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Niedriglohnland Deutschland: Immer mehr Beschäftigte verdienen weniger als 15 Euro

Nur noch fast jeder zweite Beschäftigte in Deutschland wurde 2024 nach Tarif bezahlt - meist für Berufe in der öffentlichen Verwaltung. Jobs mit Tarifbindung in der Privatwirtschaft gehen hingegen stetig zurück, dafür steigt die Zahl der Menschen im Niedriglohnsektor. Warum Arbeit nicht mehr vor Armut schützt - und wieso oft über miese Bezahlung geschwiegen wird.
21.03.2026 18:11
Aktualisiert: 22.03.2026 10:11
Lesezeit: 5 min
Niedriglohnland Deutschland: Immer mehr Beschäftigte verdienen weniger als 15 Euro
Niedriglohnsektor: In Westdeutschland hatten 2025 rund 6,5 Millionen Menschen Jobs unter 15 Euro - in Ostdeutschland knapp 1,2 Millionen. (Foto: dpa) Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Niedriglohnland Deutschland? Immer mehr Beschäftigte verdienen weniger als 15 Euro

Gerade hat eine neue Umfrage gezeigt, dass fast ein Viertel der deutschen Haushalte keine Ersparnisse besitzt. Fast jeder Zweite gab an, nicht genug zu verdienen, um etwas zu sparen. Bei 22 Prozent hätten die gestiegene Preise für den Lebensunterhalt die Rücklagen aufgezehrt. Auch die eigenen Aussichten scheinen für viele nicht rosig: Mehr als ein Drittel (36,5 Prozent) stimmte der Aussage zu: "Aufgrund meiner finanziellen Situation habe ich das Gefühl, dass ich nie die Dinge haben werde, die ich mir im Leben wünsche."

Die Ipsos-Erhebung für die Direktbank ING zeigt insgesamt: Für viele Deutsche reicht das Gehalt nicht um finanziell gut über die Runden zu kommen. Zu wenig Verdienst und zu hohe Kosten - ein Teufelskreis. Warum Arbeit nicht mehr vor Armut schützt.

Nur fast jeder zweite Beschäftigte arbeitet nach Tarif

Immer weniger Beschäftigte in Deutschland profitieren finanziell von einem Branchentarifvertrag. Laut der letzten Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiteten im Jahr 2024 nur noch 41 Prozent aller Beschäftigten in einem Betrieb mit einem solchen Tarifvertrag. Im Jahr zuvor waren es noch 42 Prozent. Der Rückgang ist für die Arbeitsmarktforscher ein Teil eines langfristigen Trends: 1996 galt noch für gut zwei Drittel der Beschäftigten ein Branchentarifvertrag. Das ergibt ein Minus von 26 Prozentpunkten innerhalb von knapp 30 Jahren.

Parallel dazu steigt die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Millionen Menschen arbeiten inzwischen an der Schwelle zum Niedriglohn - oder gar darunter. Nun werden auch politische Forderungen nach Konsequenzen gegen diese Negativentwicklung der Löhne lauter.

Niedriglohnsektor: 7,7 Millionen Beschäftigte verdienen weniger als 15 Euro

Deutschland gilt mit einem der größten Niedriglohnsektoren in Europa im Vergleich zu vielen Nachbarländern als Niedriglohnland. Denn letztes Jahr hat fast jeder fünfte Beschäftigte weniger als 15 Euro Brutto pro Stunde verdient. Nach den jüngsten Daten waren dies im vergangenen April 7,7 Millionen Beschäftigte (19,3 Prozent), wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Linken-Anfrage zeigt, die der DPA vorliegt. Damit ist Zahl um 1,4 Millionen Menschen höher als die Angaben des Statistischen Bundesamtes im Dezember. In der Pressemitteilung heisst es, dass 6,3 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor arbeiteten.

Außerdem legt die Anfrage der Linken offen, dass rund 10 Millionen Beschäftigte weniger als 16 Euro und rund 5 Millionen sogar weniger als 14 Euro verdienen. Die von der Regierung angeführte Daten stammen aus der jüngsten Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) nannte die Zahlen "erschreckend" und warnte vor verschärfter sozialer Ungleichheit.

