LNG-Importe der EU verändern Europas Energieversorgung
Die Europäische Union ist zum weltweit größten Importeur von Flüssigerdgas aufgestiegen. Doch wem nutzt diese Entwicklung und wer trägt die wirtschaftlichen Kosten? Eine Analyse unserer Kollegen von Finance.si zeigt, wie es zu diesem grundlegenden Wandel kam und vor welchen neuen Abhängigkeiten Experten warnen.
Die EU setzt auf den grünen Wandel, doch Erdgas hält weiterhin einen Anteil von rund einem Fünftel am europäischen Energiemix. Verändert hat sich vor allem die Herkunft und der Transportweg des Brennstoffs. Früher importierte die EU überwiegend Pipelinegas. Seit 2022 ist der Anteil von verflüssigtem Erdgas, international als LNG bezeichnet, sprunghaft gestiegen. Damit stellt sich eine entscheidende Frage: Wer hält heute den Schlüssel zur europäischen Gasversorgung in der Hand? Und hat die EU ihre frühere Abhängigkeit möglicherweise lediglich gegen eine neue eingetauscht?
Zur Einordnung: Die Europäische Union kann ihren Energiebedarf nicht selbst decken und hängt stark von Energieimporten ab. Nach Angaben von Eurostat deckt die heimische Produktion lediglich 43 Prozent des Energiebedarfs. Die übrigen 57 Prozent müssen importiert werden. Unter den Energieimporten dominiert Erdöl. Erdgas hält seit sieben Jahren einen Anteil von rund 24 Prozent.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 reduzierte die EU ihre Einfuhren von russischem Gas in kurzer Zeit. Sie verabschiedete den RePowerEU-Plan, um die Abhängigkeit von russischen fossilen Brennstoffen zu beenden, den Übergang zu sauberer Energie voranzutreiben und neue Lieferanten zu finden.
Dabei stechen drei Entwicklungen hervor.
Erstens gewann Flüssigerdgas erheblich an Bedeutung. Im Jahr 2021 entfielen noch 75 Prozent der Gasimporte aus Drittstaaten auf Pipelinegas. Inzwischen macht LNG bereits etwa die Hälfte der Einfuhren aus. Nach Angaben der europäischen Regulierungsagentur ACER ist die EU damit zum größten LNG-Importeur der Welt geworden.
Zweitens koppelt sich die EU schrittweise von russischem Gas ab. Im Januar verabschiedete sie eine Verordnung, die russische Gasimporte verbieten soll. Einfuhren auf Grundlage kurzfristiger Verträge sind bereits untersagt. Für russisches LNG trat das Verbot nach den Angaben des der slowenischen Kollegen im April in Kraft, für Pipelinegas im Juni.
Bei langfristigen Verträgen soll das Verbot für russisches LNG am 1. Januar 2027 gelten. Für Pipelinegas ist der 30. September 2027 vorgesehen. Sollten die Mitgliedstaaten ihre Gasspeicher nicht rechtzeitig füllen können, könnte sich dieser Termin auf den 1. November 2027 verschieben.
Drittens öffnete die EU ihren Markt immer stärker für Flüssigerdgas aus den USA. Die europäischen Einfuhren von amerikanischem LNG stiegen von 14 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2019 auf 84 Milliarden Kubikmeter im vergangenen Jahr. Im Jahr 2025 lieferten die USA rund 58 Prozent des gesamten von der EU importierten Flüssigerdgases.
Eine dramatische Zäsur war zugleich die Entwicklung rund um die Nord-Stream-Pipelines. Nord Stream 1 transportierte bereits seit Jahren russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland und in andere EU-Staaten. Im Jahr 2011 begann die Planung von Nord Stream 2, wodurch sich die jährlichen Transportkapazitäten verdoppelt hätten.
Die USA, die baltischen EU-Mitgliedstaaten und Polen lehnten das Projekt ab. Sie argumentierten, die Pipeline vergrößere Europas Abhängigkeit von Russland und verschaffe Moskau einen geopolitischen Vorteil.
Im Jahr 2014 annektierte Russland offiziell die ukrainische Halbinsel Krim. Die internationale Gemeinschaft bewertete dies als rechtswidrige Besetzung ukrainischen Staatsgebiets. Im Jahr 2017 verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz mit Sanktionen gegen Russland, den Iran und Nordkorea. US-Präsident Donald Trump setzte es mit seiner Unterschrift in Kraft. Die EU und insbesondere Deutschland kritisierten das Gesetz, weil die USA damit auch europäischen Unternehmen Sanktionen androhten, die am Bau der Pipeline beteiligt waren.
