Politik

EU-Haushalt 2028–2034: Deutschland soll Europas Rechnung bezahlen

Zwei Billionen Euro, neue Schulden und ein Machtkampf zwischen Berlin und Paris: Die Verhandlungen über den EU-Haushalt 2028–2034 drohen Europa zu spalten. Während Deutschland Kürzungen verlangt, will Frankreich Landwirtschaft und Kohäsion schützen. Für deutsche Steuerzahler und Unternehmen entscheidet sich nun, wer die Rechnung bezahlt und wer vom Milliardenpaket profitiert.
Autor
avtor
07.08.2026 19:08
Lesezeit: 9 min
EU-Haushalt 2028–2034: Deutschland soll Europas Rechnung bezahlen
Deutschland und Frankreich ringen um einen Haushalt, der Europas weitere Zukunft prägen wird. (Foto: dpa | Oliver Berg) Foto: Oliver Berg

EU-Haushalt 2028–2034: Wie viel Geld tatsächlich zur Verfügung steht

Europa leidet derzeit unter einer Hitzewelle. Erhitzt sind auch die Verhandlungen über den EU-Haushalt 2028–2034. Deutschland und Frankreich müssten eine Schlüsselrolle bei der Suche nach einem schnellen Kompromiss spielen. Doch die beiden größten Volkswirtschaften der Europäischen Union sind sich bereits in grundlegenden Fragen uneinig. Das sind die fünf wichtigsten Punkte unserer Kollegen von Finance.si.

Erstens: Um welche Summen geht es?

Die endgültige Höhe steht erst fest, wenn der EU-Haushalt 2028–2034 verabschiedet ist. Derzeit zeichnet sich jedoch ab, dass der neue siebenjährige Finanzrahmen ein Volumen von rund zwei Billionen Euro erreichen könnte. Im Juli 2025 schlug die Europäische Kommission vor, für den EU-Haushalt 2028–2034 insgesamt 1.980 Milliarden Euro zu laufenden Preisen bereitzustellen. Das wären rund 60 Prozent mehr als im laufenden Finanzrahmen. Die Kommission betonte allerdings, dass es sich nicht einfach um eine Erhöhung, sondern um eine Zusammenführung bisher getrennter Finanzierungsinstrumente handele. Für den Zeitraum von 2021 bis 2027 verfügt die Europäische Union über einen regulären Haushalt von 1.200 Milliarden Euro. Hinzu kommt der 800 Milliarden Euro schwere Wiederaufbaufonds NextGenerationEU, der nach der Corona-Pandemie geschaffen wurde. Das Europäische Parlament bewertete den Vorschlag der Kommission als nicht ehrgeizig genug. Im April schlug es für den neuen siebenjährigen EU-Haushalt ein Volumen von 2.014 Milliarden Euro vor.

Die zyprische Ratspräsidentschaft schlug im Juni 2026 dagegen eine Kürzung um zwei Prozent gegenüber dem Kommissionsentwurf vor. Einen neuen Verhandlungsvorschlag soll nun die irische Ratspräsidentschaft ausarbeiten. Er wird voraussichtlich im Oktober vorliegen.

Bei allen Zahlen ist zu beachten, ob sie in konstanten oder laufenden Preisen angegeben werden. Die unterschiedlichen Berechnungsmethoden lassen sich am ursprünglichen Vorschlag der Kommission verdeutlichen. Im Juli 2025 bezifferte sie den neuen siebenjährigen Haushalt auf:

  • 1.761 Milliarden Euro zu konstanten Preisen des Jahres 2025

  • 1.980 Milliarden Euro zu laufenden Preisen

Die Differenz erklärt sich vor allem durch die erwartete Preisentwicklung während des siebenjährigen Finanzierungszeitraums.

