Politik

Ukraine-Krieg: Selenskyj kündigt nach verheerenden russischen Luftangriffen einen Vergeltungsschlag an – mit westlichen Kampfjets

Russland überzieht die Ukraine mit beispiellosen Luftangriffen - wohl aus Rache für die feindliche Bodenoffensive im Gebiet Kursk. Präsident Selenskyj kündigt eine militärische Reaktion an, bei der auch westliche F16-Kampfjets zum Einsatz kommen sollen.
27.08.2024 10:22
Aktualisiert: 27.08.2024 10:55
Lesezeit: 3 min
Ukraine-Krieg: Selenskyj kündigt nach verheerenden russischen Luftangriffen einen Vergeltungsschlag an – mit westlichen Kampfjets
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj steht vor einem aus westlichen Staaten gelieferten F-16-Kampfjet der ukrainischen Luftwaffe. (Foto: dpa) Foto: Efrem Lukatsky

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Vergeltung für die großangelegten russischen Luftangriffe auf sein Land angekündigt. An der militärischen Antwort würden auch vom Westen gelieferte F-16-Kampfjets beteiligt sein, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. Russland hatte das Nachbarland nach Angaben aus Kiew binnen kurzer Zeit mit 236 Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen attackiert. Die Angriffe galten vor allem der Energieinfrastruktur des Landes.

Die Luftangriffe töteten am Montag laut Behördenangaben mindestens sieben Menschen, 47 weitere wurden verletzt. Auch in der Nacht zum Dienstag gab es in der Ukraine erneut vielerorts Luftalarm. In der Großstadt Krywyj Rih schlug nach Behördenangaben eine russische Rakete in einem Hotel ein. Es gebe mindestens zwei Todesopfer, berichteten ukrainische Medien unter Berufung auf die Militärverwaltungen der Stadt und des Bezirks. Bis zu fünf Menschen könnten unter den Trümmern des Gebäudes verschüttet sein, die Rettungsarbeiten liefen. Die Industriestadt Krywyj Rih im Gebiet Dnipropetrowsk ist die Geburtsstadt Selenskyjs.

Details zur angekündigten Vergeltung für die Luftangriffe vom Montag nannte Selenskyj nicht. Allerdings verwies er auch auf die seit drei Wochen laufende ukrainische Offensive im russischen Gebiet Kursk. Die ukrainischen Truppen hätten dort ihre Kontrolle ausgeweitet und erneut russische Kriegsgefangene genommen, was die Möglichkeiten für den Austausch von Gefangenen verbessere.

Selenskyj: Zerstörte Energie-Infrastruktur wird repariert

Nach den russischen Angriffen berichteten die Behörden in der Ukraine von massiven Schäden an der Energieinfrastruktur. Auch für Dienstag kündigten die Energieversorger stellenweise Stromabschaltungen an. „In einigen Orten hat der Terrorstaat zivile Ziele mit Streumunition angegriffen“, teilte Selenskyj nach einem Treffen mit der Militärführung über Telegram mit. Bevor die Reparaturen am Energiesektor beginnen könnten, müssten die Streubomben entschärft werden.

Schon zuvor hatte der Präsident mit Blick auf die Schäden in einer Videobotschaft mehr Waffen von den Verbündeten gefordert und eine Freigabe reichweitenstarker westlicher Raketen für den Beschuss von Zielen auf russischem Gebiet im Hinterland. Bisher gelten Beschränkungen für deren Einsatz.

Präsident Selenskyj begründete die Invasion im Gebiet Kursk auch damit, dass die westlichen Verbündeten bisher reichweitenstarke Waffen nicht für den Einsatz auf russischem Gebiet freigegeben haben. Die Präsenz der ukrainischen Truppen und ihre Anstrengungen, die russische Bedrohung zu eliminieren, seien ein Weg, die fehlende Erlaubnis zu kompensieren, sagte er.

