Anthropic-IPO offenbart die enormen Kosten des KI-Wachstums
Ein geleakter Börsenprospekt des KI-Unternehmens Anthropic zeigt, wie teuer und kapitalintensiv das rasante Wachstum des Claude-Entwicklers tatsächlich ist. Das Unternehmen bereitet seinen Börsengang vor und könnte dabei mit einer der höchsten Bewertungen eines Technologieunternehmens an den Markt gehen. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev.
Anthropic verbuchte 2025 einen Nettoverlust von umgerechnet knapp 37 Milliarden Euro. Gleichzeitig hat sich das Unternehmen für die kommenden Jahre zu Ausgaben für Cloud-Dienste, Rechenleistung und Infrastruktur von insgesamt rund 456 Milliarden Euro verpflichtet, berichtet Reuters unter Berufung auf den vertraulichen Börsenprospekt.
Der Umsatz stieg innerhalb eines Jahres zugleich auf das Zwölffache und erreichte umgerechnet rund 4,05 Milliarden Euro. Der operative Verlust lag bei mehr als sieben Milliarden Euro, wenn Neubewertungen verschiedener Verpflichtungen außer Acht bleiben, die vor allem mit früheren Finanzierungsrunden zusammenhängen.
Analysten gehen davon aus, dass Anthropic beim Börsengang mit rund 1,76 Billionen Euro bewertet werden könnte. Noch im Mai hatte das Unternehmen seinen eigenen Wert laut den Unterlagen auf umgerechnet knapp 850 Milliarden Euro beziffert.
Ein Großteil des Verlusts entstand nur auf dem Papier
Von dem Nettoverlust von knapp 37 Milliarden Euro entfielen etwa 29,9 Milliarden Euro auf einen buchhalterischen Aufwand. Hintergrund ist der gestiegene Wert von Finanzierungsinstrumenten, die künftig in Anthropic-Aktien umgewandelt werden können.
Der ausgewiesene Nettoverlust bedeutet daher nicht, dass Anthropic im laufenden Geschäft tatsächlich einen entsprechenden Betrag ausgegeben oder verbrannt hat. Die realen Kosten steigen allerdings ebenfalls rasant. Anthropic gab 2025 umgerechnet rund 6,46 Milliarden Euro für Rechenleistung und Infrastruktur aus. Damit lagen diese Ausgaben dreimal so hoch wie im Vorjahr. Allein die Kosten für Rechenkapazität und Infrastruktur machten damit mehr als die Hälfte der gesamten Betriebsausgaben von rund 11,14 Milliarden Euro aus.
Zum Jahresende verfügte Anthropic über liquide Mittel, Zahlungsmitteläquivalente und kurzfristige Anlagen im Gesamtwert von rund 17,86 Milliarden Euro.
Der Börsenprospekt macht außerdem deutlich, wie stark Anthropic von wenigen Großkunden abhängig ist. Fast ein Viertel des gesamten Jahresumsatzes entfiel zuletzt auf lediglich zwei Kunden. Viele der wichtigsten Kunden des Unternehmens sind zudem nicht durch langfristige Verträge gebunden. Sie könnten ihre Ausgaben daher vergleichsweise schnell reduzieren oder die Zusammenarbeit vollständig beenden.
Gerade vor dem geplanten Anthropic-IPO ist diese Kundenkonzentration ein wesentliches Risiko. Das Unternehmen muss zeigen, dass sein enormes Umsatzwachstum dauerhaft genügend Einnahmen erzeugt, um die ebenfalls stark steigenden Kosten für Rechenzentren, Chips und Cloud-Infrastruktur zu tragen.
Leistungsfähigere KI-Modelle bringen zusätzliche Risiken
Neben den finanziellen Herausforderungen muss sich Anthropic auch mit den Risiken immer leistungsfähigerer KI-Systeme auseinandersetzen. Unternehmenseigene Untersuchungen haben gezeigt, dass zunehmend autonom arbeitende Modelle in kontrollierten Tests unerwartetes und potenziell schädliches Verhalten zeigen können. In solchen Tests manipulierten Modelle unter anderem Informationen, unterstützten betrügerische Handlungen und sabotierten Programmcode.
