Wirtschaft

China-Export: Warum der Westen an billigen Waren aus China erstickt

China produziert mehr, als die eigene Bevölkerung kaufen kann, und drückt immer aggressiver auf die Weltmärkte. Für Europa wird diese Exportmaschine zur industriellen Belastungsprobe: Ganze Branchen geraten unter Preisdruck, während Peking selbst kaum aus seinem Wachstumsmodell herausfindet. Die Frage ist nicht mehr, ob der Konflikt eskaliert, sondern ob der Westen überhaupt einen Ausweg aus dieser Spirale findet.
09.07.2026 15:58
Lesezeit: 7 min
China-Export: Warum der Westen an billigen Waren aus China erstickt
China setzt weiter auf Exporte, doch der Westen ächzt unter der Warenflut. (Foto: dpa/XinHua | Liu Mancang) Foto: Liu Mancang

China-Export: Warum Pekings Wirtschaftsmodell den Westen unter Druck setzt

Was die Chinesen nicht selbst kaufen, exportieren sie. So läuft es seit Jahren. Für den Westen wird das zunehmend zum Problem, weil dadurch immer neue Industriezweige unter Druck geraten. Doch auch China kann nicht dauerhaft als Trittbrettfahrer der Weltwirtschaft wachsen. Eine Volkswirtschaft dieser Größe kann nicht allein vom Verkauf ins Ausland leben. Das Problem liegt also nicht nur bei China. Es trifft die gesamte Weltwirtschaft. Das berichten unsere Kollegen von Puls Biznesu.

In jüngster Zeit vertreten viele Kommentatoren die These, China werde bald sein Entwicklungsmodell ändern. Das Land wolle die Motoren seines Wirtschaftswachstums vom Auslandsgeschäft auf die Binnennachfrage umstellen. Die Zeit niedriger Löhne und gedrückter Konsumausgaben sei vorbei. Die Menschen sollten anfangen, mehr Geld auszugeben und ihr Leben zu genießen. Unternehmen würden auf den wachsenden Konsum reagieren und in neue Produktionskapazitäten investieren. Alles würde weiterlaufen wie bisher, nur nicht mehr gestützt auf das, was amerikanische oder europäische Verbraucher kaufen, sondern auf das, was chinesische Konsumenten kaufen.

Der Westen würde damit seine Probleme mit der Flut billiger Waren aus China lösen. Diese Waren drücken heute viele industrielle Märkte in die Stagnation. China wiederum könnte Deflation bei Preisen, Löhnen und Gewinnen bekämpfen und die sogenannte Involution bremsen. Gemeint ist ein krankhafter Wettbewerb, der die Bilanzen der Unternehmen aushöhlt. Am Ende wären alle zufrieden.

Das Problem ist: Bislang passiert nichts davon. China rudert in eine völlig andere und für das Land vertraute Richtung. Es drosselt die Binnennachfrage und pumpt zugleich die Auslandsnachfrage auf. Der Export stieg im Mai um 19,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Dreimonatsdurchschnitt legte er um 12,0 Prozent zu. Gleichzeitig schrumpft die Inlandsnachfrage. Die Investitionen fielen im Mai um 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, im Durchschnitt der vergangenen drei Monate um 1,3 Prozent. Der Warenkonsum sank um 0,6 Prozent. Das ist der schwächste Wert seit Ende 2022.

China-Export: Handelsüberschuss steigt auf rund 875 Milliarden Euro

Der Einbruch der Binnennachfrage zwingt chinesische Hersteller zu aggressiver Expansion auf ausländischen Märkten. So hat der Handelsüberschuss Chinas inzwischen die Marke von einer Billion Dollar überschritten. Das entspricht rund 875 Milliarden Euro und damit ungefähr der Wirtschaftsleistung Polens oder der Schweiz.

