Politik

Ukraine-Hauptquartier: Amerikaner übergeben Nato-Mission ausgerechnet Deutschland

Die Nato plant, die internationalen Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte zu koordinieren. Deutschland fällt dabei wieder einmal eine herausgehobene Schlüsselrolle zu. Deshalb soll das Hauptquartier auch direkt in Deutschland aufgeschlagen werden - Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg favorisiert, den Standort Wiesbaden zu behalten.
14.06.2024 18:05
Aktualisiert: 15.06.2024 11:20
Lesezeit: 4 min
Ukraine-Hauptquartier: Amerikaner übergeben Nato-Mission ausgerechnet Deutschland
Ukraine-Mission: Nato will Standort Wiesbaden erhalten – die Bundesregierung stimmte jetzt zu. (Foto: dpa) Foto: Peter David Josek

Das neue Hauptquartier für den geplanten Nato-Einsatz zur Koordinierung von Waffenlieferungen und Ausbildungsaktivitäten für die ukrainischen Streitkräfte wird in Deutschland angesiedelt. Am Rande des Treffens der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel wurde jetzt bekannt, dass die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden der offizielle Standort sein wird – und damit an Ort und Stelle bleibt.

Es heißt, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg favorisiert diese Lösung. Sicherlich auch deshalb, weil er strategisch günstig auf der Basis der US-Streitkräfte in Europa liegt. Bislang hatten die Amerikaner die Koordinierungsaufgaben dort allein wahrgenommen – nun soll es das Nato-Logo bekommen. Geleitet werden soll der Einsatz künftig von einem Drei-Sterne-General, der direkt an den Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa berichtet. Das Team dürfte dasselbe bleiben – praktisch handelt es sich um eine Neu-Ettikettierung.

Die Entscheidung ist im politischen Berlin (und auch wohl anderen Hauptstädten) trotzdem mit einiger Verblüffung aufgenommen worden. Angesichts der Tatsache, dass die Bundesregierung krampfhaft darum bemüht ist, den Eindruck zu vermeiden (bzw. gegenüber Moskau zu zerstreuen), dass die Unterstützung der Ukraine maßgeblich eine operative Aufgabe des Verteidigungsbündnisses ist. So wurde jüngst erst darum gerungen und diplomatisch verhandelt, ob bei der beschlossenen Ukraine-Mission überhaupt das Nato-Kürzel im Namen auftauchen darf.

Die Bundesregierung scheint erpicht zu sein, argwöhnen Beobachter, Rücksichtnahme gegenüber SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich und anderen Tauben in Reihen der Ampel-Koalition walten zu lassen. Stichwort „Friedenskanzler!“ Immerhin hatte die SPD ja versucht, Partei und Personal für den Europa-Wahlkampf entsprechend in Szene zu setzen. Das ist kolossal daneben gegangen, seit dem Wahlsonntag tingeln Sahra Wagenknecht höchstselbst und ihre Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali als Putins Friedensengel durch die Talkshows. Womöglich hat Kanzler Olaf Scholz (SPD) Konsequenzen gezogen und seinem Verteidigungsminister Zustimmung signalisiert – auch zum Vorschlag Wiesbaden. Dass dies ohne sein Wissen im Nato-Kreise durchgesetzt wurde, aus pragmatischen Gründen, gilt als unwahrscheinlich. Völkerrechtlich sei die Entscheidung unproblematisch, und tatsächlich weiß Moskau ohnehin Bescheid, wie der Hase in den Nato-Reihen läuft.

Der vorliegende Operationsplan war am Donnerstag bereits vom Nordatlantikrat im schriftlichen Verfahren beschlossen worden, wurde freilich erst am Freitag von den Verteidigungsministern bestätigt und danach nun an die Öffentlichkeit lanciert. Immerhin soll aber künftig auch in Osteuropa eine weitere Mission angesiedelt werden. Aus logistischen Gründen könnte sich dafür ein Ort in Polen anbieten.

Die Unterstützungsaufgaben unter Federführung der Vereinigten Staaten wurden seit Oktober 2022 im Europa-Hauptquartier der US-Streitkräfte von zuletzt über 300 Soldaten und Analysten der sogenannten Security Assistance Group-Ukraine (SAG-U) wahrgenommen. De facto wird wohl nur das Namensschild an der Tür ausgetauscht und der Klingelknopf neu beschriftet.

Nato-Projekt und Ungarns Zurückhaltung

Der Grund dafür: Das Nato-Projekt gilt zugleich auch als Vorkehrung für den Fall der möglichen Rückkehr Donald Trumps nach einem Wahlsieg im Oktober. Er würde das US-Präsidentenamt im Januar 2025 antreten und könnte womöglich nicht mehr leichtfertig einen Rückzieher anordnen, wenn die Strukturen innerhalb der Nato verfestigt und vertäut worden sind.

