Politik

Österreich: Im Westen verankert, den Blick nach Osten

In der zwölften Folge der großen geopolitischen DWN-Serie befasst sich Moritz Enders mit Österreich. Er analysiert die Herausforderungen, mit denen die Alpen- und Donau-Republik konfrontiert ist - aber auch die Chancen, die sich ihr bieten.
11.04.2021 10:29
Lesezeit: 3 min
Österreich: Im Westen verankert, den Blick nach Osten
Österreich zwischen West und Ost. (Quelle: DWN/Google Maps)

Die Alpen- und Donau-Republik Österreich wird von Bergen und Hügellandschaften geprägt und geht im Osten in die Pannonische Tiefebene über. Über sie erfolgten die beiden Vorstöße der Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert, die jeweils in erfolglosen Belagerungen der Stadt Wien endeten. Die Alpen sind für Feinde fast unüberwindbar. So konnten die Italiener im Ersten Weltkrieg trotz teilweise dreifacher numerischer Überlegenheit den österreichischen Abwehrriegel nicht knacken. Heute ist das EU-Mitglied Österreich, das keinem Militärbündnis angehört, umringt von Freunden und fest eingebettet in den westeuropäischen Wirtschaftsraum, seine geoökomischen Interessen zielen aber darüber hinaus auch nach Osten und Südosten. Eine Analyse.

Ringen um die Vorherrschaft

Diese wirtschaftliche und kulturelle Ausrichtung nach Osten und Südosten erscheint nicht nur aus geographischen, sondern auch aus historischen Gründen folgerichtig. Noch im 19. Jahrhundert rivalisierte Österreich mit Preußen um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Dieser Machtkampf gipfelte in der Schlacht von Königgrätz im Jahr 1866, aus der Preußen als Sieger hervorging. Der Weg zur Deutschen Reichsgründung unter Führung Preußens war damit geebnet. Sie wurde dann im Jahr 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg in Versailles besiegelt.

Eine „großdeutsche Lösung“ unter Einbeziehung Österreichs war somit vom Tisch. Wien begab sich nun in eine Realunion mit Ungarn. Dieser auch als k. und k. Monarchie bezeichnete Staat war Teil der sogenannten Pentarchie, also eine der fünf führenden Mächte Europas und – nach dem Russischen Reich – der flächenmäßig zweitgrößte Staat des Kontinents. Er umfasste auch das heutige Tschechien und die heutige Slowakei sowie Territorien des Balkans, Polens und der heutigen Ukraine. Darüber hinaus hatte es mit der Hafenstadt Triest einen direkten Zugang zur Adria. Triest, das schon seit dem Mittelalter zum habsburgisch- österreichischen Machtbereich gehört hatte, nahm als einziger großer Seehafen Österreichs naturgemäß eine eminent wichtige strategische Stellung in der Habsburgermonarchie, die Österreich vom 14. Jahrhundert bis 1918 beherrschte, ein.

Gelegentlich als „Kerker der Völker“ bezeichnet, mag man die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie gleichwohl auch als ein Laboratorium für einen nicht an nationalstaatlichen Kriterien ausgerichteten Vielvölkerstaat betrachten, der nach dem Ersten Weltkrieg in sich zusammenbrach.

Im Westen verankert

Heute rechnet man die Republik Österreich zu den sogenannten DACH-Ländern – Deutschland, Österreich und die Schweiz – die sich durch einen hohen Lebensstandard, einen beachtlichen – oft mittelständisch geprägten – Industrialisierungsgrad sowie eine starke wirtschaftliche Konnektivität auszeichnen. Zudem verbindet Österreich und Deutschland die gemeinsame deutsche Sprache. Das Inntal in Tirol ist zudem das Bindeglied zwischen dem süddeutschen und dem norditalienischen Wirtschaftsraum, die beide industrielle Kraftzentren der EU darstellen.