Was ist der Niedriglohnsektor?

Zum Niedriglohnsektor zählen alle Beschäftigungsverhältnisse mit Berufsausbildung, für die es weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttostundenverdienstes gibt. Das heisst, beim mittleren Lohn verdient die eine Hälfte der Beschäftigten mehr und die andere Hälfte der Beschäftigten weniger. Diese Schwelle des Bruttostundenlohns lag im April 2025 bei 14,32 Euro, was etwa 16 Prozent aller Jobs betrifft. Davon betroffen sind überwiegend Beschäftigte, die oft in unbefristeten Arbeitsverhältnissen arbeiten.

Unterschied zwischen Niedriglohnsektor und Mindestlohn

Der Mindestlohn soll Lohndumping verhindern, während der Niedriglohn ein strukturelles Lohnniveau beschreibt: Der Mindestlohn (aktuell 13,90€ pro Stunde) ist die gesetzliche Lohnuntergrenze, während der Niedriglohnsektor statistisch alle Jobs umfasst, die weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttostundenverdienstes (unter ca. 14-15 €) einbringen. Ein Arbeitsverhältnis kann über dem Mindestlohn, aber dennoch im Niedriglohnsektor liegen, wenn es unter dieser Schwelle bleibt.

  • Mindestlohn: Ein von der Bundesregierung festgelegter, verbindlicher Betrag pro Arbeitsstunde, den Arbeitgeber mindestens zahlen müssen.
  • Niedriglohnsektor: Eine statistische Größe, die Arbeitsverhältnisse umfasst, bei denen der Lohn unter der "Niedriglohnschwelle" liegt. Diese Schwelle wird dynamisch berechnet (zwei Drittel des Medianlohns).

Zusammenhang: Der Mindestlohn ist ein Instrument, um den Niedriglohnsektor zu verkleinern. Wenn der Mindestlohn steigt, rutschen viele Arbeitsplätze aus dem Niedriglohnsektor heraus. Der Mindestlohn ist sozusagen eine gesetzliche Pflichtuntergrenze, während der Niedriglohnsektor den Bereich der Geringverdiener insgesamt definiert, in dem viele trotz Mindestlohn arbeiten.

Geringverdiener: Unter der Niedriglohnschwelle

Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Deutschland derzeit bei 13,90 Euro pro Stunde und soll Anfang 2027 auf 14,60 Euro steigen. Wenn selbst kein höherer Lohn vereinbart wurde, zum Beispiel durch einen Tarifvertrag, gilt der gesetzliche Mindestlohn für alle Beschäftigten in Deutschland, mit ganz wenigen Ausnahmen.

Der Linke-Abgeordnete Cem Ince, der die Anfrage gestellt hatte, sagte dazu der DPA: "Der EU-Mindestlohnrichtlinie zufolge müssten Beschäftigte mindestens 15 Euro pro Stunde verdienen." Deutlich über 16 Euro müssten es "für ein Mindestmaß an echter Lebensqualität" sein - dies zeigten Studien. "Kein Wunder, dass die Unzufriedenheit im Land groß ist, wenn Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter weniger verdienen." Auch SoVD-Chefin Michaela Engelmeier fordert einen "armutsfesten Mindestlohn". Der müsse entsprechend der EU-Mindestlohnrichtlinie bei mindestens 60 Prozent des mittleren Lohns liegen. "So stellen wir sicher, dass Arbeit wirklich vor Armut schützt", sagte Engelmeier der dpa.

Schon seit längerem fordern Gewerkschaften und Sozialverbände einen Mindestlohn nicht unter 60 Prozent des mittleren Lohns. Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wären schon im vergangenen Jahr 15,12 Euro in Deutschland nötig gewesen, um die 60-Prozent-Schwelle zu erreichen. Dies ergebe sich aus OECD-Berechnungen.

