Finanzen

RWE-Aktie und die Grundlast-Renaissance: Warum die Aktie wieder ins strategische Depot gehört

Mit der geplanten Ausschreibung von bis zu 20 Gigawatt neuer Gaskraftwerke kehrt die Grundlast in die energiepolitische Realität zurück. RWE positioniert sich strategisch an vorderster Front. Ist die Aktie damit wieder ein Basiswert für das Infrastruktur-Portfolio?
11.08.2025 08:03
Aktualisiert: 11.08.2025 08:27
Lesezeit: 5 min

RWE-Aktie: Energiekonzern in der Pole Position

Noch bis vor wenigen Monaten galt Grundlast als überholtes Konzept, als Überbleibsel aus den Kohle- und Gaskraftzeiten vergangener Jahre. Doch angesichts steigender Stromnachfrage durch Elektromobilität, Digitalisierung und industrielle Dekarbonisierung erfährt das Grundlastkonzept derzeit eine Renaissance sondergleichen. Grund dafür sind die Pläne der Bundesregierung, bis zu 20 Gigawatt neue Gaskraftwerkskapazität auszuschreiben, um die Versorgungssicherheit hierzulande zu gewährleisten. Zwei Drittel davon sollen laut Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die auf den zügigen Bau neuer Gaskraftwerke drängt, im Süden Deutschlands entstehen. „Wir planen einen Südbonus“, erklärte Reiche im Juli bei der bayerischen Kabinettsklausur der Bayerischen Staatsregierung im Kloster Banz.

Von dieser Entwicklung könnte insbesondere RWE profitieren. Der Essener Energiekonzern hat sich frühzeitig positioniert, weil er bereits 2024 erste Genehmigungsprozesse angestoßen, sich Gasturbinenoptionen gesichert und Standortanalysen abgeschlossen hat. Gleichzeitig hat das Unternehmen aktiv den politischen Dialog gesucht und sich im Zuge der Energiewende öffentlich zum Bau wasserstofffähiger Gaskraftwerke bekannt.

Ein erstes Projekt wird in Weisweiler bei Aachen realisiert. Dort entsteht ein neues 800-Megawatt-Gaskraftwerk, das von Beginn an mindestens 50 Prozent Wasserstoff verarbeiten kann. Eine spätere Umrüstung auf 100 Prozent H2 ist vorgesehen. Der Auftrag für das Projekt wurde im Juni 2025 an Siemens Energy vergeben. Darüber hinaus plant RWE an drei weiteren Standorten in Deutschland neue Anlagen. CEO Markus Krebber kündigte jüngst in einem Interview mit dem Fachportal Montel an: „Wir wollen mindestens drei Gigawatt an neuen Gaskraftwerken bis 2030 realisieren.“

Die Grundlast als politische Rückversicherung

Die Renaissance der Grundlast ist energiepolitisch umstritten. Grundlastfähigkeit bedeutet in der Energiewirtschaft die kontinuierliche Bereitstellung von Strom, unabhängig von Wetter und Tageszeit. In der Vergangenheit wurde dies vor allem durch Kohle, Kernkraft und konventionelles Erdgas gewährleistet. Doch mit dem Rückbau dieser Technologien entstand eine Versorgungslücke, die mittelristig durch neue wasserstofffähige Gaskraftwerke geschlossen werden soll, allerdings nicht emissionsfrei.

Obwohl perspektivisch auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden soll, wird die erste Betriebsphase der neuen Anlagen auf konventionellem Erdgas basieren. Dieses stammt größtenteils aus internationalen Importen, darunter Flüssiggas aus Gasfeldern in den USA, Norwegen oder Katar. Die Frage, wie grün diese Grundlast wirklich ist, bleibt fraglich. Umweltverbände wie Greenpeace oder die Deutsche Umwelthilfe kritisieren daher, dass die Bundesregierung mit dem neuen Kraftwerkskonzept „ein fossiles Comeback“ riskiere.