Der damalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel und der österreichische Bundeskanzler Christian Kern schrieben im Juni 2017 in einer gemeinsamen Erklärung, "dass ein geschlossenes und entschlossenes Vorgehen der EU und der USA bei der Lösung des Ukraine-Konflikts im gemeinsamen Interesse liegt, Drohungen gegen europäische Unternehmen, die an der Entwicklung der europäischen Energieversorgung beteiligt sind, jedoch nicht akzeptiert werden können". Weiter erklärten sie kritisch: "Der amerikanische Gesetzentwurf beschreibt mit bemerkenswerter Offenheit, worum es tatsächlich geht: um den Verkauf von amerikanischem Flüssigerdgas und die Verdrängung russischer Erdgaslieferungen vom europäischen Markt. Ziel soll es sein, Arbeitsplätze in der amerikanischen Erdgas- und Erdölindustrie zu sichern."
Nord Stream 2 wurde im September 2021 fertiggestellt. Bundeskanzler Olaf Scholz stoppte am 22. Februar 2022 das Zertifizierungsverfahren. Im September 2022 wurden Nord Stream 1 und Nord Stream 2 unter der Oberfläche der Ostsee durch Explosionen schwer beschädigt.
Nach Darstellung der slowenischen Kollegen erhob die deutsche Bundesanwaltschaft vor wenigen Tagen Anklage gegen den mutmaßlichen ukrainischen Offizier Sergij K. Dabei werde ihm vorgeworfen, dass die Sabotage von ukrainischen Behörden angeordnet worden sei. Die ukrainische Seite bestreitet dies.
Nach Beginn des Krieges war die politische Entscheidung gefallen: Die EU wollte sich aus ihrer Abhängigkeit von russischem Gas lösen. Dafür wurden vor allem drei Argumente angeführt.
Die EU bezeichnete Russland als unzuverlässigen Lieferanten, der Erdgas als geopolitisches Druckmittel einsetzt, die Versorgungssicherheit gefährdet, den Energiemarkt destabilisiert und der europäischen Wirtschaft schadet.
Ein weiteres zentrales Argument war die notwendige Diversifizierung der Bezugsquellen. Allerdings zeigt ein Bericht von ACER, dass die Union bereits im Jahr 2016 Gas aus mehreren Ländern und unterschiedlichen Quellen bezog. Damals entfielen 27 Prozent auf die eigene Produktion. Rund 34 Prozent kamen als Pipelinegas aus Russland, 22 Prozent aus Norwegen, sieben Prozent aus Algerien und ein Prozent aus Libyen. Weitere Anteile wurden durch LNG gedeckt: fünf Prozent aus Katar sowie jeweils 1,5 Prozent aus Algerien und Nigeria.
Im Jahr 2026 ist Norwegen der wichtigste Lieferant von Pipelinegas für die EU. Das meiste Flüssigerdgas liefern die USA.
Auch infrastrukturelle Risiken spielten eine Rolle. Die EU wertete ihre Abhängigkeit von Pipelines als Gefahr, weil Russland den Gasfluss jederzeit hätte stoppen können. LNG-Lieferungen per Tankschiff galten dagegen als flexibler. Fällt ein Lieferant aus, können theoretisch andere Anbieter einspringen.
Allerdings wurde in der Debatte nur selten hervorgehoben, dass die EU ihre LNG-Infrastruktur nach 2022 erheblich ausbauen musste. Für die stark gestiegenen Flüssiggasimporte benötigte sie zusätzliche Terminals, Leitungen und Anlagen zur Rückvergasung.
Zugleich machte Europa Erfahrungen mit einer zunehmend transaktionalen Geopolitik. Nach Darstellung der Kollegen verknüpften die USA ein Freihandelsabkommen mit Vorgaben darüber, welche Mengen amerikanischen Flüssigerdgases die EU innerhalb von drei Jahren kaufen sollte. Auch die vermeintliche Flexibilität der Tankerlieferungen stieß an Grenzen. Nach den erwähnten amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran Ende Februar und der anschließenden Schließung der Straße von Hormus kam es zu Lieferstörungen.
