Finanzen

Vistra-Aktie wird zur Stromwette auf den KI-Boom

Künstliche Intelligenz frisst Strom, und plötzlich geraten Energieaktien ins Zentrum der Börsenfantasie. Die Vistra-Aktie verspricht Zugang zu genau diesem Trend, gestützt von langfristigen Verträgen mit Meta und Amazon. Doch ein großer Teil der Produktion ist schon vorab verkauft. Anleger setzen deshalb nicht nur auf den KI-Boom, sondern auch auf viel Geduld.
09.06.2026 06:48
Lesezeit: 5 min
Vistra-Aktie wird zur Stromwette auf den KI-Boom
Die Vistra-Aktie verbindet KI-Euphorie mit Energiebedarf. (Foto: dpa | Robert Michael) Foto: Robert Michael

Vistra-Aktie profitiert vom Boom der Rechenzentren

Zu Jahresbeginn standen im Zusammenhang mit dem Bauboom bei Rechenzentren bereits Energieunternehmen im Fokus, da die Nachfrage nach Strom steigt, sobald diese Anlagen in Betrieb genommen werden. Im Januar fiel der Blick auf die Aktie von Constellation Energy, einem der größten Stromerzeuger der USA. Damals war die Aktie jedoch teuer bewertet. Der Versorger Constellation war gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis extrem teuer. Im Januar lag das rückblickende KGV bei 38 und das erwartete KGV bei 28. Das charakterisiert eher die Aktie eines schnell wachsenden Technologieunternehmens. Inzwischen sind die Kennzahlen von Constellation etwas gefallen, da der Aktienkurs seit Jahresbeginn um 19 Prozent gesunken ist. Gut also, dass damals kein Kauf erfolgte, so unsere Kollegen von Äripäev.

Obwohl Constellation weiterhin eher hoch bewertet ist, fällt nun ein Unternehmen auf, das günstiger erscheint und dessen Kurs nach einem deutlichen Rückgang wieder zu steigen begonnen hat. Gemeint ist Vistra, ein Unternehmen, das Strom vor allem mit Gas und Kernkraftwerken produziert. Vistra ist größtenteils in Texas aktiv, im Netz des dortigen Systembetreibers ERCOT. Außerdem ist das Unternehmen an der Ostküste rund um New York im Netz Pennsylvania, Jersey, Maryland, kurz PJM, tätig und in geringerem Umfang auch in Kalifornien. Vistra ist kein typisches Versorgungsunternehmen, sondern ein unabhängiger Stromerzeuger. Das Unternehmen produziert Strom zum Verkauf, besitzt und betreibt jedoch keine Übertragungsnetze.

Vistra kann rund 44 Gigawatt Strom erzeugen. Davon stammen 62 Prozent aus Erdgas, 20 Prozent aus Kernenergie, etwa 15 Prozent aus Kohle und drei Prozent aus erneuerbaren Energien. Zusätzlich arbeitet das Unternehmen an der Erweiterung von Gaskraftwerken und am Umbau von Kohlekraftwerken zu Gaskraftwerken. Dadurch kommen in einigen Jahren weitere 4,5 Gigawatt Produktionskapazität hinzu.

Mehr Produktionsleistung erhält Vistra auch durch eine Übernahme. Derzeit läuft der Erwerb der Gaskraftwerke von Cogentrix, der zusätzliche 5,5 Gigawatt Erzeugungskapazität bringen soll. Die Transaktion soll in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres abgeschlossen werden. Nach Abschluss dieser Übernahme dürfte Vistra zu einem der größten Stromerzeuger der USA aufsteigen.

Vistra-Aktie lockt Analysten mit starkem Gewinnwachstum

Die Vistra-Aktie liegt seit Jahresbeginn betrachtet wieder ungefähr bei null. Ihr Jahrestief erreichte sie jedoch erst Anfang der vergangenen Woche, als der Kurs gegenüber dem Jahresanfang um 20 Prozent gefallen war. Inzwischen hat sich der Aktienkurs schnell erholt, und die Bewertungskennzahlen sind wieder etwas teurer geworden. Investoren setzen jedoch erneut auf die Aktie.

In den vergangenen zwölf Monaten erzielte Vistra einen Umsatz von 19,8 Milliarden Dollar. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr ein Wachstum von zehn Prozent. Für dieses Jahr erwarten Analysten einen Umsatz von 23,8 Milliarden Dollar. Das entspräche einem jährlichen Wachstum von 32,6 Prozent.

Beim Gewinn je Aktie erzielte Vistra in den vergangenen zwölf Monaten 5,87 Dollar. Das sind sieben Prozent weniger als im Vorjahresvergleich. Für das laufende Jahr wird jedoch ein Gewinn je Aktie von 8,93 Dollar erwartet. Das würde einem Wachstum von 309 Prozent entsprechen. Auch für das kommende Jahr wird ein Wachstum von 25 Prozent prognostiziert.

Für einen Stromerzeuger verfügt das Unternehmen über eine sehr solide Marge. In den vergangenen vier Quartalen lag die Bruttomarge bei 49 Prozent. In den kommenden Jahren wird erwartet, dass die Marge über 40 Prozent bleibt.

Bei den Bewertungskennzahlen wirken die zukunftsgerichteten Werte im Vergleich zur Aktie von Constellation Energy durchaus solide. Das rückblickende Kurs-Gewinn-Verhältnis der Vistra-Aktie liegt derzeit bei 25,9. Das erwartete KGV beträgt 17,3 und für das kommende Jahr 13,8. Das ist ein deutlich besseres Angebot als bei Constellation.

