EZB-Zinsen könnten bereits im April steigen
Die Inflation im Euroraum wird in diesem Jahr höher ausfallen als noch Ende des vergangenen Jahres erwartet. Hauptgrund ist der Krieg im Nahen Osten, wie Prognosen der Europäischen Zentralbank zeigen. Während ein Zinsschritt im Jahr 2026 zu Jahresbeginn noch als möglich, aber nicht sicher galt, haben sich die Erwartungen zuletzt deutlich verschoben. Ein Zinsschritt bereits bei der nächsten Sitzung im April ist nicht ausgeschlossen. Eine mögliche Erhöhung der EZB-Zinsen hätte direkte Auswirkungen auf Kredite, sowohl auf neue als auch auf bestehende mit variabler Verzinsung.
Die nächste Sitzung der EZB findet Ende April statt. Die Entscheidung über die EZB-Zinsen wird am 30. April bekannt gegeben. Bislang gingen die meisten Prognosen davon aus, dass die Zinsen unverändert bleiben. Diese liegen seit dem vergangenen Sommer auf gleichem Niveau. Der besonders beachtete Einlagenzins beträgt derzeit zwei Prozent.
Offiziell hält die EZB weiterhin an ihrer datenabhängigen Strategie fest. Entscheidungen sollen von Sitzung zu Sitzung getroffen werden. Das betonte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Sitzung im März. Auch Vizepräsident Luis de Guindos wiederholte dies in einem Interview mit El Mundo. Auf die Frage, ob eine Zinserhöhung wahrscheinlicher sei als eine Senkung, erklärte er, die EZB sei bereit, flexibel zu reagieren. „Die Geldpolitik kann nicht verhindern, dass ein Krieg zunächst Auswirkungen auf Inflation und Wachstum hat. Die EZB kann jedoch die Lage beobachten und auf mögliche Zweitrundeneffekte achten.“
Etwas direkter äußerte sich Bundesbank-Präsident Joachim Nagel: „Angesichts der aktuellen Lage ist es möglich, dass sich die mittelfristigen Inflationsprognosen verschlechtern und die Erwartungen dauerhaft steigen. Das bedeutet, dass wahrscheinlich eine restriktivere Geldpolitik erforderlich wird“, sagte er einen Tag nach der letzten Entscheidung gegenüber Bloomberg.
Er fügte hinzu, dass alle relevanten Daten bis zur nächsten Sitzung vorliegen werden.
Der Gouverneur der kroatischen Zentralbank, Boris Vujčić, der im Juni Vizepräsident der EZB wird, warnte in einem Interview mit Bloomberg vor steigenden Risiken einer Stagflation durch den Iran-Krieg. Stagflation beschreibt eine Kombination aus Inflation und steigender Arbeitslosigkeit. Zwar sei dies nicht das Basisszenario, das Risiko nehme jedoch zu.
„Ein oder zwei Zinserhöhungen sollten der Wirtschaft nicht erheblich schaden“, sagte Vujčić.
Märkte erwarten steigende EZB-Zinsen bis Jahresende
Daten der Finanzplattform Bloomberg zeigen, dass die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent für eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte bei der April-Sitzung erwarten. Der Einlagenzins würde damit auf 2,25 Prozent steigen.
Auch für die Sitzung im Juni wird eine Zinserhöhung mit 79 Prozent Wahrscheinlichkeit erwartet. Nach der Sitzung im Dezember rechnen die Märkte mit einem Zinsniveau zwischen 2,50 und 2,75 Prozent.
Neben geopolitischen Risiken spielt auch die Lohnentwicklung eine zentrale Rolle. Die EZB erwartet eine beschleunigte Lohnsteigerung im Euroraum in der zweiten Jahreshälfte.
Im zweiten Quartal sollen die Löhne um 2,1 Prozent steigen. Im dritten und vierten Quartal wird ein Anstieg von 2,5 beziehungsweise 2,6 Prozent erwartet.
Gerade die Lohnentwicklung beobachtet die EZB besonders genau, um Zweitrundeneffekte wie zusätzliche Inflation zu vermeiden. Die bisherigen Erwartungen sinkender Arbeitskosten im Jahresverlauf könnten sich damit als falsch erweisen.
Der Sechsmonats-EURIBOR steigt bereits spürbar. Am 2. März lag er bei 2,131 Prozent. Am 20. März erreichte er 2,406 Prozent. Bis zum Jahresende erwarten die Märkte einen Anstieg auf etwa 2,6 Prozent. Eine weitere Eskalation geopolitischer Konflikte könnte diese Erwartungen zusätzlich verändern.
Ein Blick zurück zeigt Parallelen. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022 stieg der EURIBOR stark an. Allerdings war das Ausgangsniveau damals deutlich niedriger, da der Zinssatz zuvor im negativen Bereich lag.
Höhere EZB-Zinsen verteuern Kredite spürbar
Steigende EZB-Zinsen wirken sich direkt auf Kredite aus. Der Effekt zeigt sich bei neuen Krediten schneller als bei bestehenden Darlehen mit variabler Verzinsung, bei denen Anpassungen zeitverzögert erfolgen. Bei Krediten mit variablem Zinssatz, der an den Sechsmonats-EURIBOR gekoppelt ist, passen Banken die Raten in der Regel alle sechs Monate an. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen bestehenden und neuen Krediten sowie zwischen variablen und festen Zinssätzen.
Bereits bestehende Kredite mit variablem Zinssatz werden durch steigende EZB-Zinsen teurer, da die monatlichen Raten steigen können. Kredite mit festem Zinssatz bleiben hingegen unverändert, da die Konditionen über die gesamte Laufzeit festgelegt sind.
Bei neuen Krediten steigen die Finanzierungskosten generell. Sowohl variable als auch feste Zinssätze werden auf einem höheren Niveau angesetzt, was die Kreditaufnahme insgesamt verteuert.
Was also heißt das jetzt für uns? Steigende EZB-Zinsen verteuern Immobilienfinanzierungen und belasten private Haushalte sowie Unternehmen. Besonders in einem Umfeld schwachen Wachstums kann dies Investitionen bremsen und den Konsum dämpfen. Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf den Immobilienmarkt und die Bauwirtschaft. Das Fazit ist klar. Eine Phase steigender EZB-Zinsen könnte die wirtschaftliche Dynamik in Europa weiter schwächen und die Kreditkosten nachhaltig erhöhen.
