Politik

Kann Europa Weltmacht werden? Eine Analyse

Die alte Weltordnung bricht weg, und Europa steht plötzlich allein zwischen den streitenden Machtblöcken. Jetzt entscheidet sich, ob der Kontinent zum globalen Spieler aufsteigt oder dauerhaft an Einfluss verliert.
02.06.2026 10:18
Aktualisiert: 30.04.2030 11:21
Lesezeit: 7 min
Kann Europa Weltmacht werden? Eine Analyse
Ein Kontinent im Zahnrad der Geschichte – und niemand dreht mehr freiwillig zurück. Kann Europa Weltmacht werden? (Foto: ChatGPT)

Europas Erwachen: Der schmerzhafte Weg zur Weltmacht im 21. Jahrhundert

Eine Enttäuschung, wie beispielsweise die Abkehr der USA von ihrer Rolle als verlässlicher Verbündeter und Sicherheitsgarant für Deutschland und Europa, kann eine Chance sein. Schließlich endet dabei eine Täuschung, der man vielleicht sogar zu lange aufgesessen ist. Und so entsteht Raum für etwas Neues und der Realität Angemesseneres - was aktuell bitter nötig ist. Die bequeme, alte Weltordnung, auf der Europas Wohlstand und Sicherheit jahrzehntelang ruhten, zerfällt in rasantem Tempo. Eingekeilt zwischen den USA, die sich konsequent auf den systemischen Rivalen China ausrichten, einem expansiv-revisionistischen Russland und aufstrebenden Giganten wie Indien, steht Europa vor einer historischen Schicksalsfrage: Wie kann der Kontinent in dieser neuen Ära nicht nur bestehen, sondern womöglich sogar als eigenständige Weltmacht auf Augenhöhe agieren?

Autokratie in den USA als Mittel zum Zweck gegen China

Die Welt entfernt sich von einer regelbasierten, multilateralen Ordnung und bewegt sich hin zu einem System fluider geopolitischer Bündnisse und Konflikte. Geschwindigkeit im politischen Handeln scheint dabei immer wichtiger zu werden. Linken-Koryphäe Gregor Gysi deutete die tektonische Verschiebung in den USA Ende 2025 im Berliner Kabarett Distel so: "Meine These ist, dass die Eliten in den USA eine Autokratie für schneller und effizienter halten als eine Demokratie. Sie haben Angst, das Rennen gegen China zu verlieren. Und deswegen versuchen sie, die USA umzubauen". Das scheint gut zu gelingen - ob das für die USA nachhaltig auch gewinnbringend ist, sei dahingestellt.

Die EU als bürokratisches Monster

Was aber bedeutet das für Deutschland und Europa? Vermutlich, dass es so wie bislang nicht weitergeht. Die EU als politisches Regelwerk und bürokratisches Monster scheint jedenfalls nicht imstande, den aktuellen Herausforderungen der neuen Ära adäquat begegnen zu können, trotz Abwahl Orbáns in Ungarn. Rechtspopulisten sind weiter auf dem Vormarsch und halten wenig von der EU und dafür mehr von der Nation. Was über kurz oder lang nichts Gutes für die Nation heißen dürfte - man blicke vorsichtig über den Ärmelkanal nach Großbritannien. Ein Zusammenschluss der mehr oder weniger demokratischen Mittelmächte scheint da sinnvoller, wie vom kanadischen Premierminister Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026 propagiert. Und mit der EU ist zumindest für Europa sehr viel Vorarbeit geleistet worden. Doch ist sie noch das richtige Modell dafür, Europa auf der Weltbühne Geltung zu verleihen?

