Wirtschaft

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit: Niederlagen im Fußball, Alarm in den Unternehmen

Deutschland war Exportweltmeister, Fußballweltmeister und Vorbild für industrielle Stärke. Heute scheiden Nationalmannschaften früh aus, Autokonzerne streichen Jobs, und ganze Branchen zweifeln an ihrer Zukunft. Der Vergleich wirkt hart, trifft aber einen wunden Punkt: Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit leidet nicht nur unter hohen Kosten und falschen Entscheidungen, sondern auch unter einer Mentalität, die vom Gewinnen zum Verwalten gerutscht ist.
02.07.2026 09:44
Lesezeit: 9 min
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit: Niederlagen im Fußball, Alarm in den Unternehmen
Erst Weltmeister, dann Krisenland: Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit steht unter Druck. (Foto: dpa | Peter Kneffel) Foto: Peter Kneffel

Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich nicht nur in Fabriken

Sport und Wirtschaft werden von derselben Grundidee angetrieben: Entscheidend ist nicht das Mitmachen, sondern das Gewinnen. Beunruhigend ist, dass China immer häufiger gewinnt, während viele andere, abgesehen von den USA, kaum noch mithalten können. Die deutsche Nationalmannschaft ist gerade im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden. Volkswagen steht laut Medienberichten vor einem drastischen Sparkurs. Vier Werke in Deutschland könnten schließen, weltweit könnten bis zu 100.000 Stellen wegfallen. Ähnliche Geschichten gibt es auch in anderen einstigen Vorzeigeunternehmen der Autoindustrie und ihrer Zulieferer. Und ähnliche Entwicklungen zeigen sich in anderen Branchen. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.

Gewonnen wird mit Strategie, Technologie und harter Arbeit. Nicht mit Ideologie und nicht mit Selbstbespiegelung. Gewonnen wird mit langfristiger Planung und ständigem Leistungsdruck. Burn-out ist nichts für Gewinner. Gewonnen wird mit rechtzeitigen Investitionen in junge Talente, mit der Erneuerung von Teams und Prozessen, mit Disziplin, Innovationskraft und der Fähigkeit, sich schnell zu verändern. Gewonnen wird mit Innovationen, nicht mit Regulierung.

Wenn Arbeit und Bedingungen für den Erfolg fehlen, zeigt sich das in Entlassungen, im Verlust von Selbstvertrauen, in Neid und Hoffnungslosigkeit. Es zeigt sich in Bilanzen. Und es zeigt sich auf den Siegerpodesten des Sports.

Der deutsche Fußball und die deutsche Wirtschaft erzählen zwei Varianten desselben Abstiegs. Die goldene Ära der deutschen Wirtschaft und die Höhepunkte des deutschen Sports fallen fast ideal zusammen. Aus Weltmeistern und Exportrekordhaltern sind eine Fußballnationalmannschaft, die früh ausscheidet, und eine Industrie geworden, die das Rennen gegen die Welt zu verlieren droht. Es geht um große Veränderungen in der Gesellschaft.

Vom "kranken Mann Europas" zum Reformland

Im Jahr 1998 bezeichnete der Ökonom und Stratege Holger Schmieding, damals bei der Bank of America und heute seit Jahren Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Deutschland als kranken Mann Europas. Ein Jahr später veröffentlichte der "Economist" einen Artikel mit dem Titel "The Sick Man of the Euro".

Deutschland wuchs wirtschaftlich um weniger als ein Prozent. Die Arbeitslosigkeit lag bei mehr als zehn Prozent. Die Kosten der Wiedervereinigung mit Ostdeutschland waren enorm. Der Arbeitsmarkt war starr, viele Menschen lebten von Sozialtransfers. Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ging verloren.

In den letzten Jahren des Eisernen Vorhangs und bis 1998 führte der legendäre Helmut Kohl Deutschland. Sein Projekt war die deutsche Einheit. Sein Projekt war auch die europäische Währung Euro, die 1999 in elf Ländern eingeführt wurde. "Nur nicht ohne Italien" lautete einer der Schlüsselsätze Kohls bei der Einführung des Euro, der Europäischen Währungsunion und der Maastricht-Kriterien. Kohl war ein großer "Befreier", ein Einiger, ein Humanist, fast ein Samariter. Unabhängig vom Preis.

Gerhard Schröder wurde im Herbst 1998 Kanzler. Angela Merkel, bis dahin Kohls wichtigste politische Schülerin, erklärte in einem offenen Brief 1999 die Kohl-Ära für beendet. Schröder schmiedete Reformen für Deutschland. Merkel ebnete den Weg für ihre spätere Kanzlerschaft.

