Criteo-Aktie lockt mit ungewöhnlicher Übernahmechance
Was können Anleger tun, wenn Investitionen angesichts der Rekordstände an den Börsen zunehmend riskant erscheinen? Eine Möglichkeit besteht darin, gezielt nach Sondersituationen zu suchen. Genau dort ist nun eine weitere Investmentidee aufgetaucht, die zu einer besonders interessanten Kategorie gehört. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.
Beim Investieren ist es wichtig, die eigenen Fähigkeiten selbstkritisch einzuschätzen und zugleich offen für Argumente und Ideen anderer Marktteilnehmer zu bleiben. Am Ende zählt nicht, wer mit seiner Einschätzung recht behalten hat, sondern welche Rendite erzielt wurde. Deshalb lohnt es sich, genau zu beobachten, welche Aktien andere Investoren kaufen oder verkaufen und welche Begründungen dahinterstehen.
Übernahmefantasie bei Criteo-Aktie: Steht das Papier vor dem nächsten Kurssprung?
Eine solche fremde Investmentidee führte bereits vor einigen Jahren zum Kauf von Aktien der Baltic Classifieds Group. Der Kurs der Aktie verdoppelte sich später. Schwieriger wurde die Situation allerdings bei der Entscheidung, wann die Position wieder verkauft werden sollte. Ein erheblicher Teil des zwischenzeitlichen Kursgewinns ging dadurch wieder verloren. Auch das war eine Lektion.
Interessante Investmentideen können deshalb überall auftauchen. Eine davon stammt nun aus einer Kategorie, die für Anleger besonders reizvoll sein kann. Es geht um Unternehmensübernahmen, öffentliche Kaufangebote und den Rückzug börsennotierter Unternehmen vom Aktienmarkt.
Der auf dem litauischen Markt bekannte Investor Marius Čiuželis veröffentlicht auf Facebook gelegentlich Informationen über einzelne Investments und Erfolge. Die Beiträge bleiben meist abstrakt. Konkrete Aktiennamen nennt er häufig nicht.
In einem seiner jüngsten Beiträge berichtete Čiuželis von zwei „Buyouts“, an denen er beteiligt sei. Gemeint sind Aktien von Unternehmen, für die Übernahmeangebote vorliegen oder bei denen eine Übernahme vorbereitet wird.
Eine der Gesellschaften beschrieb er als französischen Giganten aus dem Adtech-Sektor, den bekannte Private-Equity-Gesellschaften übernehmen wollten. Der gebotene Preis liege rund 50 Prozent über dem damaligen Börsenkurs. Zum Zeitpunkt seines Facebook-Beitrags notierte die Aktie bei etwa 17 Dollar.
Die Hinweise führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Criteo. Vista Equity Partners und Quinti Capital haben nach Informationen von Reuters und zuvor Bloomberg ein Angebot für das französische Werbetechnologieunternehmen vorgelegt. Den Quellen zufolge bewertete die Offerte Criteo mit einer Prämie von mehr als 50 Prozent gegenüber dem vorherigen Börsenkurs. Criteo hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Entscheidung über das Angebot getroffen.
Die Übernahmeberichte wurden am 6. Juli öffentlich. Die in den USA gehandelten Criteo-Aktien schlossen an diesem Tag nach einem Kurssprung von 21,4 Prozent bei 23,17 Dollar. Die Marktkapitalisierung lag damit bei rund 1,16 Milliarden Dollar.
Hohe Prämie, hohes Risiko: Wie attraktiv ist die Criteo-Aktie wirklich?
Auch die Aussage, Criteo habe schon früher nach strategischen Möglichkeiten für das Unternehmen gesucht, erhöht grundsätzlich die Plausibilität einer Transaktion. Für Anleger bleibt jedoch entscheidend, dass Medienberichte über ein Angebot noch keinen erfolgreichen Abschluss garantieren.
Gerade die Höhe der möglichen Prämie macht die Criteo-Aktie interessant. Eine Prämie von mehr als 50 Prozent gegenüber einem vorherigen Marktpreis kommt bei größeren börsennotierten Unternehmen nicht regelmäßig vor.
Anfang August erhielt die Übernahmespekulation zusätzlichen Reiz. Nach Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal geriet die Criteo-Aktie deutlich unter Druck. Am 5. August verlor sie zeitweise annähernd 20 Prozent. Das Unternehmen meldete einen niedrigeren Umsatz und einen Rückgang des bereinigten Ergebnisses gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Damit näherte sich der Kurs wieder Niveaus an, die bereits vor den Übernahmeberichten erreicht worden waren. Für Anleger entsteht dadurch eine klassische Sondersituation. Sollte eine Transaktion tatsächlich zu einem deutlich höheren Preis zustande kommen, wäre erhebliches Kurspotenzial vorhanden. Scheitert das Vorhaben, könnte dagegen der fundamentale Zustand des Unternehmens wieder stärker über die Bewertung entscheiden.