Nein, denn dafür wurde sie nicht geschaffen. Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Friedensprojekt, vertiefte schrittweise ihre wirtschaftliche und politische Integration und entwickelte sich zu einem zentralen Akteur zwischen Kooperation und Krisenmanagement. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen zielt sie heute darauf ab, ihre strategische Souveränität zu stärken, gemeinsame Verteidigungs- und Energiepolitik auszubauen und geschlossen gegenüber Mächten wie den USA, China und Russland aufzutreten. Ob dies gelingt, ist offen: Die EU ist weder ein klassischer Bundesstaat noch ein reiner Staatenbund, besitzt keine einheitliche Verfassung, sondern basiert auf Verträgen und wird oft als demokratisch legitimiert, aber zugleich als institutionell komplex und politisch fragmentiert kritisiert.

Vor allem ist sie langsam. Das könnte ihr zum Verhängnis werden - wobei es mit dem Handelsabkommen Mercosur nun offenbar endlich mal etwas schneller ging, nach 25 Jahren Hin- und Her und dem endlich hoffentlich allen klar gewordenen Aufbrechen alter Bündnisse.

Das Ende der betriebswirtschaftlichen Naivität

Nun muss sich etwas ändern. Jahrzehntelang hat sich Europa, insbesondere Deutschland als wirtschaftliche Führungsmacht, echter Machtpolitik verweigert – findet zumindest der Politologe Herfried Münkler. Er bescheinigt der europäischen Politikelite ein fatales außenpolitisches Wunschdenken und einen Mangel an strategischem Kalkül: "Anstatt strategisch zu denken und zu handeln, dachten und agierten die Europäer wie Betriebswirte, deren zentrale Kategorie die Verringerung der Kosten und die Steigerung der Gewinne ist". Diese Mentalität des "Zögerns und Abwartens" war lange bequem, doch nun rächt sie sich. "Das Reagieren ist für den Kontrahenten nämlich vorhersehbar, womit die Risiken minimiert werden, die er selbst eingeht, wenn er initiativ wird".

Die europäischen Nationen trifft der globale Wandel zusätzlich hart, weil ihr bisheriges Erfolgsmodell auf drei Säulen beruhte, die nun massiv wanken: geopolitische Sicherheit durch die USA, offener Welthandel und günstige fossile Energie. Auf keine dieser Säulen kann sich Europa heute noch verlassen.

Die Energie-Falle: Der Irankrieg als Katalysator

Die Eskalation im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus haben die globale Energieversorgung in eine beispiellose Krise gestürzt und führen Europa seine Verwundbarkeit bei fossiler Energie erneut drastisch vor Augen. Dabei hatte sich der Kontinent gerade erst mühsam aus der Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas gelöst. EU-Chefin Ursula von der Leyen brachte es auf den Punkt, als sie feststellte, dass Europa allein seit Anfang März zusätzliche sechs Milliarden Euro für den Import fossiler Brennstoffe zahlen musste: "Das ist der Preis, den wir für unsere Abhängigkeit bezahlen."

Der Ausweg liegt womöglich im massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Doch auch hier stehen gewaltige Hürden im Weg: Um ein auf Erneuerbaren basierendes System funktionsfähig zu machen, müsste die EU nach Schätzungen der EU-Kommission bis 2040 enorme 1,4 Billionen Euro in die Netzinfrastruktur investieren. Ein gigantisches Projekt, ebenso wie die Verteidigung Europas und der Ausbau der Binnenwirtschaft des Kontinents.

Der Draghi-Plan: Ein Marshallplan für Europas Wettbewerbsfähigkeit

Ohne Energie keine Industrie, ohne Industrie kein Wachstum. Kann Europa wirtschaftlich mit China, Indien und den USA mithalten? Die Ausgangsbedingungen sind keineswegs schlecht. Im Draghi-Report von 2024 heißt es, die EU verfüge "über gute Grundlagen für eine höchst wettbewerbsfähige Volkswirtschaft – mit einem Binnenmarkt von 440 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten, rund 17 Prozent des weltweiten BIP sowie starken Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystemen". Im Vergleich zu den USA und China weist Europa zudem eine deutlich geringere soziale Ungleichheit auf.

