatten. Durch die Digitalisierung verändert sich die Zusammensetzung der Belegschaften. Es werden weniger Arbeiter in der Produktion benötigt, dafür mehr Softwareingenieure und Datenexperten.
Auch der Einfluss der Automatisierung darf nicht unterschätzt werden. Moderne Fabriken sind immer stärker robotisiert, wodurch der Bedarf an manueller Arbeit sinkt. Jede neue Generation von Produktionssystemen bedeutet höhere Effizienz, aber auch weniger Arbeitsplätze bei derselben Menge produzierter Fahrzeuge. Das ist ein langfristiger Trend, der sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz beschleunigt.
Für Beschäftigte wird der Wandel schmerzhaft
All das bringt den Beschäftigten in der Automobilindustrie nichts Gutes. Um zu überleben, muss sich die Branche jedoch verändern. Massenentlassungen sind damit vor allem die Folge des Übergangs vom alten zum neuen Industriemodell. In diesem Modell gibt es schlicht keinen Platz mehr für dieselbe Struktur der Belegschaft wie in der Vergangenheit.
Die Frage des Überlebens stellt sich allerdings nicht. Die europäische Automobilindustrie hat eine lange Tradition und ist außerordentlich stark. Nach dem Umbau wird sie nur noch stärker sein. Leider wird sie das auf Kosten der Beschäftigten erreichen.