Vor drei Wochen war die Ukraine mit rund 10.000 Soldaten in die Region Kursk einmarschiert. Selenskyj hatte auch davon gesprochen, dass damit der Druck auf Moskau erhöht werden solle, sich auf Verhandlungen für eine gerechte Friedenslösung in dem vor zweieinhalb Jahren vom Kreml initiierten Krieg einzulassen. Russland erklärte nach der Invasion seine Bereitschaft zu Gesprächen für nichtig.

Russlands Vergeltung wegen Kursk-Offensive der Ukraine

In vielen Regionen der Ukraine gab es am Montag stundenlang Luftalarm. Die Bombardierungen, über die auch das russische Verteidigungsministerium ausführlich berichtete, gelten als Teil der Vergeltung für die ukrainische Kursk-Offensive. Kremltreue Kräfte hatten zuletzt kritisiert, dass Moskau so lange mit einer militärischen Gegenreaktion warte. Experten gehen davon aus, dass die ukrainischen Kräfte die besetzten russischen Ortschaften über Monate hinweg kontrollieren können.

In der Nacht von Montag auf Dienstag hat Russland die Ukraine erneut mit schweren Luftangriffen verschiedener Waffentypen überzogen. Dabei wurden nach ersten Überblicken der ukrainischen Behörden mindestens fünf Menschen getötet - zwei Menschen durch einen Raketentreffer auf ein Hotel in Krywyj Rih und drei weitere durch Drohnenangriffe auf Saporischschja.

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe konnten 5 russische Marschflugkörper und 60 von 81 eingesetzten Drohnen abgefangen werden. Zehn Drohnen flogen mit Stand 9.00 Uhr Ortszeit (8.00 Uhr MESZ) immer noch im ukrainischen Luftraum. Andere Drohnen seien abgestürzt. Drei Hyperschallraketen „Kinschal“ und zwei Raketen des Typs „Iskander“ konnten nicht abgeschossen werden, wie Luftwaffenkommandeur Mykola Oleschtschuk auf Telegram mitteilte. Die Zahlen des Militärs sind nicht bis ins Detail überprüfbar, vermitteln aber einen weitgehend genauen Überblick über das Ausmaß eines Angriffs.

Ukrainischer Oberkommandierender berät mit Nato-General

Der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Olexander Syrskyj, informierte im Nachrichtennetzwerk Telegram über ein Gespräch mit dem Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa, Christopher G. Cavoli. Dabei sei es um die Lage an der Front, um eine Stärkung der Luftverteidigung und um den „Schutz der Städte und kritischen Infrastruktur vor den ständigen Terroranschlägen der Russischen Föderation“ gegangen. Syrskyj schilderte demnach den Bedarf an Waffen, weiterer Munition und militärischer Ausrüstung.

Abgesehen von den Geländegewinnen bei der Offensive im russischen Gebiet Kursk sind die ukrainischen Streitkräfte im Osten des eigenen Landes weiter massiv unter Druck. Angesichts des russischen Vormarschs in der Region Pokrowsk im Gebiet Donezk teilte Selenskyj mit, bei einem Treffen mit der Militärführung sei eine Verstärkung für die Region beschlossen worden. Die russischen Truppen hatten im Raum Donezk zuletzt immer wieder die Einnahme ganzer Ortschaften verkündet.

Region Donezk ordnet weitere Evakuierungen an

Die ukrainischen Behörden ordneten angesichts des russischen Vormarsches in der Gegend weitere Evakuierungen an. Wegen der verschlechterten Sicherheitslage sei die Zone für Zwangsevakuierungen ausgeweitet worden, Kinder und ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten müssten ihre Häuser verlassen, teilte der Gouverneur von Donezk mit. Insgesamt wurden 27 Ortschaften im Raum Kostjantyniwka und Selydowe aufgelistet. Zuvor war wegen des Vorrückens der russischen Truppen bereits im Raum Pokrowsk eine Evakuierung von Dörfern angeordnet worden.

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