Preisdruck lässt spürbar nach
Die Inflationswelle, die sich im Frühjahr aufgrund des Krieges im Nahen Osten und der extrem hohen Ölpreise auftürmte, hat sich etwas abgeschwächt. Und zwar stärker, als die Märkte erwartet hatten. Die Inflationsrate ist im Juni auf 2,8 Prozent im Jahresvergleich gesunken. Im Mai lag die jährliche Inflationsrate bei 3,2 Prozent, und der Markt hatte lediglich mit einem Rückgang auf 3 Prozent gerechnet.
Betrachtet man nur die Preisentwicklung von Mai bis Juni, so steigen die Preise überhaupt nicht. Sie fielen vielmehr um 0,1 Prozent und lagen damit deutlich unter den Markterwartungen, die von einem Anstieg um 0,1 Prozent ausgegangen waren. Die Inflationsrate lag im Juni bei 2,8 Prozent. Das liegt deutlich unter der Inflationsrate vom Mai und auch unter den Markterwartungen. Das berichtet das dänische DWN-Partnerportal Borsen auf Grundlage neuer Zahlen aus den 21 Ländern, deren Währung der Euro ist.
Kerninflation rückt in den Fokus der EZB
Was die Europäische Zentralbank jedoch genau im Auge behält, wenn sie an der richtigen Zinssatzgestaltung feilt, ist die Kerninflation, bei der die starken Schwankungen der Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet werden. Dies vermittelt ein besseres Bild davon, wie stark sich die Inflation in der Wirtschaft ausgebreitet hat. Die Kerninflation lag im Juni bei 2,4 Prozent gegenüber 2,6 Prozent im Mai. Auch das ist etwas niedriger als die 2,5 Prozent, die der Markt erwartet hatte.
"Die heutigen Zahlen sind ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass die Befürchtungen der EZB hinsichtlich eines breiter angelegten Preisdrucks in der Wirtschaft übertrieben sind."— Bjørn Tangaa Sillemann, Chefanalyst bei der Danske Bank
Laut Bjørn Tangaa Sillemann, Chefanalyst bei der Danske Bank, spiegelt dies wider, dass die Dienstleistungsinflation von 3,5 Prozent im Mai auf 3,2 Prozent gesunken ist. „Die heutigen Zahlen sind ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass die Befürchtungen der EZB hinsichtlich eines breiter angelegten Preisdrucks in der Wirtschaft übertrieben waren“, sagt Bjørn Tangaa Sillemann. Es sind die sinkenden Ölpreise, die die allgemeinen Preissteigerungen im Juni dämpfen. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl ist von 110 Dollar Mitte Mai auf derzeit knapp über 70 Dollar gefallen.
Die drei Großen: Inflation in Deutschland, Frankreich und Italien
Die Zahlen zur europäischen Inflation folgen auf die bereits gestern veröffentlichten Daten der größten Länder. In Deutschland kühlte sich die Inflation im Juni etwas stärker ab als erwartet. Der Markt hatte prognostiziert, dass die Inflation auf Jahresbasis von 2,7 Prozent im Mai auf 2,5 Prozent im Juni sinken würde. Doch laut dem deutschen Statistikamt Destatis lag sie in Europas größter Volkswirtschaft bei 2,4 Prozent.
Auch in Frankreich entwickelten sich die Preise ruhig und gingen im Juni von 2,8 auf 2 Prozent zurück. Die Märkte hatten hier einen Rückgang auf 2,3 Prozent erwartet. In Italien blieb die Inflation im Juni mit 3,1 Prozent jedoch nahezu unverändert, nur ein winziger Rückgang gegenüber den 3,2 Prozent im Mai.
EZB-Zinsentscheid: Trotz Entspannung vorsichtig
Doch obwohl die stark fallenden Ölpreise die Inflation in Europa leicht nach unten getrieben haben, hütet sich die Europäische Zentralbank davor, schon Jubelrunden zu drehen. Zum einen ist von einem stabilen Frieden rund um die Straße von Hormus noch lange keine Rede, sodass die Öl- und Gaspreise durchaus wieder nach oben schwanken könnten. Zum anderen haben eigene Untersuchungen der EZB gezeigt, dass eine Mehrheit der Unternehmen beabsichtigt, die Preise innerhalb der nächsten drei Monate anzuheben.
Und zwar in einem Umfang, der die Inflation um einen ganzen Prozentpunkt in die Höhe treiben könnte. Weit über die 2 Prozent hinaus, die das Ziel der EZB sind. Philip Lane, Chefökonom der EZB, erklärt aus Sintra in Portugal, wo derzeit ein Gipfeltreffen der Zentralbanken stattfindet, dass geprüft werden müsse, wie sich vier Monate mit sehr hohen Energiepreisen in Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Dienstleistungen in ganz Europa niederschlagen.
Zinserhöhung im September bleibt möglich
"Für die EZB ist es der Ansteckungseffekt auf andere Waren und Dienstleistungen, der für die Inflationssorgen von Bedeutung ist."— Bjørn Tangaa Sillemann, Chefanalyst bei der Danske Bank
Bjørn Tangaa Sillemann betont jedoch, dass die Kerninflation derzeit nicht höher ist als vor dem Iran-Krieg. „Zwar haben wir die volle Auswirkung der Phase hoher Ölpreise noch nicht gesehen, da sich die Preise für Flugtickets und Pauschalreisen erst mit Verzögerung auf die Inflation auswirken. Für die EZB ist jedoch der Ansteckungseffekt auf andere Waren und Dienstleistungen ausschlaggebend für die Inflationssorgen“, sagt der Analyst der Danske Bank.
Die EZB hat den Leitzins bereits im Juni einmal angehoben. Und Bjørn Tangaa Sillemann erwartet – genau wie die Märkte –, dass dies später in diesem Jahr noch einmal geschehen wird.
"Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Besorgnis der EZB hinsichtlich der Inflationsdynamik sie dazu veranlassen wird, die Zinsen bei der Sitzung im September ein letztes Mal anzuheben."— Frederik Romedahl Poulsen, Chefstratege bei Velliv
Das glaubt auch Frederik Romedahl Poulsen, Chefstratege bei Velliv. „Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Besorgnis der EZB hinsichtlich der Inflationsdynamik sie dazu veranlassen wird, den Zinssatz bei der Sitzung im September, bei der neue Prognosen vorliegen, ein letztes Mal anzuheben“, sagt Frederik Romedahl Poulsen. Er fügt jedoch hinzu, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass die EZB bereits am Ziel sei. „Bis September ist es noch lange hin“, sagt der Chefstratege.