Zwischen 2003 und 2005 setzte Schröder das Reformpaket Agenda 2010 durch. Er zwang die Deutschen, Arbeit anzunehmen, statt zu Hause von Sozialhilfe zu leben. Er hob das Renteneintrittsalter an. Er verringerte Leistungen der Krankenversicherung. Er passte die Sozialsysteme an die damaligen Bedingungen an. Und er senkte Steuern. Die Reformen hatten Unterstützung, aber deutlich weniger in Schröders eigener politischer Heimat. Sie widersprachen der üblichen Politik der Sozialdemokratie. Sie wirkten eher reaganistisch.

Die Arbeitslosigkeit sank. Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit stieg deutlich. Aus einem Land mit niedrigem oder sogar negativem Wachstum wurde ein Land mit stärkerem Wachstum, abgesehen von den Jahren der Finanzkrise. Die öffentlichen Finanzen verbesserten sich. Das bedeutete nicht, dass für alle Milch und Honig flossen. Die Ungleichheit nahm zu. Und die SPD verlor 2005 Wähler und die Wahl. Schröder wurde von Merkel abgelöst. Doch ab 2005 wurde Deutschland zur wirtschaftlichen Großmacht Europas. Mindestens bis 2016 galt das Land als zentraler Motor der europäischen Wirtschaft.

Auch der deutsche Fußball steckte bis 2000 praktisch in der Krise. Bei der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2000 erlebte Deutschland eine historische Enttäuschung. Die Mannschaft schied bereits in der Gruppenphase aus. Sie holte nur einen Punkt. Sie erzielte nur ein Tor. Und sie wurde Letzter. Portugal besiegte Deutschland damals mit drei zu null.

Unmittelbar nach dieser Niederlage begann Deutschland mit großen Reformen im Fußball. Schon 2002 erreichte die Mannschaft das Finale der Weltmeisterschaft. Nur Brasilien stoppte sie. Fachleute urteilten allerdings, dass dieser Erfolg noch nicht der Stärke der gesamten Mannschaft, also des Systems, zu verdanken war, sondern vor allem einem Einzelnen: Oliver Kahn.

Im Jahr 2006, als der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands bereits in den Geldbeuteln der Menschen spürbar wurde, richtete Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Der Sommer 2006 wurde in Deutschland zum Sommermärchen. Deutschland wurde zwar nicht Weltmeister, erreichte aber Platz drei und hatte glänzende Aussichten.

Exportweltmeister, Dieselgate und der deutsche Abstieg

Von 2006 bis 2017 prägte Angela Merkel als Kanzlerin Deutschland. Bis 2015 lief vieles wie geschmiert. Deutschland war Exportweltmeister. Das Land war der größte europäische Exporteur, erzielte Rekordüberschüsse im Handel, und die deutsche Autoindustrie dominierte die Welt. Die Arbeitslosigkeit war niedrig, das Wachstum vielversprechend. Wenn jemand etwas von Europa wollte, rief man Merkel an.

Im Fußball gewann Deutschland 2014 die Weltmeisterschaft. Brasilien wurde mit sieben zu eins besiegt. Das war der Höhepunkt deutscher Stärke. Volkswagen, BMW, Mercedes, Siemens, BASF, SAP und andere Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft erzielten historisch starke Ergebnisse. Im Herbst 2015 brach der Abgasskandal bei Volkswagen aus: Dieselgate. Plötzlich galten die Deutschen als Weltmeister des Betrugs. Das Ansehen der deutschen Industrie, Deutschlands als Staat und der deutschen Politik wurde schwer beschädigt.

Dieselgate war das erste bekannte Warnsignal für große deutsche Irrtümer, für Wegsehen und für systematische Fehlentscheidungen auf Ebene der Unternehmen, des Staates und der politischen Führung. Seit 2018 geht es abwärts. Deutschland, geprägt durch Angela Merkels Entscheidungen, traf mehrere strategisch folgenreiche Beschlüsse.

