Wirtschaft

Ein Nobelpreisträger erklärt: Niedrige Geburtenraten töten das Wirtschaftswachstum nicht

Sinkende Geburtenraten gelten oft als Gefahr für Wachstum und Wohlstand. Doch Nobelpreisträger Daron Acemoglu kommt zu einem anderen Schluss: Wenn Arbeitskräfte knapper werden, investieren Firmen stärker in Automatisierung, und die Produktivität steigt.
26.07.2026 13:38
Lesezeit: 5 min

Die gefürchteten Folgen alternder Gesellschaften

Ökonomen, vielleicht aber noch stärker die Medien, fürchten negative demografische Veränderungen. Ältere Beschäftigte gelten nach manchen Studien und vielen Artikeln als weniger produktiv, weniger innovativ, weniger unternehmerisch, weniger risikobereit und schlechter in der Anpassung an technologische Veränderungen.

Eine kleinere Bevölkerung bedeutet zudem schwächere Nachfrage und weniger neue Ideen, die die Welt verändern. Daher rührt die Überzeugung, dass alternde Gesellschaften und ein schrumpfendes Arbeitskräfteangebot das Wirtschaftswachstum abwürgen und zu chronischer Stagnation in der Weltwirtschaft führen werden. Dass uns Stillstand droht, in Unternehmen, Wirtschaft und Wissenschaft.

Die demografische Krise mobilisiert

Aber so einfach ist es nicht, so das Wirtschaftsportal Puls Biznesu. Zu genau diesen Schlussfolgerungen kam der Nobelpreisträger Daron Acemoglu gemeinsam mit Koautoren in der Studie „Baby Busts and Growth Booms: Demographic Change and the Macroeconomy“.

„Der langfristige Rückgang der Geburtenraten weltweit in den vergangenen sieben Jahrzehnten hat das Bevölkerungswachstum verlangsamt, das Durchschnittsalter der Gesellschaften erhöht und Arbeitsmärkte sowie Makroökonomie tiefgreifend verändert. Entgegen der verbreiteten Erwartung, dass diese Trends das Wirtschaftswachstum bremsen, zeigen wir, dass niedrigere Geburtenraten mit höherem BIP-Wachstum je Erwachsenem im erwerbsfähigen Alter sowie höherem Lohnwachstum in amerikanischen Pendlerzonen verbunden sind, ohne negative Auswirkungen auf das aggregierte BIP oder die gesamten Einkommen“, heißt es in den Schlussfolgerungen.

Aus der Analyse der Forscher ergibt sich, dass ein Rückgang der Geburtenrate, also der Zahl der Geburten je 100 Personen, um einen Prozentpunkt mit einem Anstieg des BIP je Beschäftigten um 26,8 Prozent verbunden ist.

In Volkswirtschaften mit anfangs niedriger Geburtenrate stieg das reale BIP je Beschäftigten zwischen 1970 und 2023 um 150 Prozent. In Ländern mit mittlerer und hoher Geburtenrate waren es dagegen 26,3 beziehungsweise 39,4 Prozent.

Die Ökonomen zeigen, dass es sich um einen kausalen Zusammenhang handelt: Je stärker die Zahl der Arbeitskräfte sinkt und je älter die Gesellschaft wird, desto mehr Anreize haben Unternehmen, in neue Technologien und Automatisierung zu investieren.

Automaten statt Kinder

Länder und Regionen mit niedrigeren Geburtenraten weisen mehr Patente für automatisierende und arbeitssparende Technologien auf. Zugleich steigt dort die Aktivität im Hightech-Sektor, ebenso wie das Wachstum der totalen Faktorproduktivität.

Eine niedrigere Zahl von Geburten stimuliert demnach technologischen Fortschritt und Produktivitätswachstum. In der Folge führt das zu einem höheren Wirtschaftswachstum je Beschäftigten.

Meiner Ansicht nach zeigt das, dass Gesellschaften eine natürliche Anpassungsfähigkeit besitzen, die wir häufig unterschätzen. Vor mehr als 200 Jahren sagte Thomas Malthus voraus, ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum werde zur Erschöpfung der Nahrungsmittelressourcen und zu einer globalen Katastrophe führen.

Die Menschen passten sich an, denn wissenschaftliche Entdeckungen und damit neue Technologien ermöglichten es, die Produktivität der landwirtschaftlichen Produktion zu steigern. Heute fürchten wir, dass die demografische Rezession Wachstum töten und die Entwicklung von Innovationen verlangsamen wird. Doch es sieht so aus, als beweise die Gesellschaft erneut, dass sie sich an große Veränderungen anpassen kann.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

avtor1
Gabriel Chrostowski

Gabriel Chrostowski ist Journalist bei Puls Biznesu, dem polnischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit polnischer Perspektive auf Wirtschaft und Unternehmen. Bei Puls Biznesu ist er für makroökonomische und branchenspezifische Analysen zuständig. Er taucht gerne in umfangreiche Datensätze und Forschungsstudien ein, um den tatsächlichen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen. In seiner Freizeit liest er, geht laufen, spielt Fußball und wandert. Er ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Posen (Poznań University of Economics and Business).
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitskosten in Deutschland: So stark unterscheiden sich die Regionen
05.11.2026

Die Kosten einer Arbeitsstunde liegen in Deutschland regional weit auseinander. Besonders deutlich zeigt sich das Gefälle zwischen...

DWN
Technologie
Technologie Roboter im Stromnetz: Eon testet humanoide Helfer gegen Fachkräftemangel
05.11.2026

Humanoide Roboter könnten künftig Fachkräfte im Stromnetz bei Kontrollen und gefährlichen Arbeiten unterstützen. Eon, EnviaM und Neura...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nike-Aktie in der Krise: Rund 200 Milliarden Dollar vernichtet
05.11.2026

Jahrzehntelang galt Nike als nahezu unantastbar. Doch strategische Fehlentscheidungen, vernachlässigte Innovationen und aufstrebende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Haushalte in Deutschland schrumpfen bis 2050 – Osten besonders betroffen
05.11.2026

Die Zahl der Privathaushalte in Deutschland könnte bis 2050 erstmals seit der Wiedervereinigung sinken. Nach Berechnungen des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen DHL unter Druck: Deutschlandgeschäft bremst Wachstum deutlich
05.11.2026

Das Deutschlandgeschäft entwickelt sich für DHL zunehmend zum Problem. Während der Konzern international kräftig wächst, bricht das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Investitionen in Deutschland schwächeln: DIHK warnt vor Folgen für Jobs
05.11.2026

Die deutsche Wirtschaft hellt sich etwas auf, doch bei Investitionen bleiben viele Unternehmen vorsichtig. Laut DIHK will nicht einmal...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Klimaneutralität verfehlt: Allianz sieht Deutschland erst 2051 am Ziel
05.11.2026

Deutschland, Europa und die Welt kommen beim Klimaschutz voran, aber nicht schnell genug. Nach Berechnungen der Allianz wird das Ziel der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Probezeit: Was ist zu beachten?
05.11.2026

Die Stellenausschreibung wurde veröffentlicht, Vorstellungsgespräche geführt und endlich scheint derpassende Kandidat...