Zweitens: Auch Kohäsionsmittel werden an Reformen gebunden

Bevor die Streitfragen zwischen Deutschland und Frankreich betrachtet werden, ist ein Blick auf die geplanten Veränderungen im EU-Haushalt 2028–2034 notwendig. Die bislang sieben Haushaltsrubriken sollen in vier Säulen überführt werden. Vereinfacht umfassen sie Kohäsion, Landwirtschaft, ländliche Räume und Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit, ein global handelndes Europa sowie die Verwaltung.

Vor allem sollen die bisher getrennten Mittel für die Kohäsionspolitik, die Gemeinsame Agrarpolitik und die Migrationspolitik zusammengeführt werden. Diese Säule hätte nach dem Vorschlag der Kommission ein Volumen von knapp einer Billion Euro. Darin enthalten sind 168 Milliarden Euro zu laufenden Preisen, mit denen die während der Corona-Pandemie aufgenommenen Kredite zurückgezahlt werden sollen.

Die Auszahlung europäischer Gelder soll künftig grundsätzlich an Bedingungen geknüpft werden. Die Mitgliedstaaten müssten dafür "nationale und regionale Partnerschaftspläne" erstellen. Innerhalb dieser Pläne wären Gelder für Kohäsion, regionale Entwicklung und Landwirtschaft mit konkreten Reformen verbunden. Als Vorbild dienen die Zuschüsse aus dem europäischen Corona-Wiederaufbaufonds.

Bei der Vergabe von Forschungsmitteln sollen wissenschaftliche Exzellenz, technologische Durchbrüche, der Beitrag zur industriellen Wettbewerbsfähigkeit und die strategische Autonomie Europas entscheidend sein. Mehr als 50 bislang getrennte Programme sollen in 16 Instrumenten gebündelt werden. Brüssel argumentiert, einheitlichere Regeln könnten den Verwaltungsaufwand verringern und die Flexibilität erhöhen. Im Fall einer neuen Krise ließen sich die Mittel dadurch schneller umschichten.

Zugleich dürfte der EU-Haushalt stärker zentralisiert werden. Die parlamentarische Kontrolle könnte dagegen abnehmen. Die nationalen und regionalen Partnerschaftspläne würden den Regierungen der Mitgliedstaaten gegenüber Städten, Gemeinden und regionalen Behörden mehr Einfluss verschaffen. Auch die Europäische Kommission erhielte größere Ermessensspielräume.

Das Europäische Parlament hätte hingegen weniger Einfluss auf die Festlegung politischer Prioritäten und die Kontrolle des Haushalts. Deshalb fordert es mehr zweckgebundene Haushaltslinien und eine größere Transparenz.

Der neue EU-Haushalt verschiebt zudem die politischen Schwerpunkte. Landwirtschaft und Kohäsion, die traditionell einen großen Teil des europäischen Haushalts ausmachen, verlieren relativ an Bedeutung. Mehr Geld soll in Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung, Energiesicherheit und Digitalisierung fließen.

Drittens: Die zentralen Konflikte zwischen Berlin und Paris

Jeder siebenjährige EU-Haushalt ist am Ende ein Kompromiss. Für seine Verabschiedung ist die Zustimmung aller Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments erforderlich.

Dieses Mal stehen sich jedoch nicht nur die sogenannten sparsamen Mitgliedstaaten, die einen kleineren Haushalt fordern, und die "Freunde der Kohäsion", die sich gegen Kürzungen wehren, gegenüber. Auch zwischen Deutschland und Frankreich verlaufen tiefe Konfliktlinien.

Die Größe des Haushalts

Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz vertritt die Auffassung, dass sich die Europäische Union einen Haushalt von zwei Billionen Euro nicht leisten könne. Berlin fordert Kürzungen von 400 Milliarden Euro.

Frankreich hält dagegen. Aus Pariser Sicht sieht bereits der aktuelle Vorschlag zu geringe Mittel für Landwirtschaft und Kohäsion vor. Frankreich fordert außerdem mehr Geld für Wettbewerbsfähigkeit, Forschung, Sicherheit und Außenpolitik.

