Politik

Arbeitszeitdebatte: Warum längere Arbeitszeiten nicht die Lösung sind

Während steigende Arbeitslosigkeit und zunehmender Einsatz von Künstlicher Intelligenz den Arbeitsmarkt in Deutschland bestimmen - debattieren Wirtschaft und Politik über längere Arbeitszeiten. Ein Vergleich mit der Schweiz zeigt, dass der Ansatz, die Arbeitszeiten weiter auszudehnen, in die falsche Richtung geht. Warum es stattdessen eine bessere Arbeitskultur braucht.
22.04.2026 05:55
Lesezeit: 4 min
Arbeitszeitdebatte: Warum längere Arbeitszeiten nicht die Lösung sind
Vorbild Schweiz? In der Schweiz sind die Arbeitszeiten im Vergleich zum europäischen Durchschnitt deutlich höher: Die Normalarbeitszeit für eine Vollzeitstelle liegt zwischen 40 und 42,5 Stunden pro Woche. (Foto: dpa) Foto: Gian Ehrenzeller

Arbeitszeitdebatte: Warum längere Arbeitszeiten nicht die Lösung sind

Müssen wir uns vom freien Wochenende und dem abendlichen Feierabend verabschieden, damit Deutschland seine Wirtschaft wieder auf Vordermann bringt? Selten war die wirtschaftliche Lage in Deutschland derart düster- und schuld daran soll auch die fehlende Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer sein. Die aktuelle politische Debatte jedenfalls verstärkt diesen Eindruck: Die Union fordert Reformen, wie eine längere Lebensarbeitszeit, die Lockerung des Kündigungsschutzes, kein Recht auf Teilzeitarbeit. Eine historische Reform des Arbeitszeitgesetzes, soll die starre Tagesgrenze zugunsten eines flexiblen Wochenmaximums von 48 Stunden abschaffen.

Regierung plant Abschied vom Acht-Stunden-Tag

Wenn Bundeskanzler Merz das Arbeitszeitgesetz tatsächlich streicht, wie er das vor Wirtschaftsvertretern angedeutet hat, wären künftig andere Arbeitszeiten möglich: regelmäßige 10-Stunden-Tage, durchgearbeitete Wochenenden oder im Extremfall auch einmal eine 70-Stunden-Woche. Für die Mehrheit der Beschäftigten ist das keine Option: Eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes ergab, dass sich Angestellte verlässliche Arbeitszeiten wünschen, viele würden ihre Arbeitszeit lieber reduzieren, als sie auszuweiten.

Doch auch das Recht auf Teilzeitarbeit soll eingeschränkt werden, denn Deutschland müsse wieder mehr Wachstum erreichen, so der politische Diskurs. Sind die Deutschen fauler als Andere - und bringt eine längere Erwerbstätigkeit wirklich den gewünschen Effekt?

Vergleich: Sind die Schweizer fleissiger?

Oft wird mit Blick auf eine höhere Erwerbsarbeitszeit auf die Schweiz verwiesen. Tatsächlich ist die betriebsübliche bzw. vertragliche Arbeitszeit bei einer Vollzeitstelle im Nachbarland mit 41,7 Stunden höher als in Deutschland oder anderen EU-Staaten.

Doch der oberflächliche Zahlenvergleich greife zu kurz, betont Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI: „Ein detaillierter Blick auf die Schweiz zeigt, dass der gesellschaftliche Preis für diese hohen Arbeitszeiten sehr hoch ist, denn sie wirken sich negativ auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden und auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus.“

Noch deutlich höhere Teilzeitquoten als in Deutschland, Stress, emotionale Erschöpfung durch Arbeitsdruck und Zeitnot mit Milliardenkosten für die Wirtschaft – die langen Arbeitszeiten in der Schweiz haben deutliche Negativ-Effekte und sind in der Eidgenossenschaft keineswegs unumstritten. Das zeigt eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Schweiz: Hoher Vollzeitstandard, hohe Teilzeitquote

Auffällig ist, dass neben der Stundenzahl bei Vollzeitbeschäftigung auch die Quote der Teilzeitbeschäftigten vergleichsweise hoch ist: 2024 waren 58,4 Prozent der Frauen in der Schweiz in Teilzeit erwerbstätig und 21,1 Prozent der Männer.

Traditioneller Weise übernehmen Frauen den deutlich größeren Anteil an unbezahlter Care-Arbeit, also etwa Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit oder Pflege. Das führt dazu, dass auch in der Schweiz Erwerbsarbeit oft nur in Teilzeit möglich ist. Damit liegt der Teilzeitanteil von Frauen sogar noch über dem in Deutschland (49 Prozent). Auch Männer (12 Prozent) arbeiten in Deutschland seltener mit reduzierter Stundenzahl.