Wo es millionenfach niedrige Löhne gibt

Von Löhnen in den unteren Segmenten sind typischerweise etwa Beschäftigte in Restaurants und Hotels betroffen. Der Regierungsantwort zufolge gab es im Gastgewerbe im vergangenen Jahr über 1,1 Millionen Jobs unter 15 Euro. Aber beispielsweise auch bei Autohandel und -instandhaltung oder wirtschaftlichen Dienstleistungen verdienen viele Beschäftigte nicht mehr.

Überdurchschnittlich hohe Anteile von Niedriglohnbeschäftigten gibt es laut Statistischem Bundesamt auch in Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft und bei Kunst, Unterhaltung und Erholung.

In Westdeutschland hatten rund 6,5 Millionen Menschen Jobs unter 15 Euro - in Ostdeutschland knapp 1,2 Millionen. Rund 4,3 Millionen Betroffene sind Frauen - 3,4 Millionen Männer, wie die Daten weiter zeigen.

"Über miese Bezahlung wird geschwiegen"

Der Linke-Abgeordnete Cem Ince wirft der Bundesregierung und Unternehmen Druck auf die Beschäftigten vor. "Sie sollen länger arbeiten, schneller wieder gesund werden und jederzeit verfügbar sein. Über die miese Bezahlung wird hingegen geschwiegen." Der Linken-Politiker fordert dafür "gute Löhne für alle Arbeitenden, statt leistungsloses Einkommen für die Reichsten".

Ince spielt damit auf jüngste Debatte über die Arbeitsmoral und den Sozialstaat in Deutschland an. So forderte Wirtschaftsministerin Reiche, um wieder mehr Wachstum zu erreichen, müsse in Deutschland insgesamt mehr gearbeitet und der Kündigungsschutz gelockert werden. „Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten.“, so die CDU-Politikerin.

Tarifbindung in der Privatwirtschaft geht zurück

Mehr Arbeit, weniger Gehalt - dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Löhne fallen in der freien Wirtschaft, im öffentlichen Sektor nicht. "Die sinkende Tarifbindung ist weitestgehend auf den Rückgang der Branchentarifbindung in der Privatwirtschaft zurückzuführen, denn im öffentlichen Sektor blieb diese weitgehend stabil", erklärte IAB-Forscherin Susanne Kohaut.

In der öffentlichen Verwaltung liegt die Tarifbindung laut Statistischem Bundesamt bei 100 Prozent, gefolgt von Energieversorgung (84 Prozent) und dem Bildungsbereich (80 Prozent). Deutlich schlechter sieht es mit Tarifverträgen für Mitarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft (elf Prozent), im Gastgewerbe (23 Prozent) oder im Kunst- und Unterhaltungssektor (20 Prozent) aus - alles Bereiche mit wenig Tarifbindung und überdurchschnittlich hohen Anteilen von Niedriglohnbeschäftigten. Auch zeigt die Erhebung deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: In Westdeutschland waren 2024 noch 43 Prozent der Beschäftigten in branchentarifgebundenen Betrieben tätig, in Ostdeutschland nur 31 Prozent.

Weniger Tarif, mehr Billiglohn

In vielen Dienstleistungsbranchen wie Handel oder Gastgewerbe profitiert nur noch eine Minderheit der Arbeitnehmer von einem Tarifvertrag. Doch ohne Tarifverträge verdienen die Beschäftigten deutlich weniger, arbeiten erheblich länger und haben insgesamt schlechtere Arbeitsbedingungen. Eine im April 2024 veröffentlichte WSI-Studie kam zu dem Schluss, dass Vollzeitbeschäftigte in tariflosen Betrieben im Mittel wöchentlich 53 Minuten länger arbeiten und trotzdem gut zehn Prozent weniger verdienen als Beschäftigte in Betrieben mit Tarifbindung. Dieses finanzielle Ungleichgewicht fällt bei stetig steigenden Lebenskosten immer mehr ins Gewicht und führt langfristig zu großen Einkommensunterschieden.

Tipp: Der vorliegende Gehaltsvergleich schätzt anhand amtlicher Daten und Ihrer Eingaben ein durchschnittliches Gehalt für verschiedene Berufsprofile innerhalb von Deutschland.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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