Finanzen

Wall Street: Wie die Märkte alle Warnsignale ignorieren

Die Wall Street kennt derzeit nur eine Richtung – nach oben. Während geopolitische Krisen, Schuldenstreit und Konjunkturrisiken scheinbar spurlos an den Märkten vorbeiziehen, warnen Analysten vor gefährlichen Anomalien. Die Kurse steigen, obwohl die Marktbreite schwindet und Bewertungen ins Irrationale wachsen. Jetzt zeigt sich, wie lange der amerikanische Bullenmarkt gegen jede Vernunft bestehen kann – und welche Folgen das für Anleger weltweit hat.
07.11.2025 16:00
Lesezeit: 2 min

Rekordrally ohne Korrektur: Die Wall Street trotzt jeder Krise

Seit Monaten zeigt sich an den US-Börsen ein ungewöhnliches Bild. Der S&P 500 und der Nasdaq steigen fast ununterbrochen – und das trotz globaler Spannungen, geopolitischer Risiken und politischer Turbulenzen in Washington. Solche Marktbewegungen gelten als statistische Ausnahme. Doch sie werfen die Frage auf, ob die aktuelle Euphorie noch rational begründbar ist oder ob die Wall Street in eine gefährliche Überhitzungsphase gleitet. Nach dem Kurseinbruch Anfang April 2025 hat der S&P 500 über 2.000 Punkte zugelegt – ein Plus von über 41 Prozent. Sechs Monate in Folge schloss der Index im Plus, mit Monatszuwächsen von bis zu sechs Prozent. In diesem Jahr erreichte der Index bereits 36 Allzeithochs, während es im Jahr 2024 insgesamt 57 waren. Noch spektakulärer zeigt sich der Nasdaq Composite, der seit April um mehr als 60 Prozent stieg – von knapp 15.000 auf fast 24.000 Punkte.

Dabei fehlt, was sonst typisch ist: Zwischenkorrekturen. Seit einem halben Jahr geht es fast ausschließlich nach oben. Nur an vier von 136 Handelstagen fiel der S&P 500 um mehr als ein Prozent. Selbst geopolitische Krisen – etwa der zweiwöchige Israel-Iran-Krieg unter Beteiligung der US-Luftwaffe, die Eskalation mit China oder das vorübergehende „Shutdown“ der US-Regierung – lösten kaum Kursreaktionen aus. Nach wenigen Handelsminuten war jede Nervosität wieder verflogen.

Marktbreite schrumpft, Risiken steigen

Die Befürworter der Hausse verweisen auf eine starke US-Wirtschaft, steigende Unternehmensgewinne und eine zinssenkungsfreudige Federal Reserve, die auf Druck von Präsident Donald Trump den Geldhahn wieder geöffnet hat. Doch die Rally ruht auf einem zunehmend schmalen Fundament. Nur noch eine Handvoll Konzerne treibt den Markt: Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia, Meta und Tesla – die „glorreichen Sieben“. Am 28. Oktober legte der S&P 500 leicht um 0,23 Prozent zu, obwohl 399 der 500 Aktien im Index im Minus schlossen. Solche Diskrepanzen sind ein deutliches Warnsignal: Die Marktkapitalisierung konzentriert sich auf wenige Technologie-Giganten, während der Rest der Börse schwächelt. Zudem häufen sich technische Auffälligkeiten. Die Kurse zeigen ungewöhnlich gleichmäßige Aufwärtsspiralen – sogenannte „Melt-ups“. Gleichzeitig steigt der Volatilitätsindex VIX, obwohl die Kurse weiter klettern. Das bedeutet, dass Investoren zunehmend Absicherungen kaufen. Der Markt wächst, doch das Vertrauen schwindet. Bemerkenswert ist auch die verhaltene Reaktion auf gute Nachrichten: Weder das Handelsabkommen zwischen den USA und China noch die jüngste Zinssenkung der Fed lösten Begeisterung aus. Selbst hervorragende Quartalsergebnisse von Amazon mit einem klaren KI-Schub führten nur zu einem Mini-Anstieg des S&P 500 um 0,26 Prozent.

Bewertungsblasen und KI-Hype: Warnsignale mehren sich

Besonders auffällig ist die extreme Bewertung der großen Technologiekonzerne. Anleger zahlen derzeit fast 60 Dollar für jeden Dollar Nettogewinn von Nvidia. Das entspricht einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 60. Auch Amazon mit einem KGV von 36, Broadcom mit 92 und Tesla mit 313 erscheinen überbewertet. Selbst Branchenriesen wie Microsoft, Meta und Alphabet notieren mit KGVs zwischen 28 und 37 weit über historischen Durchschnittswerten. Solche Multiplikatoren gab es zuletzt während der Dotcom-Blase vor 25 Jahren. Sollte das Wachstum der KI-Industrie stagnieren, droht eine schmerzhafte Neubewertung. Optimisten verweisen dagegen auf die hohe Produktivität der US-Wirtschaft und die bevorstehende Automatisierungswelle durch künstliche Intelligenz – ein Argument, das kurzfristig trägt, aber langfristig Risiken birgt.

Auch für deutsche Anleger ist die Entwicklung relevant. Viele DAX-Unternehmen – darunter SAP, Siemens und Infineon – hängen indirekt am US-Technologiesektor und am KI-Boom. Sollte die Korrektur kommen, könnte sie auch die europäischen Märkte erfassen. Ein direkter Bezug zu Deutschland besteht insofern, als deutsche Fonds und Privatanleger in großem Umfang in US-Techwerte investiert sind. Eine Marktanomalie in New York könnte daher binnen Stunden Frankfurt erreichen.

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