Weltwirtschaft

Nordafrika: Einst Kornkammer, jetzt Wüste

Lesezeit: 5 min
10.07.2022 15:51
In Folge 23 der großen DWN-Geopolitik-Serie beschäftigt sich Moritz Enders mit Nordafrika. Die Region ist geprägt von kargen Böden, Bevölkerungsdruck und Krieg.
Nordafrika: Einst Kornkammer, jetzt Wüste
Wie in der Antike so auch heute: Die Zukunft von Nordafrika ist entscheidend auch für Europa, hier ein Blick über Kairo. (Foto: iStock.com/Givaga)
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Die römische Provinz Africa, im heutigen Tunesien und Teilen Libyens gelegen, war einst eine Kornkammer des römischen Reichs. Ebenso Ägypten. Das Land am Nil mit seinen fruchtbaren Schwemmböden lieferte zu Zeiten des Kaisers Augustus jährlich 150.000 Tonnen Getreide an Rom, genug um eine halbe Million Soldaten zu ernähren. Heute hingegen ist Nordafrika geprägt von kargen Böden, Bevölkerungsdruck und politischer Instabilität. Der Kampf um die Wasserfluten des Nils, die explosive Lage in Libyen und die Spannungen zwischen Marokko und Algerien trüben die Zukunftsaussichten weiter ein. Eine Analyse.

Der prägende Naturraum Nordafrikas ist die Sahara, die größte Trockenwüste der Welt. Sie schiebt sich, sandig, staubig und flirrend, über 5000 Kilometer von der afrikanischen Atlantikküste bis zu der Küste der Roten Meeres. Über Jahrhunderte war der Transsahara-Handel fest in Händen arabischer Kaufleute. In Karawanen brachten sie Elfenbein, Gold und Sklaven vom Süden kommend an die Gestade des Mittelmeeres, Luxusgüter und Waffen in umgekehrter Richtung in die Savannen Schwarzafrikas. Einer der Hauptumschlagsplätze für Salz, Sklaven und Eunuchen, Moschus und Pfeffer war die Oasenstadt Timbuktu, im heutigen Mali gelegen. Im 15. und 16. Jahrhundert avancierte sie zu einem Zentrum islamischen Geisteslebens. An der Sankoré-Moschee, die heute zum Welterbe der UNESCO gehört, wurden die arabische Sprache und die Schriften des Korans gelehrt, aber auch Rechtsprechung und Astrologie. Bis zu 180 weitere Koranschulen hatten ihre Tore für Lernwillige und Wissbegierige geöffnet. Christlichen Europäern hingegen blieb die sagenumwobene Stadt lange versperrt. Einer der ersten, der sie schließlich im Jahr 1828 betreten konnte, war der als Muslim verkleidete französische Afrikaforscher René Caillié. Die Sahara, diese rätselhaft fremdländische Wüstenregion, befeuerte als Schauplatz zahlreicher Romane noch lange die Phantasie der Europäer.

Die Bedeutung des Nils

Der einzige Fluss, der Subsaharaafrika mit dem Norden des Kontinents verbindet, ist der Nil. Der etwa 6650 Kilometer lange Strom hat zwei Quellflüsse, den blauen und den weißen Nil, die in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, zusammenfließen. In seinem weiteren Verlauf überwindet der Nil sechs Katarakte, durchquert ausgedehnte Wüstenlandschaften und fächert sich dann nördlich von Kairo zu einem 24.000 km² großen Delta auf. Seit jeher war der Nil die Lebensader Ägyptens – und er ist es noch heute. Nur die Gebiete entlang seinen Ufern, die 3 Prozent des über eine Million Quadratkilometer großen Staatsterritoriums ausmachen, sind bewohnbar. Hier leben über 99 Prozent der inzwischen mehr als 100 Millionen Ägypter. Nimmt man die Wüsten Ägyptens aus der Gleichung und zieht nur seine bewohnbaren Flächen in Betracht, so schrumpft das Land in etwa auf die Größe Belgiens – bei einer fast zehnfachen Bevölkerung. Und der Bevölkerungsdruck dürfte in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Prognosen sagen voraus, dass die Einwohnerzahl Ägyptens bis zum Jahr 2050 auf über 150 Millionen in die Höhe schnellen wird. Bereits jetzt ist Ägypten auf Getreideimporte angewiesen – wobei Russland und der Ukraine hier bisher eine Schlüsselrolle zugekommen war. Die aktuelle Ukraine- Krise und der Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT- Zahlungssystem dürften die Versorgung Ägyptens mit Weizen gefährden, zu einer Teuerung der Grundnahrungsmittel und infolgedessen zu sozialen Spannungen führen – ähnlich wie es bereits während des „arabischen Frühlings“ der Fall gewesen ist. Größere Turbulenzen in den nächsten Jahren erscheinen durchaus realistisch.

