Wirtschaft

Endgame? Kiel Report sieht Wirtschaft Russlands immer stärker unter Druck

Die russische Wirtschaft galt lange als überraschend widerstandsfähig gegenüber Sanktionen und Kriegsfolgen. Ein neuer "Kiel Report" des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholm Institute of Transition Economics zeichnet nun jedoch ein deutlich anderes Bild. Befindet sich die Wirtschaft Russlands im Endstadium?
11.06.2026 11:10
Aktualisiert: 11.06.2026 11:10
Lesezeit: 4 min
Endgame? Kiel Report sieht Wirtschaft Russlands immer stärker unter Druck
Wirtschaft Russlands kämpft mit sinkenden Staatseinnahmen, Arbeitskräftemangel und Schulden. (Bild: ChatGPT)

Russische Wirtschaft am Ende? Reserven schwinden

Die russische Wirtschaft gerät vier Jahre nach Beginn der großangelegten Invasion in der Ukraine immer stärker unter Druck. Ein neuer "Kiel Report" des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und des Stockholm Institute of Transition Economics sieht deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung. Die Autoren sprechen davon, dass Russlands Wirtschaft im "Endstadium" stehe. Für den Westen könne sich damit ein Zeitfenster öffnen, Sanktionen und Exportkontrollen wirksamer durchzusetzen.

Im Zentrum des aktuellen Reports von IfW-Präsident Moritz Schularick und anderen Ökonomen steht die Frage, wie lange Moskau seine Kriegswirtschaft noch aufrechterhalten kann. "In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht", sagt Moritz Schularick, Co-Autor des Überblickskapitels des Berichts. "Die wirtschaftlichen Grundlagen haben sich deutlich abgeschwächt. Die fiskalischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit von China wird immer ausgeprägter. Gleichzeitig dürften höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf vermutlich nur vorübergehende fiskalische Effekte haben", warnt Schularick.

Wirtschaft Russlands unter Druck: Haushaltsdefizit steigt, Energieerlöse fallen deutlich

Die Zahlen zeigen, wie angespannt die Lage ist. Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds sanken dem Bericht zufolge von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026. Gleichzeitig hat das Defizit des Bundeshaushalts bereits in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 das Ziel der Regierung für das gesamte Jahr überschritten. Die Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent ein. Für die russische Wirtschaft ist das schwerwiegend, weil Exporteinnahmen aus Öl und Gas laut Bericht ein entscheidender Faktor für die Kriegsfinanzierung bleiben.

Doch die Probleme reichen über den Staatshaushalt hinaus. Der Kreml stützt sich auf außerbudgetäre Finanzierungen, rasche Kreditausweitung und indirekte Unterstützung durch das Bankensystem, um die Militärausgaben aufrechtzuerhalten. Seit Kriegsbeginn ist die Verschuldung russischer Unternehmen stark gestiegen, weil Banken Ressourcen in kriegsbezogene Sektoren lenken. Damit verschiebt sich die Belastung innerhalb der Wirtschaft Russlands, ohne die grundlegenden Engpässe zu lösen.

"Die grundlegende Einschränkung, mit der Russland heute konfrontiert ist, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten", sagt Matthew C. Klein, Autor des Ökonomie-Blogs "The Overshoot" und Autor des Kapitels über Russlands Kriegsfinanzierung. "Die Regierung kann zwar zusätzliche finanzielle Ressourcen mobilisieren, doch angesichts eines Arbeitskräftemangels auf Rekordniveau und Sanktionen, die den Zugang zu wichtigen Importgütern einschränken, birgt eine höhere Ausgabenpolitik zunehmend das Risiko, Inflation zu erzeugen, anstatt die militärische Leistungsfähigkeit zu steigern."

China wird zum wichtigsten Wirtschaftspartner Moskaus

Ein zweiter Schwerpunkt ist die wachsende Abhängigkeit von China. Die russische Wirtschaft ist in Handel, Technologie und Finanzen immer stärker auf Peking angewiesen. China macht inzwischen etwa 35 Prozent des gesamten russischen Außenhandels aus und liefert den überwiegenden Teil der kritischen Güter, die zivil und militärisch nutzbar sind, sowie militärrelevante Komponenten. Seit 2022 ist China für rund drei Viertel des Anstiegs der russischen Importe von sanktionierten, kritischen militärischen Komponenten verantwortlich.