Das Bundeswirtschaftsministerium konterte mit Verweis auf das Ziel einer wasserstofffähigen Infrastruktur. Die neuen Gaskraftwerke sollen laut Ministerium „brückenfähig“ sein, also planbar Strom liefern, aber perspektivisch vollständig von Gasimporten auf Wasserstoff umgerüstet werden können. Kritisch diskutiert wird auch die Finanzierung: Die geplanten Kapazitätsmarkt-Prämien von bis zu 6 Milliarden Euro jährlich sollen über Umlagen finanziert werden, was indirekt vor allem Stromkunden und Industrie belasten dürfte.

Für RWE ist der politische Rahmen dennoch klar positiv: Der Konzern profitiert von langfristiger Planungssicherheit, klaren Ausschreibungsregeln und einer zunehmenden technologischen Nachfrage nach flexiblen, regelbaren Kraftwerken. Auch die Kapitalmärkte beginnen, diesen strategischen Vorteil einzupreisen.

Das sollten Anleger über die RWE-Aktie wissen

Die Aktie von RWE (WKN: 703712) notierte am 24. Juli 2025 intraday bei 36,45 Euro, das entspricht einem Kursplus von etwas 20 Prozent seit Jahresbeginn. Zudem hält sich das Papier stabil über der 200-Tage-Linie und signalisiert damit eine gefestigte technische Ausgangslage. Auch fundamental steht die Bewertung auf soliden Füßen: Für das laufende Jahr liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Essener bei moderaten 8. Die erwartete Dividendenrendite beträgt 3,4 Prozent. Mittelfristig rechnen Analysten mit weiter steigenden Ausschüttungen. Demnach könnte die Dividende bis 2029 auf bis zu 1,50 Euro je Aktie klettern.

Ein zentrales Argument für die Aktie ist das laufende Aktienrückkaufprogramm. Seit Ende 2024 laufen Tranchen über insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Bis Mai 2025 investierte RWE bereits 500 Millionen Euro in eigene Aktien. Finanzvorstand Michael Müller erklärte in einer Mitteilung, RWE erhöhe die Kapitalrückflüsse an die Aktionäre „gezielt und nachhaltig“. Der Konzern sendet damit ein klares Signal an den Kapitalmarkt, dass die Ausschüttungspolitik langfristig verlässlich bleibt.

Zugleich verwies Müller darauf, dass RWE seine Kapitalstruktur bewusst so ausgerichtet habe, dass Rückkäufe und strategische Investitionen parallel möglich seien. Damit wolle man Verlässlichkeit in der Ausschüttungspolitik mit zukunftsgerichtetem Portfolioausbau verbinden.

Analysten sehen weiteres Potenzial

Die Schweizer UBS stuft RWE weiterhin als Buy ein und gibt ein Kursziel von 42 Euro an. JPMorgan zeigt sich noch optimistischer und stuft die RWE-Aktie vor Quartalszahlen auf "Overweight", das Kursziel lautet 47,50 Euro. Analyst Javier Garrido wies in seinem am 31. Juli vorliegenden Ausblick dabei auf die Herausforderungen in der Energiebranche hin: Die Ergebniskennziffern des Energieversorgers dürften sich aufgrund geringerer Windgeschwindigkeiten, schwieriger Handelsbedingungen und negativer Wechselkurseffekte deutlich verschlechtert haben, so Garrido in seinem am 24. Juli vorliegenden Ausblick.

Auch Bernstein Research beurteilt die RWE-Aktie mit Market-Perform positiv und hält ein Kursziel von 39 Euro für möglich. Chad Dillard, Aktienexperte beim US-Analysehaus, befasste sich in einer am 28. Juli vorliegenden Studie mit der Frage, wie sich die politischen Veränderungen der Trump-Regierung bis 2030 auf den Bau von Solar- und Windkraftanlagen auswirken werden. Das Worst-Case-Szenario eines abrupten Einbruchs ist aus seiner Sicht zwar vom Tisch, für das Erneuerbare-Energien-Geschäft in den USA erwartet Dillard zum Ende des Jahrzehnts aber eine Wachstumsdelle.