Doch Mario Draghi, ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank, stellt in diesem Report auch ein "rückläufiges Wachstum der EU, vor allem infolge einer schwachen Produktivitätsentwicklung" fest. Um im globalen Wettbewerb um Schlüsseltechnologien, insbesondere der Künstlichen Intelligenz, nicht abgehängt zu werden, fordert der Bericht ein gigantisches Investitionsprogramm: "750 bis 800 Milliarden Euro jährlich – ein Programm in der Größenordnung eines neuen Marshallplans". Der Schlüssel liegt in der Skalierung. Die europäischen Nationalstaaten sind schlicht "zu klein, um zu bestehen". Europa brauche daher den konsequenten Abbau regulatorischer Fragmentierung und eine echte, vollendete Kapitalmarktunion - bislang noch nicht geschehen und problematisch.

Sicherheitspolitische Emanzipation: Europas militärischer Pfeiler

Doch selbst dies würde noch nicht ausreichen. Wirtschaftliche Stärke allein macht noch keine Weltmacht. Ohne militärische Abschreckung bleibt Europa ein Papiertiger. Und auch die Nato steht vor tiefgreifenden Umbrüchen. Ihr Ziel beschrieb Hastings Ismay, der erste Generalsekretär der Nato, im Jahr 1949 noch so: "Die Russen draußen halten, die Amerikaner drinnen halten und die Deutschen unten halten." Auch damit dürfte nun Schluss sein. Der Historiker Odd Arne Westad warnte jüngst eindringlich: "Die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Europa halte ich nicht mehr für voll belastbar, und das ist eine äußerst gefährliche Lage. Wir benötigen jetzt so etwas wie einen europäischen Pfeiler der Nato, zusammengesetzt nach den Prinzipien der EU".

Europa hat erkannt, dass es aufrüsten muss. General Sean Clancy, Vorsitzender des EU-Militärausschusses, sieht das militärische Instrument der EU an einem Scheideweg: "Putin wird sich nicht durch unsere Strategien oder politischen Maßnahmen abschrecken lassen. Sondern durch deren Umsetzung." Statt der Idee einer 50.000 Mann starken Armee setzt er nun auf eine praxisnahe Eingreiftruppe von 5.000 Soldaten. Auf die Frage des "Economist", ob diese Kampfgruppen es mit der russischen Armee aufnehmen könnten, stellt Clancy klar, dass dies nicht vorgesehen ist. "Es geht nicht darum, in den Krieg zu ziehen", sagt er. "Es geht um Durchhaltefähigkeit und Stabilisierung."

Militärischer Schengen-Raum

Zudem drängt die EU auf einen "militärischen Schengen-Raum", der es ermöglichen soll, schweres Gerät innerhalb von nur drei Tagen über die Binnengrenzen zu verlegen. Wenn zusätzlich die Expertise der Ukraine im modernen Drohnenkrieg gezielt genutzt wird, könnte Europa in einigen Jahren in der Lage sein, Aggressoren wie Russland auch ohne Schutzmacht USA abzuschrecken. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte diesbezüglich in einem Spiegel-Gespräch Ende April: "Es gibt das schöne Wort von Friedrich II., der einmal gesagt hat, Diplomatie ohne Waffen ist wie Musik ohne Instrumente. Ich leite daraus immer den Satz ab: Wir wollen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen. Die diplomatische Kraft Europas wird nur wirklich ihre Wirkung entfalten, wenn wir sie mit militärischen Fähigkeiten unterlegen. Deswegen gehe ich auf die Franzosen zu und sage: Lasst uns darüber reden, wie wir Europa schützen."