Dazu gehörte der Ausstieg aus der Kernenergie. Dazu gehörte die fast vollständige Abhängigkeit von russischem Gas, die Deutschland jahrelang einen missbrauchten Wettbewerbsvorteil bei den Energiepreisen verschaffte. Dazu gehörten die enormen Kosten der grünen Transformation, die im Kern nicht wie versprochen gelang. Sie wurde zu einem riesigen Kostenblock ohne entsprechend große Erträge. Unternehmen klammerten sich deshalb an alte Technologien. Dieselgate zeigte, dass sich das Festhalten an der Vergangenheit irgendwann nur noch mit kriminellen Mitteln lohnt. Dazu gehörten große staatliche Subventionen für Unternehmen. Sie ließen Marktorientierung, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft einschlafen. Gleichzeitig machten sie Unternehmen abhängiger, entweder von China oder vom deutschen Staat. Dazu gehörten enorme Sozialtransfers an Menschen. Sie hatten einen ähnlichen Effekt wie die Subventionen bei Unternehmen. Die sprichwörtlich fleißigen Deutschen wollten immer weniger arbeiten.

Und schließlich traf Merkel eine menschlich, ökonomisch und demografisch nachvollziehbare Entscheidung, als sie Flüchtlingen die Tür öffnete. Doch gesellschaftlich und politisch erwies sich diese Entscheidung als hoch umstritten, toxisch und gefährlich. In der Realität wurde die Politik der offenen Tür deshalb zu einer falschen und schädlichen Entscheidung. Gegen die Menschen lässt sich nicht regieren.

Der Fußball folgte. Die Weltmeisterschaft 2018 in Russland wurde für Deutschland zu einer der größten Sportkatastrophen der jüngeren Geschichte. Deutschland schied wieder schon in der Gruppenphase aus, wie bei der Europameisterschaft 2000.

Der "Spiegel" veröffentlichte 2018 den viel beachteten Artikel mit der Überschrift "Einst waren wir ein starkes Land". Deutschland lieferte keine guten Ergebnisse mehr, weder in der Politik noch in der Wirtschaft noch im Sport. "Sicher gibt es Wichtigeres als Fußball. Und doch war der deutsche Fußball oft ein Seismograf für diese wichtigeren Dinge, für die politische und wirtschaftliche Lage des Landes."

Bei der Weltmeisterschaft 2022 schied Deutschland erneut in der Gruppenphase aus. Und so ging es weiter. Heute ist der Fußball nur einen kleinen Schritt besser als in seinen schlechtesten Momenten. Deutschland schied diesmal nicht schon in der Gruppenphase aus, sondern unmittelbar danach.

Die Wirtschaft steckt in einer schweren Verkrampfung. Sie wirkt so angeschlagen wie deutsche Fußballer, wenn sie für ihr Land spielen. Im Jahr 2023 war Deutschland die einzige große Volkswirtschaft der G7 in der Rezession. Nach der Rezession stagnierte das Land weiter. Freundlich formuliert stagniert Deutschland seit drei Jahren. Volkswagen baut Stellen ab. Bosch baut Stellen ab. Porsche senkt die Produktion. Nicht nur die Autoindustrie ist in Schwierigkeiten. Auch die Chemieindustrie schlägt Alarm. Der Rechtspopulismus erstarkt. Die Wirtschaft hat wenig Vertrauen, dass die Union unter Friedrich Merz Deutschland grundlegend wenden kann.

Das größte Problem liegt jedoch tiefer. Einst waren es gerade die deutsche Wirtschaft, die Manager und die Eigentümer, nicht in erster Linie die Politik, die das Land stark, glänzend, wettbewerbsfähig und lebenswert machten. Die Unternehmen schufen das strahlende Versprechen "Made in Germany". Heute und schon seit mindestens einem Jahrzehnt warten ausgerechnet viele Unternehmen darauf, dass der Staat sie aus Schwierigkeiten befreit, dass der Staat und nicht Kunden und Markt sie rettet und belohnt.

Das ist nicht die Mentalität von Gewinnern. Es ist die Mentalität von Empfängern staatlicher Hilfe, von Subventionen und Staatsaufträgen. Es ist die Mentalität eines Sozialisten, nicht eines Kapitalisten. Sie kann eine Gesellschaft prägen, aber keine besten, profitabelsten, widerstandsfähigsten und zukunftsfähigsten Unternehmen hervorbringen. Schon gar keine Unternehmen, die den Wettbewerb mit Chinesen und Amerikanern gewinnen.

Mitmachen statt gewinnen schafft keine Gewinner. Nicht im Sport, nicht in der Wirtschaft und nicht beim Wohlstand der Menschen. Wichtig ist zu gewinnen. Für Gewinne. Für Wohlstand. Für soziale Sicherheit. Und für die europäische Lebensweise.

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Simona Toplak

Simona Toplak ist Chefredakteurin der slowenischen Wirtschaftszeitung Casnik Finance.

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