Aus dem Verhältnis von Gewinnwachstum und Bewertung, dem PEG, ergibt sich, dass die Aktie unterbewertet erscheint. Erwartet wird, dass der Gewinn des Unternehmens schneller wächst, als es das Kurs-Gewinn-Verhältnis nahelegt. Das PEG der Vistra-Aktie liegt auf Basis der Analystenprognosen für dieses Jahr bei 0,1. Dasselbe gilt für das nächste und das übernächste Jahr. Im Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum wirkt die Bewertung verlockend niedrig.

Der Strom ist im Voraus verkauft

Bei Vistra spielen Gaspreise und Veränderungen der Inputkosten eine wichtige Rolle für die Profitabilität, da der Großteil des Stroms bereits im Voraus verkauft wurde. Das Unternehmen hat sich damit eine Art gläserne Decke eingezogen, falls die Strompreise stark steigen. In diesem Fall müsste Vistra dennoch zu früher festgelegten niedrigeren Preisen verkaufen.

Das Unternehmen hat 98 Prozent der Produktion dieses Jahres bereits im Voraus verkauft. Für das kommende Jahr ist der Gewinn zu 89 Prozent abgesichert, und von der Produktion des Jahres 2028 sind rund 65 Prozent verkauft. Erst ab dem übernächsten Jahr kann Vistra also stärker von steigenden Preisen profitieren. Genau darin liegt auch die größte Sorge bei diesem Unternehmen. Der Aktienkurs und die Bewertung spiegeln einen großen KI-Boom wider, doch geschäftlich muss Vistra davon nicht zwingend sofort profitieren.

Offen bleibt zudem die Ausweitung der Produktionsmengen durch die Modernisierung von Gaskraftwerken und die Umstellung kohlebefeuerter Anlagen auf Gas. Außerdem sollen in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres durch die Übernahme von Cogentrix Energy zusätzliche 5,5 Gigawatt Produktionskapazität hinzukommen. Ein positives Zeichen ist, dass Vistra am Boom der Rechenzentren über langfristige Verträge teilnimmt. Mit Meta besteht ein Vertrag über 20 Jahre zur Abnahme von 2,6 Gigawatt Strom. Mit Amazon gibt es einen Vertrag über 20 Jahre zur Abnahme von 1,2 Gigawatt Strom. Es ist ein gutes Signal, dass solche Technologiegiganten Vistra für ihren Energiebedarf auswählen.

Wer in Vistra investiert, sollte daher einen langen Anlagehorizont haben. Ab 2028 kann das Unternehmen bei steigenden Preisen größeren Nutzen ziehen. Die Anlagethese muss also langfristig sein. Auf dem aktuellen Kursniveau wirkt die Aktie zwar etwas attraktiver bewertet, doch für die kommenden Jahre bleiben erhebliche Risiken in der Luft. Natürlich besteht zugleich die Gefahr, dass der Markt ständig nach vorn schaut. Wenn sich die Ergebnisse verbessern, kann auch der Aktienkurs steigen. Dann könnte man den Zug vollständig verpassen und müsste später teurer einsteigen. Die Idee braucht daher weitere Prüfung, doch der Anlagegedanke bei US-Energieunternehmen bleibt bestehen.

Vistra-Aktie zeigt auch für Deutschland den Energiebedarf der KI

Für Deutschland ist die Vistra-Aktie aufgrund des zugrunde liegenden Trends relevant. Rechenzentren, KI-Anwendungen und Cloud-Infrastruktur erhöhen den Strombedarf auch in Europa. Für ein Industrieland wie Deutschland wird damit die Frage entscheidend, ob Stromkapazitäten, Netze und Energiepreise mit dem digitalen Wandel Schritt halten. Der Blick auf Vistra zeigt, wie stark Kapitalmärkte bereits auf den Zusammenhang zwischen KI-Boom und Energieversorgung reagieren. In Deutschland betrifft diese Entwicklung Versorger, Netzbetreiber, Betreiber von Rechenzentren und Unternehmen, die auf sichere digitale Infrastruktur angewiesen sind. Während die USA mit großen unabhängigen Stromerzeugern und langfristigen Abnahmeverträgen zwischen Energieunternehmen und Tech-Konzernen arbeiten, steht Deutschland zusätzlich vor der Herausforderung, Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung, Netzausbau und wettbewerbsfähige Strompreise miteinander zu verbinden.

Für deutsche Anleger kann die Vistra-Aktie deshalb als Beispiel dienen, wie Energieunternehmen durch den KI-Trend in den Fokus rücken. Zugleich zeigt der Fall, dass hohe Erwartungen nicht automatisch kurzfristige Gewinne bedeuten. Wenn Strom bereits zu festen Preisen verkauft ist, profitiert ein Unternehmen erst verzögert von steigenden Marktpreisen. Der langfristige Charakter solcher Verträge kann Stabilität schaffen, begrenzt aber zugleich schnelle Zusatzerträge.

Das Fazit fällt entsprechend vorsichtig aus. Die Vistra-Aktie verbindet zwei starke Themen: den wachsenden Strombedarf durch KI-Rechenzentren und die Suche nach günstiger bewerteten Energieaktien. Die Kennzahlen wirken im Vergleich zu Constellation Energy attraktiver, und die Verträge mit Meta und Amazon sprechen für die strategische Bedeutung des Unternehmens. Trotzdem bleibt das Investment risikoreich, da große Teile der Stromproduktion bereits im Voraus verkauft wurden und der eigentliche Nutzen höherer Preise erst später sichtbar werden dürfte. Für langfristig orientierte Anleger kann Vistra interessant sein. Kurzfristig bleibt jedoch viel Unsicherheit.

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