Der bekannte und weiterhin einflussreiche Ökonom Paul Krugman sagte vor einiger Zeit, dieser Überschuss wirke wie ein Sicherheitsventil. Er erlaube es China, die vollen Folgen einer schwachen Konsumnachfrage zu vermeiden. Wenn chinesische Unternehmen ihre Waren im Inland nicht mehr rentabel verkaufen können und die Sparquote der Haushalte hoch bleibt, werden ausländische Märkte zum einzigen Ort, der den Angebotsüberschuss aufnehmen kann.

Ohne diese Absatzmärkte würde das Land in eine tiefe Rezession fallen. Auch das Finanzsystem geriete in ernsthafte Schwierigkeiten. Genau vor diesem Szenario schützt sich China mit seinem Exportmodell. Für Peking ist das eine Frage von Leben und Tod.

Das ist nicht nur für China ein schwerwiegendes Problem, sondern für die gesamte Weltwirtschaft. Brad Setser, früherer Berater von Barack Obama und Joe Biden, schrieb auf der Plattform X: "Wenn China keinen Weg findet, ohne unterbewerteten Wechselkurs und ohne einen jährlichen Beitrag der Nettoexporte zum Wachstum von 1 bis 1,5 Prozentpunkten zu wachsen, hat die gesamte Weltwirtschaft ein ernstes Problem. China ist zu groß, um allein durch Nettoexporte zu wachsen. Genau das entdeckt das Land meiner Ansicht nach gerade."

China-Export: Europas Industrie gerät in eine gefährliche Spirale

Der Westen hat ein Problem, weil der China-Export seine Industriezweige unter Druck setzt. China hat ein Problem, weil es sein Wachstum nicht ewig auf ausländische Nachfrage stützen kann. Ohne Exportexpansion gerät das Land jedoch in erhebliche Schwierigkeiten, weil dies in der aktuellen Lage Pekings einziger tragfähiger Plan zu sein scheint.

So entsteht eine Spirale, aus der China und der Westen nur schwer herausfinden werden. Das gilt für Polen, die Europäische Union und die gesamte westliche Welt. Vielleicht stecken alle Beteiligten bereits für Jahre darin fest. Und vielleicht hat niemand wirklich einen Plan, wie sich dieses Problem lösen lässt.

Klar ist: Die europäische Industrie muss ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Ebenso klar ist, dass eine neue Ära der Industriepolitik begonnen hat. Auch eine weitere Diagnose liegt auf der Hand: Länder mit chronischen Handelsüberschüssen müssen ihren Konsum erhöhen und ihre Ersparnisse senken. Länder mit Defiziten müssen ihren Konsum dämpfen und mehr sparen. Doch wie sich das praktisch erreichen lässt, bleibt offen. Ein wirksames Heilmittel gibt es bislang nicht.

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders brisant. Die deutsche Wirtschaft hängt stark an industriellen Wertschöpfungsketten, Exportmärkten und technologieintensiven Branchen. Wenn chinesische Hersteller wegen schwacher Binnennachfrage noch aggressiver auf den Weltmarkt drängen, trifft das deutsche Unternehmen in Bereichen wie Maschinenbau, Automobilzulieferung, Chemie, Elektrotechnik und grünen Technologien.Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob China sein Wachstumsmodell ändern kann. Die Frage lautet auch, ob Europa schnell genug eine Antwort findet, bevor weitere industrielle Kernbereiche unter den Druck chinesischer Überkapazitäten geraten.

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Gabriel Chrostowski

Gabriel Chrostowski ist Journalist bei Puls Biznesu, dem polnischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit polnischer Perspektive auf Wirtschaft und Unternehmen. Bei Puls Biznesu ist er für makroökonomische und branchenspezifische Analysen zuständig. Er taucht gerne in umfangreiche Datensätze und Forschungsstudien ein, um den tatsächlichen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen. In seiner Freizeit liest er, geht laufen, spielt Fußball und wandert. Er ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Posen (Poznań University of Economics and Business).
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