Die Meerenge zählt zu den wichtigsten Transportwegen für Erdöl und Flüssigerdgas. Der Referenzpreis am niederländischen Gashandelsplatz TTF stieg daraufhin um rund 50 Prozent.
LNG-Preise machen die EU abhängig vom Weltmarkt
Flüssigerdgas hat die Versorgungssicherheit der Europäischen Union verbessert. Die Risiken sind dadurch jedoch nicht verschwunden. Vielmehr hängt die EU bei Gaspreisen und verfügbaren Liefermengen nun stärker von den Entwicklungen auf dem Weltmarkt ab.
Vor 2022 wurde der europäische Referenzpreis am niederländischen Handelsplatz TTF vor allem durch langfristige Verträge für russisches Pipelinegas geprägt. Seit LNG einen deutlich größeren Anteil an der europäischen Versorgung erreicht, wirken sich globale Angebotsschwankungen stärker auf die TTF-Preise aus.
Die Preise richten sich nach Angebot und Nachfrage, werden aber auch von weiteren Faktoren beeinflusst. Sind die europäischen Gasspeicher gut gefüllt, beruhigt sich der Markt und die Preise sinken. Kommt es dagegen zu geopolitischen Konflikten oder Störungen wichtiger Transportwege, steigen die Preise.
Hinzu kommt der Wettbewerb mit asiatischen Abnehmern. Europa muss bei knappen Mengen höhere Preise bieten als konkurrierende Käufer in Asien. Dieser internationale Bieterwettbewerb treibt den europäischen Referenzpreis zusätzlich nach oben.
Auch auf dem LNG-Markt schließen Unternehmen langfristige bilaterale Verträge. Nach den von ACER veröffentlichten Daten waren rund 70 Prozent der europäischen LNG-Einfuhren vertraglich abgesichert. Etwa 30 Prozent kaufte die EU jedoch auf dem kurzfristigen Spotmarkt, auf dem die Preise erheblich schwanken können.
Nach einer Schätzung der Europäischen Kommission gab die EU in den ersten 111 Tagen seit Beginn des Krieges im Iran zusätzlich 50 Milliarden Euro für fossile Energieimporte aus. Damit sollte der Ausfall von Öl- und Gaslieferungen infolge der Schließung der strategisch wichtigen Straße von Hormus ausgeglichen werden.
Zu den Gewinnern der europäischen LNG-Abhängigkeit gehören vor allem die Exporteure von Flüssigerdgas. Eine höhere Nachfrage und steigende Preise verschaffen ihnen zusätzliche Einnahmen.
Katar verfügt über besonders niedrige Produktionskosten. Deshalb können katarische Anbieter auch bei vergleichsweise niedrigen Marktpreisen profitabel arbeiten. Die USA profitieren dagegen vor allem von ihren großen Exportmengen. Zu den wichtigsten amerikanischen LNG-Exporteuren gehören Cheniere Energy, Venture Global, Freeport LNG und Sempra.
Nach wertmäßigen Daten von Eurostat erreichten die USA im ersten Quartal einen Anteil von 57,4 Prozent an den europäischen LNG-Importen. Russland folgte mit 17,3 Prozent. Den Kollegen zufolge beschleunigten sich die russischen LNG-Lieferungen, weil Marktteilnehmer dem geplanten Importverbot zuvorkommen wollten. Katar belegte mit einem Anteil von 6,6 Prozent den dritten Platz. Danach folgten Nigeria mit 6,2 Prozent und Norwegen mit 4,4 Prozent.
Auch Energiehändler und große Versorgungsunternehmen profitieren. Eine höhere LNG-Nachfrage bedeutet mehr Handelsvolumen und zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten.
Der größte amerikanische LNG-Exporteur Cheniere beliefert nach öffentlich zugänglichen Angaben unter anderem die europäischen Konzerne Shell, TotalEnergies, Equinor und RWE. Zu den größten LNG-Händlern der Welt zählen Shell, TotalEnergies, BP, Trafigura, Vitol, Gunvor und Mercuria.
Händler können auf dem globalen LNG-Markt außerdem Arbitragegeschäfte nutzen. Dabei kaufen sie Flüssigerdgas in einer Region mit niedrigen Preisen und verkaufen es in einer anderen Region zu einem höheren Preis.