Übernahme der Criteo-Aktie bleibt eine riskante Wette
Genau solche Konstellationen haben einen besonderen Reiz. Anders als bei einer klassischen langfristigen Aktienanlage gibt es einen relativ klaren möglichen Auslöser für das Ende der Investmentgeschichte. Entweder kommt die Übernahme zustande und die Position wird zum angebotenen Preis abgewickelt oder die Transaktion scheitert und der Anleger muss mit den Folgen leben.
Die Investmentidee selbst stammt dabei nicht aus einer eigenen Unternehmensanalyse. Sie wurde durch die Hinweise von Marius Čiuželis entdeckt. Dass Anleger Ideen anderer Investoren verfolgen und anschließend eigenständig prüfen, gehört zum Börsenalltag. Rund um angekündigte Fusionen und Übernahmen existiert sogar eine eigene Investmentstrategie, die als Merger Arbitrage bezeichnet wird.
Entscheidend bleibt jedoch, dass die Übernahmeprämie kein kostenloser Gewinn ist. Der Abstand zwischen Börsenkurs und möglichem Kaufpreis existiert gerade aufgrund der Unsicherheit darüber, ob und unter welchen Bedingungen die Transaktion tatsächlich abgeschlossen wird.
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Wer einem anderen Anleger in eine Position folgt, kennt dessen weitere Strategie nicht. Der ursprüngliche Investor könnte seine Aktien längst verkauft haben oder dies kurz darauf tun. Kauf und Ausstieg müssen deshalb unabhängig voneinander beurteilt werden.
Die Erfahrung mit der Baltic Classifieds Group zeigt genau dieses Risiko. Eine fremde Idee kann zunächst hohe Kursgewinne bringen. Ohne eigene Verkaufsstrategie kann dennoch ein erheblicher Teil dieser Gewinne wieder verschwinden.
Die Criteo-Aktie bietet damit zwar eine ungewöhnliche Chance, sie bleibt aber ein spekulatives Investment. Die entscheidende Frage lautet nicht allein, wie hoch die mögliche Prämie ausfällt. Anleger müssen beurteilen, wie wahrscheinlich der Abschluss einer Übernahme tatsächlich ist und welchen Wert die Aktie besitzen könnte, falls das Angebot scheitert.
Besonders wichtig ist dabei die Informationslage. Die ursprünglichen Berichte über Vista Equity Partners und Quinti Capital beruhen auf mit der Angelegenheit vertrauten Quellen. Eine öffentlich bestätigte erfolgreiche Übernahme lässt sich daraus nicht ableiten. Reuters berichtete lediglich über ein vorgelegtes Angebot und darüber, dass Criteo damals noch keine Entscheidung getroffen hatte.
Damit unterscheidet sich die Situation grundlegend von einer bereits verbindlich vereinbarten Transaktion.
Eine zweite Übernahmesituation, auf die Čiuželis offenbar anspielte, betrifft ZIM Integrated Shipping Services. Dabei handelt es sich um die israelische Reederei, die von Hapag-Lloyd übernommen werden soll.
ZIM-Übernahme für vier Milliarden Dollar: Wie groß ist das Risiko?
Inzwischen ist diese Transaktion deutlich konkreter als die ursprünglichen Übernahmespekulationen vermuten ließen. Hapag-Lloyd und ZIM unterzeichneten bereits am 16. Februar 2026 eine verbindliche Vereinbarung. Der Hamburger Konzern will sämtliche ausstehenden ZIM-Aktien für 35 Dollar je Aktie in bar erwerben. Das Transaktionsvolumen liegt bei mehr als vier Milliarden Dollar.
Dennoch bestehen auch hier erhebliche Risiken.
Mehrere Führungskräfte von ZIM verkauften nach Bekanntwerden der Vereinbarung Aktien. Nach einem Bericht von CTech veräußerten vier leitende Manager zusammen Aktien im Wert von rund 41,7 Millionen Dollar zu Kursen zwischen 28 und 29 Dollar. Der vereinbarte Übernahmepreis beträgt dagegen 35 Dollar je Aktie. Allein Vorstandschef Eli Glickman verkaufte demnach einen großen Teil seiner Beteiligung.
Solche Verkäufe müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Führungskräfte mit einem Scheitern rechnen. Aus Sicht eines außenstehenden Anlegers können sie dennoch Zweifel auslösen. Wer überzeugt ist, dass die Transaktion sicher zu 35 Dollar abgeschlossen wird, könnte sich fragen, weshalb Insider ihre Aktien zuvor zu einem niedrigeren Preis verkaufen.