Kern-Europa statt Konsenszwang

Um als geopolitische Gestaltungsmacht zu bestehen, muss Europa sein größtes strukturelles Problem lösen: "Lethargie ist zu Europas strategischer Schwäche geworden", sagt Nicu Popescu von der Brüsseler Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR). Er warnt, dass sich Europa in einer Welt im Umbruch die träge Geschwindigkeit der alten Friedensordnung nicht länger leisten kann. Während andere Regionen etwa bei der Waffenproduktion oder beim Umbau ihrer Energiesysteme deutlich schneller vorankommen, gerät der Kontinent zunehmend unter Druck.

Liegt die Lösung in tiefgreifenden institutionellen Reformen? Politik-Experte Herfried Münkler fordert "eine strategische Neuaufstellung: mehr Machtorientierung, schnellere Entscheidungsstrukturen und ein Ende des Einstimmigkeitsprinzips in zentralen Politikfeldern". Dieses Konsensprinzip sei "nicht mehr zeitgemäß". Er betont: "Damit die Union endlich ein ernstzunehmender Akteur werden kann, müsse sie künftig schnelle und verbindliche Entscheidungen in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik treffen".

Münkler skizziert konkret "eine zwei- oder dreistufige Mitgliedschaft aus fünf oder sechs Zentrumsstaaten und peripher abgestuften Mitgliedern mit weniger Rechten und Pflichten in der Außen- und Sicherheitspolitik". Dieses handlungsfähige Kern-Europa bestünde aus einer informellen Führungsgruppe wie Deutschland, Frankreich, Polen, Italien und/oder Spanien sowie Vertretungsländern aus Skandinavien und dem Baltikum.

Das gestufte System eröffnet einigen Ländern die Möglichkeit, zwischen einer engen Einbindung mit größeren Rechten und Pflichten und einer lockereren Einbindung mit entsprechend reduzierten Rechten und Pflichten zu wählen. Eine dynamische Anpassung sieht Münkler ausdrücklich vor: "Dabei sollte es möglich sein, diesen Status von Zeit zu Zeit zu verändern, also von einer weniger strikten zu einer stärkeren Einbindung und umgekehrt überzuwechseln".

Vielfalt als Europas eigentliche Stärke

Muss Europa also werden wie die USA oder China, um zu bestehen? Nein. Weder ein zentralisierter Staat nach US-Vorbild noch eine autokratische Steuerung wie in China erscheinen realistisch oder wünschenswert. Autokratische Systeme wie China mögen kurzfristig schneller entscheiden, doch sie sind auch fehleranfälliger und weniger korrigierbar. Europa ist langsamer, aber robuster.

Hier liegt die eigentliche Antwort auf die Frage, wie Europa in der neuen Ära bestehen kann: Europas Stärke liegt in seiner Vielfalt. Unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Volkswirtschaften erzeugen eine verteilte Intelligenz, die maßgeblich Innovation, Anpassungsfähigkeit und Resilienz stärkt. Gerade in komplexen Zukunftsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz oder der Transformation der Energiemärkte ist dieser Pluralismus ein entscheidender evolutionärer Vorteil – vorausgesetzt, er wird durch einen handlungsfähigen Kern gebündelt, der sich selbst verteidigen kann.

Die EU steht an der Schwelle einer historischen Verschiebung vom Friedensprojekt zur geopolitischen Gestaltungsmacht. Die Hürden – von der Energieabhängigkeit bis zur institutionellen Trägheit – sind gewaltig. Doch der äußere Druck zwingt den Kontinent zur längst überfälligen Transformation. Mit den massiven Investitionen eines Draghi-Plans, einer klaren sicherheitspolitischen Emanzipation von den USA und der Abschaffung lähmender Vetorechte durch beispielsweise ein Kern-Europa-Modell nach Münkler hat die EU alle Werkzeuge in der Hand. Wenn Europa seine Vielfalt als Stärke begreift und die Vernunft der Demokratie über populistische Spaltung siegt, könnte Europa in dieser neuen Ära nicht nur bestehen, sondern als integrierter, pluraler Machtblock einen eigenen Platz als Weltmacht einnehmen.

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Maximilian Modler

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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