Durch die langen Vollzeit-Arbeitszeiten (zwischen 40 und 42,5 Stunden pro Woche) ist der Druck auf Arbeitnehmer in der Schweiz besonders groß. Auch die Teilzeitarbeit ist vergleichsweise lang: Insgesamt arbeiten erwerbstätige Frauen in der Schweiz im Mittel rund 31 Wochenstunden im Erwerbsjob, in Deutschland sind es etwa 27 bis 28 Wochenstunden. Daraus folgt, dass Frauen in der Schweiz, bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, mehr als Männer und auch mehr als Frauen in Deutschland arbeiten.

Folgen: Überlagerung von Arbeit und Privatleben

Eine Europäische Erhebung (EWCTS 2024) bestätigte, dass entgrenzte Arbeitszeiten und die damit einhergehende Überlagerung von Arbeit und Privatleben sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein Problem sind – in der Schweiz aber noch deutlich ausgeprägter:

  • Während in Deutschland 19 Prozent der Arbeitnehmer mehrere Male pro Monat in der Freizeit arbeiten, sind es in der Schweiz sogar 29 Prozent.
  • Der Anteil der Beschäftigten, die mindestens einmal weniger als elf Stunden Ruhezeit zwischen dem Ende eines und dem Beginn des nächsten Arbeitstages hatten, liegt in der Schweiz mit 25 Prozent und damit acht Prozentpunkte über dem Anteil in Deutschland.
  • In der Schweiz arbeiten 15 Prozent 48 oder mehr Stunden pro Woche. Das ist mehr als doppelt so häufig wie in Deutschland, wo bereits sieben Prozent der Befragten angeben, dass ihre Arbeitswochen 48 oder mehr Stunden betragen.

Negative Konsequenzen für Arbeitnehmer

Lange Voll- und Teilzeitarbeitzeiten erhöhen den Druck auf Arbeitnehmer erheblich. Der Anteil gestresster Erwerbstätiger stieg in den letzten Jahren stetig. Der Job-Stress-Index, von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, ergab: Während 2014 noch 24,8 Prozent der Beschäftigten gestresst waren, waren es 2022 bereits 28,2 Prozent. Auch die emotionale Erschöpfung nahm in diesem Zeitraum zu: von 24,0 Prozent auf 30,3 Prozent.

Die Folge: Langzeitarbeitsunfähigkeit. Die Gesundheits-Stiftung berechnete für 2022, dass arbeitsbezogener Stress die schweizer Wirtschaft unter dem Strich rund 6,5 Milliarden Franken kostete – und das bezogen auf ein Achtel der Erwerbstätigenzahl Deutschlands.

Warum die Schweiz kein Vorbild ist

Alles in allem zeigt der Blick auf die Schweiz, dass der Ansatz, die Arbeitszeiten forciert auszudehnen, in die falsche Richtung geht, um Erwerbspotenziale, die es in Deutschland durchaus gibt, auszuschöpfen. Es muss darum gehen arbeitsfähige Menschen aus der Arbeitslosigkeit zurückzuholen - und nicht die Mehrbelastung auf bereits Berufstätige abzuwälzen.

Für die arbeitende Bevölkerung, vorallem mit familiären Verpflichtungen, sollte außerdem die Reduktion von arbeitsverursachtem Stress für Arbeitgeber eine höhere Bedeutung zukommen, so die WSI-Analyse. „Zur Verbesserung von Wohlbefinden und Gesundheit der Arbeitnehmenden, aber auch um die Produktivitätsverluste aufgrund von arbeitsbezogenem Stress und langen Arbeitszeiten zu reduzieren und den Beschäftigten zu ermöglichen, das gesetzlichen Rentenalter zu erreichen.“

Die Realität in Deutschland sieht jedoch häufig anders aus. In der Betriebs- und Personalrätebefragung des WSI gaben mehr als ein Sechstel der befragten Personal- und Betriebsräte an, dass sich der Betrieb beispielsweise „gar nicht“ darum bemühe, die Arbeitsbedingungen älterer Beschäftigter ihren Bedürfnissen entsprechend besser zu gestalten.

Weitere Ergebnisse zur Auswertung "Arbeitszeitflexibilisierung und lange Erwerbsarbeitszeiten: Warum die Schweiz kein Vorbild ist" finden Sie hier.

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