Meer und Fluss

Darüber hinaus hat sich Österreich der 2016 gegründeten „Drei-Meeres-Initiative“ angeschlossen, der insgesamt zwölf Länder aus Ostmittel- und Südosteuropa angehören, und die einen Wirtschaftsraum umfasst, der von der Ostsee bis zur Adria und zum Schwarzen Meer reicht. Eine Beteiligung an diesem Kooperationsabkommen, das in den nächsten Jahren zahlreiche grenz­überschreitende Infrastrukturprojekte vor allem in Nord-Süd-Richtung vorsieht, liegt im geoökonomischen Interesse Österreichs. Das Land profitiert aufgrund seiner geographischen Lage also doppelt: Einerseits als fester Bestandteil des westeuropäischen Wirtschaftsraums, andererseits von seiner Verflechtung mit Südosteuropa, dessen bedeutsamster Strom die Donau ist. Sie entspringt unweit des Schwarzwaldes und durchfließt anschließend verschiedene Kulturräume, bis sie sich endlich über das zweitgrößte Flussdelta Europas zwischen Auwäldern, schwimmenden Inseln und Röhrichte in das Schwarze Meer ergießt. Seit jeher ist der Fluss eine der wichtigsten europäischen Handelsrouten.

Drehscheibe des Welthandels

Besonders Wien konnte sich in den letzten Jahren als Drehscheibe zwischen West- und Mittelosteuropa etablieren. Zudem dürfte die österreichische Hauptstadt auch für den Schienenverkehr aus Fernost an Bedeutung gewinnen: Es ist geplant, das russische Breitspurnetz, das bereits das slowakische Kosice erreicht, bis zu einem gewaltigen Containerumschlagbahnhof vor den Toren der Donaumetropole zu verlängern. Dies käme einer stärkeren Anbindung Österreichs an das chinesische Projekt der „Neuen Seidenstraße“ gleich, da China neben dem Seeweg auch zunehmend den Landweg für den Gütertransport von und nach Europa nutzen will. Österreich und vor allem Wien befinden sich also an der Schnittstelle zwischen dem hoch industrialisierten westeuropäischen Wirtschaftsraum, der Neuen Seidenstraße und dem entwicklungsträchtigen südosteuropäischen Wirtschaftsraum und kann von dieser geographischen Lage nur profitieren. Zudem ermöglichen die Alpen dem Land eine starke Nutzung von Wasserkraft, die einen Anteil von mehr als einem Viertel (28 Prozent) an der Energieerzeugung hat. Man kann also sagen: Felix Austria – glückliches Österreich!

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Verbraucher mit Risiko umgehen – zwischen Finanzentscheidungen und digitaler Unterhaltung

Risiko ist ein Begleiter fast jeder wirtschaftlichen Entscheidung. Mal ist es größer, mal kleiner. Mal offensichtlich, mal schwer...

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ritter Sport: Schokoladenhersteller erstmals von Stellenabbau betroffen
24.04.2026

2025 war kein einfaches Jahr für den Schokoladenhersteller Ritter Sport. Hohe Kosten für Kakao, Energie und Logistik drückten die Firma...

DWN
Technologie
Technologie KI als Jobvernichter: Welche Jobs gefährdet sind und welche nicht
24.04.2026

Künstliche Intelligenz macht viele Arbeitsplätze überflüssig. Doch nicht alle Branchen sind betroffen und es entstehen auch ganz neue...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt nach und Ölpreis schießt in die Höhe, da die Spannungen um Hormus steigen
23.04.2026

Ein turbulenter Handelstag wirft Fragen auf: Erfahren Sie, welche treibenden Kräfte die globalen Märkte aktuell in Atem halten.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue Energiepläne der EU: Unsicherheit im Markt für Solaranlagen und Wärmepumpen
23.04.2026

Die EU-Energiepolitik setzt verstärkt auf Förderprogramme für Wärmepumpen und Solaranlagen, doch in der Installationsbranche wächst...

DWN
Politik
Politik Stopp von kasachischem Öl: Russland stoppt Lieferung zur PCK-Raffinerie in Schwedt
23.04.2026

Ab kommender Woche wird kein Öl aus Kasachstan mehr durch die Pipeline Druschba nach Deutschland und zur PCK-Raffinerie in Schwedt...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg belastet Energiemarkt: EU reagiert mit Krisenpaket
23.04.2026

Die EU reagiert auf steigende Energiepreise infolge des Iran-Kriegs mit einem ersten Krisenpaket und bereitet sich auf politische...

DWN
Politik
Politik Milliardenschwere Ukraine-Hilfe: EU bricht Blockade und verschärft Sanktionen
23.04.2026

Nach dem Ende des wochenlangen Widerstands aus Ungarn hat die Europäische Union den Weg für ein massives Unterstützungspaket...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Konzern drosselt China-Ziele – Fokus auf Rendite statt Volumen
23.04.2026

Der Volkswagen-Konzern zieht Konsequenzen aus dem schwierigen Marktumfeld in Fernost. Angesichts eines verschärften Preiskampfes und...