Äußerungen von Republikanern im US-Kongress wie herausragender Trump-Berater hatten in der Vergangenheit Zweifel aufkommen lassen, ob die USA die Ukraine unter Trumps Führung weiter so im Abwehrkrieg gegen Russland unterstützen wird. Im Bündnis und wohl auch in der Biden-Administration wird befürchtet, dass unter dem drohenden Kurswechsel in Washington auch die Koordinierung von Waffenlieferungen für die ukrainischen Streitkräfte leiden und behindert werden könnte.

Nicht beteiligen wollen sich an dem neuen Nato-Projekt wieder mal Viktor Orban und seine Ungarn. Der Ministerpräsident in Budapest befürchtet, das Bündnis könnte in eine direkte Konfrontation mit Russland getrieben werden. Weitere Nato-Staaten schienen ebenfalls lange Zeit beunruhigt, bis sich allmählich die Erkenntnis durchsetzte, dass Russland eher mit kleiner Münze pokert, als wirklich die Einsätze erhöhen zu wollen.

Die meisten Nato-Staaten stufen das Risiko unterdessen als kalkulierbar ein. Es scheint so, als habe Orban womöglich ganz andere Gründe für seine überraschende Vasallentreue. Um dafür zu sorgen, dass Ungarn nicht den notwendigen Konsens der Nato-Mitgliedstaaten blockiert, wurde der Regierung Orban diese Woche in Brüssel zugesichert, dass es sich weder finanziell noch personell beteiligen muss. Mal wieder ein neues Budapester Memorandum!

Nato-Projektname geändert wegen Bedenken der Bundesregierung

Das neue Projekt wird künftig wohl offiziell den Namen „Nato Security Assistance and Training for Ukraine“ (NSATU) tragen – ein Kürzel-Ungetüm. Die meisten Nato-Staaten hatten sich zuvor eigentlich für den Namen „Nato Mission Ukraine“ ausgesprochen, und so werden sie die Mission sicher auch im Gebrauch nennen, egal, was die Berliner Verrenkungen unter den Partnern für Unbill erregt haben. Die Bundesregierung vertrat bis zuletzt den Standpunkt, dass irrtümlich verstanden werden könnte, dass die Nato eigene Soldaten in die Ukraine schicken will. Im Auswärtigen Amt befürchtet man wohl, der Name könnte von Russland für Propaganda gegen die Allianz genutzt werden. Ein Problem, was wohl eher die Talkshows bei uns im Lande betreffen könnte.

Auf Grundlage des vereinbarten Operationsplans können nun jedenfalls die weiteren Vorbereitungen für die Ukraine-Hilfe erfolgen. Offizieller Start ist wohl im Juli, wenn Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die anderen 31 Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten in Washington/D.C. zum nächsten Gipfeltreffen zusammenkommen werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Politik
Politik Renteneintritt: Die Babyboomer-Welle trifft den Arbeitsmarkt hart
11.07.2026

Der bevorstehende Rentenboom der Babyboomer-Generation wird die deutsche Wirtschaft weitaus härter treffen als bislang prognostiziert. Zu...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das Ende der Mitte: Hellweg und das Baumarkt-Sterben
11.07.2026

Die Krise verlässt die Baustellen: Mit Hellweg und den zum Verbund gehörenden BayWa Bau- und Gartenmärkten geraten über 100 Märkte in...

DWN
Finanzen
Finanzen In Luxusuhren investieren: „Ziemlich furchtbar, wenn unter dem Anzug eines Mannes eine riesige Garmin hervorschaut“
11.07.2026

Eine Luxusuhr verbindet Status, Leidenschaft für Uhren und in manchen Fällen auch die Hoffnung, Geld zu vermehren. Erfahrene...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW iX3 im Test: Elektrischer SUV mit erstaunlicher Reichweite
11.07.2026

Der neue BMW iX3 50 xDrive verbindet kräftige Fahrleistungen mit einer Reichweite, die im Alltag wirklich überzeugt. Zwei Elektromotoren,...

DWN
Politik
Politik Politik und Gesellschaft: Warum die Geburtenrate in Deutschland weiter sinkt
11.07.2026

Die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine Frau in Deutschland zur Welt bringt, ist auf den niedrigsten Wert seit rund 30 Jahren...

DWN
Panorama
Panorama Trump verdiente im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde, den größten Teil davon mit Kryptowährungen
11.07.2026

Der Vermögensbericht des US-Präsidenten und des Vizepräsidenten wurde veröffentlicht.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Was passiert, wenn eine Kuh eine Smartwatch bekommt?
11.07.2026

HeroLabs, das slowenische Start-up des Jahres, hat fast sechstausend Kühe mit den MooHero-Smart-Halsbändern ausgestattet; nun...

DWN
Finanzen
Finanzen Schuldenweltmeister Deutschland: Regierung plant noch mehr Schulden - wird die Defizitgrenze gekillt?
10.07.2026

Die Staatsverschuldung wächst unter Bundesfinanzminister Klingbeil rasant und die Regierung hat bisher keinen Plan gegen steigende...