Die Herausforderungen, die Ägypten in den nächsten Jahren wird meistern müssen, sind also enorm. Als größte Bedrohung könnte sich dabei die „Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre“ erweisen, in der die Gewässer des Blauen Nils gestaut werden sollen und dessen komplette Fertigstellung spätestens bis zum Jahr 2028 erwartet wird. So wie Ägypten auch sieht sich Äthiopien mit explodierenden Bevölkerungszahlen konfrontiert. Nur knapp die Hälfte der Äthiopier hat heute Zugang zu elektrischem Strom. Nach Inbetriebnahme des Staudamms hofft Äthiopien, zusätzliche 6000 Megawattstunden an Elektrizität produzieren und sein Stromnetz stabilisieren zu können. Ägypten hingegen befürchtet eine Reduzierung der Wassermenge am Unterlauf des Nils. Insofern birgt das Staudammprojekt das Risiko eines militärischen Konfliktes – so wie es in Zukunft auch anderswo in der Welt zu „Wasserkriegen“, also Kriegen um diese zunehmend kostbare Ressource kommen wird. Da Ägypten und Äthiopien allerdings keine gemeinsame Grenze haben, müsste Kairo hier mit gezielten Luftschlägen operieren.

Militärisch gesehen ist Ägypten weder vom Westen noch vom Osten aus anzugreifen, da die links- und rechtseitigen Ufer des Nils durch ausgedehnte Wüsten geschützt sind. Die Schwachstelle des Landes stellt seine Mittelmeerküste dar, über die seit der Antike zahlreiche Invasionen erfolgten. Heute verfügt Kairo über keine ausreichende Finanzkraft, um eine schlagkräftige Marine aufbauen und potentielle Angriffe abwehren zu können. Vieles deutet darauf hin, dass die Türkei die Ordnungsmacht im östlichen Mittelmeer werden wird. Mit ihr wird sich Ägypten folglich diplomatisch arrangieren müssen. Das Faustpfand Ägyptens ist hingegen der Suezkanal, der der Suez Canal Authority – und damit indirekt Ägypten – hohe Einnahmen beschert. Falls allerdings die Schiffsrouten nördlich von Sibirien in den nächsten Jahrzehnten eisfrei werden sollten, könnten Teile des Ostasien-Europa-Handels über die Arktis verlaufen und die Bedeutung des Suezkanals beeinträchtigen.

Rohstoffreichtum in Libyen

Westlich von Ägypten liegt Libyen, das aufgrund seines Rohstoffreichtums ein hohes Entwicklungspotential gehabt hatte – bis das Land im Jahr 2011 von der US/Nato-Luftwaffe zerstört wurde. In sieben Monaten feuerten die Alliierten mehr als 40.000 Bomben und Raketen auf den Wüstenstaat ab, der noch im Jahr zuvor laut Weltbank „ein hohes Maß an Wirtschaftswachstum und menschlicher Entwicklung“ aufgewiesen hatte. Seitdem ist Libyen nicht nur in einem Bürgerkrieg versunken. Auch für viele libysche Projekte bedeutete das Eingreifen westlicher Staaten das Aus. So hatte Libyen, das aufgrund seiner Energieexporte beachtliche Währungs- und Goldreserven angehäuft hatte, den Plan verfolgt, eine panafrikanische Währung einzuführen. Sie sollte eine Alternative zum US-Dollar, über den nach wie vor der größte Teil des Rohstoffhandels weltweit abgewickelt werden, und zu dem in 14 ehemaligen afrikanischen Kolonien Frankreichs umlaufenden CFA- Franc, der an den Euro gekoppelt war, sein. Mit dem Krieg hat sich dieses Projekt aufgelöst wie eine Fata Morgana.