Aus Sicht der Autoren handelt Moskau weniger aus freier strategischer Wahl als aus Notwendigkeit. Weil der Zugang zu westlichen Märkten, Technologien und Finanzinfrastruktur eingeschränkt ist, stützt chinesische Nachfrage nach russischen Exporten Russlands Wirtschaft kurzfristig. Zugleich schwächt die Abhängigkeit langfristig die wirtschaftliche Autonomie und Verhandlungsmacht des Landes.

"Der Begriff einer 'grenzenlosen Partnerschaft' verschleiert eine wachsende Asymmetrie", sagt Alicia García-Herrero, Senior Fellow bei Bruegel und Co-Autorin des Berichts. "Russland hat einen wirtschaftlichen Rettungsanker erhalten, aber China hat an Einfluss gewonnen. Moskau ist in den Bereichen Handel, Technologie und Finanzen zunehmend von Peking abhängig, während China weiterhin frei ist, die Bedingungen der Beziehung zu diktieren. Dies entwickelt sich zu einer Partnerschaft der Abhängigkeit statt zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe."

Wirtschaftliche Schwächen eröffnen neue Hebel für Sanktionen

Für westliche Regierungen leiten die Autoren daraus Handlungsbedarf ab. Die Verwundbarkeit der russischen Wirtschaft eröffne die Chance, Sanktionen konsequenter umzusetzen. "Die Durchsetzung von Preisobergrenzen muss im Mittelpunkt der Sanktionspolitik stehen. Dazu gehören erneute Bemühungen, Russlands Schattenflotte einzuschränken", argumentiert Torbjörn Becker, Direktor des Stockholm Institute of Transition Economics und Co-Autor des Berichts. Zusätzlich empfehlen die Autoren strengere Exportkontrollen, besonders mit Blick auf chinesische Lieferanten, sowie Maßnahmen gegen russische Exporteinnahmen.

Ein Vorschlag ist ein "Ukraine-Unterstützung-Zoll" für den verbleibenden Handel mit Russland, insbesondere für LNG, Chemikalien, Düngemittel und andere Güter, die europäische Märkte erreichen. Ein solcher Zoll könnte Exporteinnahmen Moskaus senken und zugleich Mittel für Verteidigung und Wiederaufbau der Ukraine bereitstellen. "Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Durchsetzung von Sanktionen Wirkung zeigt", sagt Schularick. "Die Herausforderung für Europa besteht darin, die wachsenden wirtschaftlichen Schwachstellen Russlands in dauerhafte strategische Hebel umzuwandeln."

Damit beschreibt der Bericht, wie die russische Wirtschaft unter stärkeren realen und finanziellen Zwängen steht. Für Russlands Wirtschaft bedeutet das: Geld allein reicht nicht mehr, wenn Arbeitskräfte, Technologie und Produktionskapazitäten fehlen. Für die Wirtschaft Russlands wird China zugleich zum wichtigsten Rettungsanker und zum Machtfaktor, der die Bedingungen mitbestimmt.

Russische Wirtschaft: Die Belastungsgrenzen werden sichtbar

Die aktuelle Analyse zeichnet das Bild einer russischen Wirtschaft, die nach mehreren Kriegsjahren zunehmend an ihre strukturellen Grenzen stößt. Sinkende Öl- und Gaseinnahmen, schwindende Reserven und ein akuter Mangel an Arbeitskräften erschweren es dem Kreml, die hohen Ausgaben dauerhaft aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von China in zentralen Bereichen wie Handel, Technologie und Finanzen. Zwar verfügt Moskau weiterhin über Möglichkeiten zur Finanzierung seiner Kriegswirtschaft, doch die wirtschaftlichen Spielräume werden enger. Aus Sicht der Autoren eröffnet diese Entwicklung dem Westen neue Chancen, den Druck durch Sanktionen und Exportkontrollen zu erhöhen.

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Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

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