Die politischen Prioritäten

Deutschland will die Ausgaben für Landwirtschaft und Kohäsion reduzieren und mehr Geld in Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Verteidigungsprojekte lenken.

In Frankreich stieß eine Äußerung des deutschen Europastaatsministers Gunther Krichbaum auf deutliche Kritik. Er sagte im Juni: "Wenn wir die Europäische Union heute neu gründen würden, würden wir nicht mit der Agrarpolitik beginnen."

Frankreich unterstützt zwar ebenfalls die Finanzierung neuer Prioritäten, lehnt es aber ab, dafür traditionelle Politikfelder zu schwächen. Aus französischer Sicht ist die Landwirtschaft ebenso strategisch wie Verteidigung oder Digitalisierung.

Neue Einnahmequellen für den EU-Haushalt

Die Europäische Kommission hat fünf neue Eigenmittel vorgeschlagen. Dazu gehören Anteile an den Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandel und dem CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM, ein Beitrag für nicht eingesammelte Elektroaltgeräte, ein Anteil an den nationalen Tabaksteuern sowie ein Beitrag großer Unternehmen unter der Bezeichnung CORE.

Darüber hinaus werden weitere Vorschläge diskutiert. Dazu zählen eine europäische Digitalsteuer, Abgaben auf Kryptowerte, Abgaben auf Online-Glücksspiele und eine Steuer auf sehr große Vermögen.

Frankreich unterstützt eine breitere Palette neuer Einnahmequellen. Paris setzt sich insbesondere für eine Digitalsteuer ein.

Deutschland lehnt den Unternehmensbeitrag CORE ausdrücklich ab, zeigt sich nach eigener Darstellung aber grundsätzlich offen für weitere Gespräche. Zusätzliche Spannungen entstehen dadurch, dass neue Einnahmequellen für Berlin keine entscheidende Lösung darstellen. Die Bundesregierung will vor allem die Gesamtausgaben reduzieren.

Der Streit über gemeinsame europäische Schulden

Beim Thema Schulden stehen zwei Vorschläge im Mittelpunkt. Der erste betrifft die Kredite aus der Corona-Pandemie, deren Rückzahlung 2028 beginnen soll.

Die Europäische Kommission sieht im neuen Haushalt jährlich einen festen Betrag von 24 Milliarden Euro zu laufenden Preisen für Zinsen und Tilgung vor. Über sieben Jahre ergibt das insgesamt 168 Milliarden Euro.

Daneben steht der Vorschlag im Raum, fällige Verbindlichkeiten durch die Ausgabe neuer gemeinsamer EU-Schulden zu refinanzieren. Frankreich unterstützt dieses Modell, Deutschland lehnt es ab.

Die zweite Idee betrifft eine gemeinsame Kreditaufnahme der Europäischen Union zur Finanzierung der europäischen Verteidigungsindustrie. Auch gemeinsame Schulden für diesen Zweck lehnt Deutschland ab.

Viertens: Das Europäische Parlament kann den Haushalt blockieren

Die Mitgliedstaaten können den neuen siebenjährigen EU-Haushalt nicht ohne Zustimmung des Europäischen Parlaments verabschieden. Das Parlament hält bereits den Vorschlag der Kommission für unzureichend.

Nach Auffassung der Abgeordneten muss die Europäische Union neue Prioritäten wie Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung und die Unterstützung der Ukraine finanzieren. Bleibt der Haushalt nahezu unverändert, würde dies den Druck auf die Ausgaben für Landwirtschaft und Kohäsion erhöhen.

Das Europäische Parlament widersetzt sich auch der vorgeschlagenen Verwaltungsstruktur. Es lehnt ein Modell ab, bei dem der überwiegende Teil der Mittel in einem einzigen nationalen Plan gebündelt wird.

Durch die nationalen und regionalen Partnerschaftspläne würde der Einfluss der Europäischen Kommission wachsen. Das Parlament hätte dagegen weniger Möglichkeiten, politische Prioritäten festzulegen und die Verwendung der Gelder zu kontrollieren. Deshalb fordert es mehr klar abgegrenzte Haushaltslinien und eine größere Transparenz.