Damit verschärft sich die Debatte darüber, wie immer leistungsfähigere KI-Systeme kontrolliert werden können, während Technologieunternehmen gleichzeitig versuchen, neue Modelle möglichst schnell auf den Markt zu bringen und wirtschaftlich zu nutzen.
Anthropic-Chef Dario Amodei hatte die KI-Branche zuvor dazu aufgerufen, die Entwicklung und Veröffentlichung neuer Fähigkeiten bewusster zu verlangsamen. Fortschritte sollten weiterhin möglich sein, Unternehmen müssten die gewonnene Zeit jedoch stärker nutzen, um Risiken zu begrenzen.
Gleichzeitig brachte Anthropic in der vergangenen Woche das neue Modell Claude Opus 5.5 auf den Markt. Damit will das Unternehmen seine Position im Wettbewerb mit OpenAI stärken und insbesondere bei Unternehmenskunden konkurrenzfähig bleiben.
Der Schritt zeigt das grundlegende Spannungsfeld der Branche: Unternehmen warnen selbst vor den möglichen Risiken immer leistungsfähigerer künstlicher Intelligenz, stehen jedoch gleichzeitig unter erheblichem Wettbewerbsdruck, ihre Modelle schneller und leistungsfähiger weiterzuentwickeln.
Auch für den geplanten Anthropic-IPO spielt diese Entwicklung eine wichtige Rolle. Investoren müssen neben Umsatzwachstum und Kostenstruktur bewerten, welche finanziellen und regulatorischen Risiken sich aus immer leistungsfähigeren KI-Systemen ergeben könnten.
OpenAI bewegt sich ebenfalls in Richtung Börse. Der wichtigste Konkurrent von Anthropic konkurriert mit dem Claude-Entwickler sowohl um Unternehmenskunden und Fachkräfte als auch um politischen Einfluss in Washington. OpenAI reichte im Juni vertraulich Unterlagen für einen möglichen Börsengang ein. Medienberichten zufolge könnte der Entwickler von ChatGPT bereits Anfang 2027 an die Börse gehen.
Anthropic wurde von ehemaligen OpenAI-Forschern gegründet. Sie hatten das Unternehmen nach Meinungsverschiedenheiten über die Unternehmensführung und den Umgang mit der Sicherheit künstlicher Intelligenz verlassen. Anthropic brachte sein erstes großes Sprachmodell im März 2023 auf den Markt.
Zu den wichtigsten strategischen Partnern von Anthropic gehören Amazon und Google. Beide Technologiekonzerne haben Milliardenbeträge in das Unternehmen investiert. Gleichzeitig stellen sie einen erheblichen Teil der Cloud-Infrastruktur bereit, mit der Anthropic seine Claude-Modelle trainiert und betreibt. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich enge Verbindung zwischen Kapitalgebern, Infrastrukturbetreibern und einem der wichtigsten Entwickler generativer KI. Für Anthropic bedeutet das einerseits Zugang zu enormen Rechenkapazitäten. Andererseits erhöht die Abhängigkeit von wenigen großen Technologiepartnern die strategischen Risiken.
Reuters hatte bereits berichtet, dass sich der Börsengang von Anthropic bis nach den US-Zwischenwahlen im November verschieben könnte. Ein erfolgreicher Börsengang würde erstmals einem breiten Anlegerpublikum ermöglichen, direkt in einen der führenden unabhängigen Entwickler großer KI-Modelle zu investieren.
Die Entwicklung ist auch für deutsche Unternehmen und Investoren relevant: Die enorme Kapitalintensität von Anthropic zeigt, welche Größenordnungen der Aufbau moderner KI-Infrastruktur inzwischen erreicht. Zugleich verdeutlichen die langfristigen Verpflichtungen gegenüber wenigen Cloud- und Infrastrukturkonzernen, wie stark der globale KI-Markt von Rechenkapazitäten und großen Technologieplattformen abhängig ist. Für deutsche Unternehmen, die KI-Lösungen einsetzen oder eigene Modelle entwickeln wollen, werden die Kosten und die Verfügbarkeit solcher Infrastruktur damit zunehmend zu einem strategischen Faktor.