Analysten zufolge zählt der LNG-Handel deshalb zu den profitabelsten Bereichen der globalen Energiewirtschaft. Die eigentliche Produktion und Verflüssigung von Erdgas ist dagegen deutlich kapitalintensiver.
Zu den Gewinnern gehören ebenfalls Unternehmen, die sich mit Transport, Verflüssigung, Rückvergasung, Speicherung und Verteilung befassen. Im Vergleich zu Pipelinegas ist der Weg vom Gasfeld bis zum Endverbraucher bei LNG erheblich komplexer. Jede zusätzliche Produktions- und Transportstufe eröffnet neue Geschäftsmöglichkeiten.
In diesem Marktsegment sind beispielsweise der italienische Energiekonzern Eni, der französische Konzern Engie, die schweizerisch-ungarische MET Group und das ukrainische Unternehmen D. Trading aktiv.
Zu den größten Verlierern zählt dagegen die energieintensive europäische Industrie. Besonders betroffen sind Stahlwerke sowie Hersteller von Aluminium, Zement, Glas, Düngemitteln, Chemikalien und Papier.
Vor dem Strategiewechsel stützten sich viele dieser Unternehmen auf vergleichsweise günstiges Pipelinegas. Inzwischen müssen sie für Energie deutlich mehr bezahlen als zahlreiche Wettbewerber in den USA oder China. Das schwächt ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Auch private Haushalte bezahlen für die höhere Versorgungssicherheit. Sie spüren die Kosten über höhere Heizrechnungen, teureren Strom und steigende Preise für Waren und Dienstleistungen.
Deutschlands Industrie trägt einen erheblichen Teil der Kosten
Damit stellt sich die Frage, ob die EU ihre frühere Abhängigkeit von russischem Gas lediglich gegen eine neue Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas eingetauscht hat. Teresa Ribera, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für einen sauberen, gerechten und wettbewerbsfähigen Übergang, warnte im Januar davor, dass die EU immer stärker von amerikanischen LNG-Importen abhängig werde.
Europa müsse verhindern, eine Abhängigkeit durch eine andere zu ersetzen. Ribera forderte eine breitere Diversifizierung der Energieversorgung und eine bessere Nutzung lokaler Ressourcen. Dazu zählen insbesondere erneuerbare Energien und erneuerbar erzeugter Wasserstoff. Ähnliche Bedenken äußerte der EU-Kommissar für Energie und Wohnen, Dan Jørgensen. Er betonte, die Europäische Union müsse ihre Verwundbarkeit durch einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien und eine höhere heimische Produktion verringern.
Bereits heute stellen die USA knapp 58 Prozent der europäischen LNG-Einfuhren. Schätzungen zufolge könnte ihr Anteil bis 2030 auf 80 Prozent steigen, wenn die EU nicht gegensteuert.
Für Deutschland ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das Land war vor 2022 besonders stark in das System russischer Pipelinegaslieferungen eingebunden. Die deutsche Wirtschaft musste ihre Versorgung deshalb innerhalb kurzer Zeit auf neue Lieferwege umstellen. Deutschland baute schwimmende LNG-Terminals auf und integrierte zusätzliche Importmöglichkeiten in sein Gasnetz. Diese Infrastruktur erhöht die Versorgungssicherheit. Sie schützt Unternehmen und Haushalte jedoch nicht vor den höheren Kosten und Preisschwankungen des globalen LNG-Marktes. Besonders problematisch ist dies für die deutsche Industrie. Chemieunternehmen, Stahlhersteller, Glasproduzenten, Papierfabriken und andere energieintensive Betriebe stehen im internationalen Wettbewerb mit Unternehmen, die häufig deutlich niedrigere Gas- und Strompreise zahlen.
Die neue LNG-Strategie verringert damit zwar das Risiko einer einseitigen Abhängigkeit von russischen Pipelines. Sie schafft zugleich eine stärkere Abhängigkeit von globalen Preisen, amerikanischen Lieferanten, internationalen Schifffahrtswegen und geopolitisch gefährdeten Meerengen. Für Deutschland entscheidet die langfristige Entwicklung der Gaspreise wesentlich darüber, ob energieintensive Produktion im Land wettbewerbsfähig bleibt oder zunehmend in Regionen mit niedrigeren Energiekosten abwandert.