Fünftens: Was Deutschland erwarten kann

Für Deutschland steht bei den Verhandlungen besonders viel auf dem Spiel. Als große Volkswirtschaft und bedeutender Nettozahler würde die Bundesrepublik einen erheblichen Teil eines wachsenden EU-Haushalts finanzieren. Die Forderung der Bundesregierung nach Kürzungen zielt deshalb unmittelbar darauf, zusätzliche Belastungen für den deutschen Bundeshaushalt zu begrenzen.

Gleichzeitig könnten deutsche Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen von höheren Ausgaben für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, Digitalisierung, Energiesicherheit und Verteidigung profitieren. Besonders der geplante Wettbewerbsfähigkeitsfonds und die Aufstockung von Horizont Europa eröffnen neue Finanzierungsmöglichkeiten. Diese Mittel wären allerdings nicht national reserviert. Deutsche Antragsteller müssten sich im europäischen Wettbewerb durchsetzen.

Der Konflikt zeigt damit ein grundlegendes Dilemma der deutschen Europapolitik: Berlin will die finanziellen Lasten begrenzen, fordert zugleich aber mehr europäische Investitionen in jene Bereiche, die für die deutsche Industrie und die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Europas entscheidend sind.

Ob sich ein kleinerer Haushalt mit zusätzlichen Aufgaben vereinbaren lässt, gehört deshalb zu den zentralen Fragen der weiteren Verhandlungen. Ohne eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich dürfte ein Kompromiss über den EU-Haushalt 2028–2034 nur schwer zu erreichen sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Albina Kenda

Zum Autor:

Albina Kenda ist eine erfahrene Journalistin, die sich auf die Berichterstattung über Geldpolitik und EU-Themen für die slowenische Wirtschaftszeitung Casnik Finance spezialisiert hat. Sie arbeitet sich regelmäßig durch endlose Stapel von Berichten, Vorschlägen, Reden und Diskussionen, um so klar wie möglich darzustellen, wie internationale und insbesondere europäische Themen uns alle betreffen, auch wenn wir uns nicht dafür interessieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Verkehrte Welt: Griechen lehren die Deutschen Reformen, griechische Börse renditestärker als deutsche
07.10.2026

Vor gut einem Jahrzehnt diskutierte Deutschland noch über einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands. Heute wächst die griechische...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Nasdaq und S&P 500 schließen auf Rekordhochs; Anleiherenditen geben nach
06.10.2026

Welche Kräfte die Märkte antreiben und warum bestimmte Sektoren jetzt besonders profitieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Pest-Verdacht in Russland treibt meine Aktie plötzlich zweistellig nach oben
06.10.2026

Die Aktie, die ich vergangene Woche noch als obskur bezeichnet hatte, ist um fast 13 Prozent gestiegen.

DWN
Technologie
Technologie Deutsche Bahn: Per 5-Jahres-Plan endlich pünktlich ans Ziel?
06.10.2026

Marode Gleise und unpünktliche Züge belasten den Bahnverkehr in Deutschland. Ein neuer Infraplan soll verbindliche Ziele setzen und die...

DWN
Politik
Politik Staatshaushalt: Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2026 von fast 99 Milliarden Euro
06.10.2026

Der deutsche Staat gibt deutlich mehr aus, als er einnimmt: Die öffentlichen Haushalte verzeichnen im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Eine Anlage, der ich keinen Erfolg wünsche
06.10.2026

Alpha Pro Tech ist klein, langweilig und an der Börse meist nahezu unsichtbar. Doch sobald eine Gesundheitskrise ausbricht, können Umsatz...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreichs Schulden treiben den Euro in die Krise
06.10.2026

Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 17 Monaten, während Frankreichs Schuldenkrise die Finanzmärkte verunsichert. Warum Experten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
06.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...