Dabei ist Libyen ein potentiell reiches Land. Es verfügt nicht nur über beachtliche Öl- und Gasvorkommen, sondern auch über große Reservoirs an fossilem Grundwasser, die sich in tief liegenden Speichergesteinen unterhalb der Sahara befinden und über Trinkwasser-Pipelines die Küstenregion und damit auch die libysche Hauptstadt Tripolis versorgen. Die Fabriken, welche die Pipelinerohre herstellten, gerieten im Jahr 2011 mehrfach unter Nato-Beschuss, doch nach wie vor ist Libyen, was seine Wasserversorgung anbelangt, autonom. Die Destabilisierung des Landes und der anhaltende Bürgerkrieg, in dem verschiedene auswärtige Mächte unterschiedliche Fraktionen unterstützen, beschneidet allerdings nicht nur ganz Nordafrika in seinem wirtschaftlichen Potential, sondern belastet durch die durch die Kriege in Gang gesetzten Flüchtlingsströme auch die Länder Europas.

Nordwestlich von Libyen liegt der Maghreb, was so viel wie „das westliche Königreich“ bedeutet und dessen Kernländer Tunesien, Algerien und Marokko sind. Geprägt wird die Gegend durch das Atlas-Gebirge, dessen höchster Gipfel, der Toubkal, im Süden Marokkos gelegen, über 4000 Meter weit in den Himmel ragt. Der Gebirgsriegel trennt die relativ feuchten Gebiete an der Mittelmeerküste von der Sahara. Nur hier ist eine extensive Landwirtschaft möglich. Im algerischen Teil der Mittelmeerküste werden unter anderem Getreide, Kartoffeln und Hülsenfrüchte angebaut, weiter oben, auf den Hochebenen des Atlas, wird nomadische Viehzucht betrieben. Gleichwohl kann Algerien gerade einmal 40 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs durch Eigenproduktion decken. Allerdings verfügt das Land über große Erdöl- und Erdgasvorkommen. Deswegen könnten seine Bewohner einen deutlich höheren Lebensstandard haben als es zur Zeit der Fall ist – wenn nicht der schwelende Konflikt mit Marokko so viele Ressourcen bände.

Algerien stört sich, nicht zuletzt aus geopolitischen Gründen, an der 1975 erfolgten marokkanische Annexion der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara. Der Atlantik ist in diesem Gebiet außerordentlich fischreich, fast vier Fünftel des gesamten marokkanischen Fischfangs kommen aus diesen Gewässern. Aber auch Tomaten, Gurken und Melonen werden hier in Küstennähe angebaut. Der vielleicht wertvollste Schatz der Westsahara aber ist das Phosphat. Phosphat wird für die Produktion von Düngemitteln benötigt - und in der westsaharischen Mine Bou Craa in großem Stil abgebaut und über das längste Förderband der Welt in den Hafen El Aaiún transportiert. Doch während Marokko von dem Phosphatexport enorm profitiert, gehen die Bewohner der Westsahara – viele von ihnen gehören zur Volksgruppe der Sahrauis - weitgehend leer aus. Der Widerstand gegen die marokkanische Besatzung wird vor allem von der Rebellengruppe Polisario getragen, die von Algerien lange unterstützt wurde. Inzwischen hat sich die Rivalität zwischen Marokko und Algerien so weit gesteigert, dass vielerorts von einer akuten Kriegsgefahr die Rede ist. Leidtragender des Konfliktes zwischen den beiden Maghreb-Nationen könnte nicht zuletzt Spanien werden, das über die Hälfte seines Erdgases aus Algerien bezieht. Dieses wird durch die Medgaz-Pipeline gepumpt, die auch durch marokkanisches Territorium verläuft. Sollte der Gasfluss zwischen Algerien und Spanien infolge eines Krieges ins Stocken geraten, wären nicht nur die iberische Halbinsel, sondern auch die gesamte EU betroffen. Denn die sucht ja gerade nach Alternativen zu russischem Gas. Auch hier zeigt sich, wie wichtig ein stabiles Nordafrika für die Europäische Gemeinschaft wäre.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Australien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/518407/Australien-An-der-Peripherie-des-Weltgeschehens-und-moeglicherweise-bald-mittendrin

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Arktis:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512316/Rohstoffe-und-freie-Handelswege-locken-Griff-nach-der-Arktis

Schweiz:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512666/Die-Schweiz-Ihr-Franken-und-ihre-kluge-Diplomatie-schuetzen-das-kleine-Land-im-Herzen-Europas

Balkan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/513149/Der-Balkan-Interessen-fremder-Maechte-heizen-die-Lage-in-der-Krisenregion-weiter-an

Südostasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514733/Suedostasien-Wie-ihre-Geografie-die-Pantherstaaten-daran-hindert-zum-Sprung-anzusetzen

Spanien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514198/Spanien-Randlage-mit-Perspektiven

Südamerika:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/517241/Suedamerika-Hinterhof-der-USA-bald-Vorgarten-Chinas


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