Politik

Krankenstand: Widerstand gegen Merz-Pläne wächst

Die Pläne der Koalition gegen den hohen Krankenstand stoßen auf massiven Widerstand – selbst aus den eigenen Reihen. Ärzte, Krankenkassen und Politiker warnen vor Millionen zusätzlicher Praxisbesuche und zweifeln am Nutzen der Verschärfungen.
07.07.2026 09:21
Aktualisiert: 07.07.2026 09:21
Lesezeit: 3 min
Krankenstand: Widerstand gegen Merz-Pläne wächst
Die Merz-Pläne zum Krankenstand sorgen für Streit. Ärzte und Krankenkassen warnen vor Millionen zusätzlicher Praxisbesuche. (Foto: dpa) Foto: Bernd Weißbrod

Zweifel in der Koalition an erschwerter Krankmeldung

Die schwarz-roten Pläne für erschwerte Krankmeldungen im Job stoßen auch innerhalb der Koalition auf teils heftige Vorbehalte. Der CDU-Arbeitnehmerflügel fordert, das Vorhaben der Koalitionsspitzen zu streichen. Die SPD sprach sich nach einer Vorstandssitzung für "größtmögliche Freiheit in der Umsetzung" aus, wie Generalsekretär Tim Klüssendorf deutlich machte.

Der Vize-Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, sagte dem "Tagesspiegel": "Die Koalition muss dieses völlig unnötige Thema schnell abräumen." Die meisten Menschen, mit denen er darüber gesprochen habe, seien entsetzt über die angekündigte Pflicht zu einer Krankschreibung ab Tag eins. "Es gibt einen Riesen-Unmut darüber." Laut einer Schätzung könnte dies Millionen zusätzlicher Praxisbesuche auslösen.

Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hatte vereinbart, die Möglichkeit telefonischer Krankschreibungen abzuschaffen. Außerdem soll die verpflichtende Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag als gesetzliche Regel eingeführt werden – statt wie bisher am vierten Tag. In Betrieben sollen abweichende Regelungen vereinbart werden können. Arbeitgeber können aber auch bisher schon eine frühere Vorlage verlangen.

Schätzung: Millionen Praxisbesuche mehr

Nach einer groben Schätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) würden Krankschreibungen ab dem ersten Tag erheblichen Mehraufwand verursachen. Konservativ geschätzt sei mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr zu rechnen, teilte die KBV auf Anfrage mit. Bei einer Behandlungsdauer von zehn Minuten für Untersuchung und Gespräch ergäbe dies 208.000 Arbeitstage. Grundlage sind den Angaben zufolge Krankenkassendaten, wonach 36,5 Prozent der Krankschreibungen für ein bis drei Tage ausgestellt werden, sowie die Annahme, dass bislang etwa ebenso viele Versicherte ohne Bescheinigung fehlen. Zuerst berichtete das "Deutsche Ärzteblatt" darüber.

Krankenstand: Kanzler will Fehlzeiten senken

Kanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die geplanten strengeren Regeln damit, dass der Krankenstand gesenkt werden solle. Er machte zugleich deutlich, das bedeute nicht, dass Beschäftigte am ersten Krankheitstag zwingend eine Praxis aufsuchen müssten. Schon heute können Ärzte den Beginn einer Arbeitsunfähigkeit rückdatieren – allerdings "nur ausnahmsweise und nur nach gewissenhafter Prüfung und in der Regel nur bis zu drei Tagen", wie eine Richtlinie festlegt. Aus der SPD kamen Mahnungen, die Beschlüsse des Koalitionsausschusses praktikabel umzusetzen.

CDA-Vize Bäumler sagte: "Die Koalition sollte sich anderen Themen zuwenden, statt das Signal an die Menschen in Deutschland zu senden, dass sie ihnen misstraut."

SPD und CDU: Firmen sollen selbst entscheiden

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf verwies auf zahlreiche kritische Rückmeldungen aus der Parteibasis. "Alle haben jetzt gezeigt, dass sie die Zeichen auch verstanden haben, das Feedback auch verstanden haben, dass es eine sehr pragmatische, auch praxisnahe Umsetzung jetzt braucht." Sein Ziel sei, dass Arbeitgeber per Betriebsvereinbarung oder Tarifvertrag selbst entscheiden, sagte Klüssendorf. Es gebe Unternehmen, die bereits angekündigt hätten, weiterhin erst ab dem dritten Tag eine Bescheinigung zu verlangen. Andere machten dies schon heute ab Tag eins. Klüssendorf brachte zudem Videosprechstunden als mögliche Umsetzung ins Spiel.

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann verteidigte die Pläne. Es gehe um einen gesetzlichen Rahmen, der anschließend austariert werden müsse, sagte er nach den Sitzungen der CDU-Spitzengremien. Unternehmen könnten selbst entscheiden, wie sie diesen mit Leben füllen. Es gebe außerdem die Idee, eine Bescheinigung rückwirkend auszustellen.

Krankenkassen: Lange Ausfälle sind größte Kostentreiber

Die schwarz-rote Koalition will Krankschreibungen erschweren. Daten der Betriebskrankenkassen legen jedoch nahe, dass die Maßnahmen am eigentlichen Kostentreiber vorbeigehen.

Eine Analyse des BKK Dachverbandes der Betriebskrankenkassen zeigt, dass nicht kurze Erkältungen, sondern lange schwere Erkrankungen die größten Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung verursachen. "Es sind die langen, oft Muskel-Skelett und psychisch bedingten Ausfälle, die zum eigentlichen Kostentreiber werden", sagte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes.

Das Krankengeld – das erst ab dem 43. Krankheitstag gezahlt wird und damit vor allem Menschen mit langwierigen Erkrankungen betrifft – zählt inzwischen mit 21,6 Milliarden Euro zu den größten Ausgabenposten der gesetzlichen Krankenversicherung, so die BKK. 2025 entfielen demnach mehr als ein Viertel aller Fehltage auf den Bezug von Krankengeld. Die Zahl der Krankengeldtage sei in den vergangenen zehn Jahren um 24,4 Prozent gestiegen.

Klemm: Prävention statt Debatte über Kurzzeit-Ausfälle

Haupttreiber seien psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Leiden. Zwar machten psychische Erkrankungen nur 5,4 Prozent aller Krankschreibungen aus, im Durchschnitt dauerten sie jedoch mehr als fünf Wochen an – mit steigender Tendenz. Klemm fordert deshalb eine ernsthafte Debatte über Präventionsstrategien: "Wir beobachten den Trend der psychischen Belastungen in der Arbeitswelt schon lange. Diese Rechnung zahlen wir sonst noch viele Jahre weiter - und hinter jeder steht das lange Leiden einer betroffenen Person."

Der Krankenstand insgesamt blieb 2025 mit 6,1 Prozent stabil. Häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit waren Atemwegserkrankungen, die wegen ihrer kurzen Dauer laut BKK finanziell jedoch kaum ins Gewicht fallen.

Koalition: Strengere Regeln für Krankschreibungen geplant

Die schwarz-rote Koalition hatte vor wenigen Tagen angekündigt, die Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf den ersten Krankheitstag vorziehen und die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung abschaffen zu wollen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete die Pläne damit, dass der Krankenstand gesenkt werden solle.

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