Das Kollektiv aus rund 18 Analysten, dessen Durchschnittsziel bei etwa 42,02 Euro liegt, sieht ein differenziertes Bewertungsspielraum zwischen 37,30 und 49 Euro.

Zudem signalisiert die Marktsicht bei RWE, dass noch Nachholpotenzial besteht: Im Vergleich mit europäischen Versorgern wie Iberdrola (EV/EBITDA ~9,6) und SSE (~8,8) notiert RWE derzeit mit einem EV/EBITDA-Multiple von 7,4 und damit rund 30 Prozent unter dem Niveau vergleichbarer Versorger. Analysten führen diesen Bewertungsabschlag auf die noch nicht vollständig abgeschriebenen Kohle-Altlasten (Lignite), die zuletzt gesenkten CapEx-Pläne sowie den noch nicht ausgeschöpften Rückkaufrahmen zurück. Der erzielte Discount wird von Analysten vor allem deshalb als Bewertungsmethode begründet, weil die entscheidenden Wachstumstreiber Gaskraftwerke und Wasserstoffstrategie jetzt politisch gefördert und finanziell abgesichert sind. Gleichzeitig sorgt der niedrige Einstiegspunkt für ein gut ausbalanciertes Chancen-Risiko-Verhältnis.

Der US-Hedgefonds Elliott Management, der sich im Frühjahr 2025 als neuer Aktionär bei RWE zu erkennen gab, forderte deshalb kürzlich ein „signifikantes“ Hochfahren des laufenden Rückkaufprogramms, um die Bewertungslücke am Kapitalmarkt zu schließen. CEO Krebber signalisierte daraufhin grundsätzliches Entgegenkommen, was vom Markt ebenfalls als konstruktives Signal gewertet wurde.

Die RWE-Aktie als neues Grundlast-Investment?

Für das laufende Geschäftsjahr 2025 erwartet RWE ein bereinigtes EBITDA zwischen 4,55 und 5,15 Milliarden Euro. Im ersten Quartal wurden bereits 1,3 Milliarden Euro erreicht, das bereinigte Nettoergebnis lag bei 0,5 Milliarden Euro. Die schwachen Windverhältnisse in Nordeuropa belasteten die Erzeugung aus Erneuerbaren, konnten aber durch margenstarke flexible Kapazitäten kompensiert werden. Krebber betonte im Mai, RWE komme beim Portfolioausbau zügig voran und halte am „Mix aus Versorgungssicherheit und grünem Wachstum“ fest. Die Dividende soll wie angekündigt auf 1,20 Euro je Aktie steigen.

Der Kapitalmarkt beginnt, die Renaissance der Grundlast auch in der Bewertung von Versorgern wie RWE abzubilden. Strategisch profitiert das Unternehmen von seiner starken Bilanz, seiner technologischen Lieferfähigkeit und dem politischen Rückenwind für wasserstofffähige Gaskraftwerke. Die RWE-Aktie bleibt damit im Börsenausblick 2025 ein potenzieller Infrastrukturbaustein für langfristig orientierte Investoren, mit einem ausgewogenen Profil aus planbarer Ertragsstabilität und regulatorisch flankiertem Wachstum. Für Anleger, die auf planbare Cashflows, Dividendenstärke und die Rückkehr der Grundlastlogik setzen, bietet die Aktie auf dem aktuellen Niveau ein attraktives Risiko-Rendite-Profil.

Am 14. August 2025 wird RWE die Ergebnisse des ersten Halbjahres 2025 veröffentlichen. Anleger können dann die Investoren- und Analysten-Telefonkonferenz mit Markus Krebber und Michael Müller live mitverfolgen können - und neue Hinweise erhalten, ob die RWE-Aktie auch in Zukunft ein Investment wert ist.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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