Hinzu kommen regulatorische und politische Bedingungen. Der Abschluss benötigt unter anderem die Zustimmung der ZIM-Aktionäre sowie der zuständigen Behörden. Auch der Staat Israel besitzt aufgrund seiner Sonderrechte eine entscheidende Rolle. Hapag-Lloyd erwartet die erforderlichen Genehmigungen weiterhin bis Ende 2026.
Damit ist auch bei ZIM die Differenz zwischen aktuellem Börsenkurs und vereinbartem Kaufpreis letztlich eine Entschädigung für das verbleibende Transaktionsrisiko.
Deutschland-Bezug: Hapag-Lloyd macht Übernahmewetten strategisch relevant
Für deutsche Anleger besitzt der Fall ZIM eine besondere Bedeutung. Anders als bei Criteo besteht hier ein unmittelbarer Deutschland-Bezug, denn Käufer ist die Hamburger Containerreederei Hapag-Lloyd.
Die geplante Übernahme würde die Position des deutschen Unternehmens im weltweiten Containerverkehr deutlich stärken. Nach Angaben von Hapag-Lloyd käme das kombinierte Geschäft auf mehr als 400 Schiffe, eine Transportkapazität von über drei Millionen Standardcontainern und mehr als 18 Millionen transportierte Standardcontainer pro Jahr. Der Konzern erwartet jährliche Synergien in Höhe mehrerer hundert Millionen Dollar.
Die Vereinbarung sieht zugleich eine besondere Konstruktion für Israel vor. Ein Teil des Geschäfts soll unter Kontrolle des israelischen Private-Equity-Unternehmens FIMI als neue israelische Containerreederei weitergeführt werden. Dorthin soll auch die sogenannte Golden Share des israelischen Staates übertragen werden.
Für deutsche Investoren ist die Transaktion deshalb nicht nur als mögliche Arbitragechance bei der ZIM-Aktie interessant. Sie betrifft unmittelbar die künftige Marktstellung eines der wichtigsten deutschen Logistikkonzerne. Sollte die Übernahme abgeschlossen werden, würde Hapag-Lloyd seine Stellung als fünftgrößte Containerreederei der Welt festigen.
Neben den Übernahmewetten sorgt derzeit eine weitere Investmententscheidung für Aufmerksamkeit. Bill Ackmans Investmentgesellschaft Pershing Square hat im zweiten Quartal beziehungsweise im ersten Halbjahr 2026 eine neue Position beim Streamingkonzern Netflix aufgebaut.
Pershing Square hält Netflix inzwischen wieder für erheblich attraktiver als noch vor einigen Jahren. Ackman hatte eine frühere Position 2022 mit einem Verlust von rund 400 Millionen Dollar verkauft. Nun argumentieren Ackman und Investmentchef Ryan Israel, dass Netflix die „Streaming-Kriege effektiv gewonnen“ habe. Die enorme Kundenbasis ermögliche dem Konzern höhere Ausgaben für Inhalte, während sich diese Kosten auf mehr Nutzer verteilen ließen.
Pershing Square erwartet zudem weiterhin zweistelliges Umsatzwachstum und eine Verbesserung der Profitabilität. Ende Juni belief sich der Marktwert der Netflix-Position des Unternehmens auf rund 225 Millionen Dollar.
Die Bekanntgabe des Investments hatte unmittelbare Auswirkungen auf den Aktienkurs. Netflix legte am darauffolgenden Handelstag um 5,4 Prozent auf 78,24 Dollar zu. Auch mehrere andere Aktien, bei denen Pershing Square neue Positionen offengelegt hatte, reagierten positiv.
Für Anleger, die Netflix bereits nach dem vorherigen Kursrückgang gekauft hatten, liefert Ackmans Einstieg damit zumindest zusätzliche Unterstützung für die Investmentthese. Er beseitigt allerdings weder Bewertungsrisiken noch operative Unsicherheiten.
Die drei Beispiele Criteo, ZIM und Netflix zeigen zugleich unterschiedliche Wege, auf besondere Börsensituationen zu setzen. Bei Criteo geht es vor allem um die Wahrscheinlichkeit eines bislang nicht abschließend bestätigten Übernahmeszenarios. Bei ZIM existiert bereits eine verbindliche Vereinbarung, allerdings stehen noch Genehmigungen aus. Bei Netflix geht es dagegen um die fundamentale Einschätzung eines prominenten Großinvestors.
Gemeinsam ist allen Fällen nur eines. Die Entscheidung eines bekannten Investors kann der Ausgangspunkt einer eigenen Analyse sein. Sie ersetzt diese Analyse jedoch nicht.




