Politik

Südostasien: Wie ihre Geografie die Pantherstaaten daran hindert, zum Sprung anzusetzen

In der 19. Folge der großen geopolitischen DWN-Serie liefert Moritz Enders ein erneutes Meisterstück: Virtuos analysiert er, wie die Politik der südostasiatischen Pantherstaaten durch ihre geografische Lage und ihre geografische Beschaffenheit entscheidend beeinflusst wird.
03.10.2021 12:11
Aktualisiert: 03.10.2021 12:11
Lesezeit: 4 min
Südostasien: Wie ihre Geografie die Pantherstaaten daran hindert, zum Sprung anzusetzen
Die südostasiatischen Pantherstaaten befinden sich auf dem Sprung - müssen aber immer die Interessen der Großmächte im Blick haben. (Foto: dpa)

Die südostasiatischen Festlandsstaaten umfassen Thailand, Kambodscha, Laos, Vietnam und Myanmar – also die Region, die man früher „Indochina“ nannte. Dieser Name ist nicht nur eine Anspielung auf die geografische Lage der Region, sondern auch auf den prägenden kulturellen und politischen Einfluss der beiden Giganten Indien und China. Bis heute sind es diese zwei dominanten Mächte, an denen sich die Politik der südostasiatischen Staaten ausrichtet. Seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert befindet sich allerdings noch ein dritter Akteur im Spiel: Amerika, das derzeit versucht, einzelne Staaten für seine anti-chinesische Bündnispolitik zu gewinnen. In diesem Gewirr aus unterschiedlichen Interessen kommt einer geografischen Besonderheit besondere Bedeutung zu: Dem dichten Dschungel, der in weiten Teilen der Region wuchert. Er bietet einerseits Schutz vor Angreifern, erschwert es den Regierungen der einzelnen Länder andererseits jedoch auch, die Kontrolle über das eigene Territorium aufrechtzuerhalten. Eine Analyse.

Der Dschungel: Schutz und Hindernis zugleich

Nicht zuletzt die üppige Vegetation Vietnams hat es den Franzosen und den Amerikanern unmöglich gemacht, ihre jeweiligen Kriege dort zu gewinnen. Auch der flächendeckende Einsatz von Agent Orange - das die US-Armee sowohl zur Entlaubung der Wälder als auch zur Vernichtung der Ernte nutzte - war nicht dazu angetan, das Blatt zugunsten der Supermacht zu wenden. Und selbst die zwei Millionen Tonnen Bomben, die die US-Luftwaffe über dem stark bewaldeten und teils gebirgigen Laos während des zweiten laotischen Bürgerkrieges (1963 – 73) abwarf (pro Kopf waren das mehr als jemals über jedem anderen Land der Welt) brachten nicht den Sieg. So konnten die USA ihr Kriegsziel - die Zerschlagung der lokalen kommunistischen Bewegung – auch hier, im einzigen Binnenstaat Südostasiens, nicht erreichen.

Diese beiden Beispiele - Vietnam und Laos - zeigen, dass die Staaten Südostasiens militärisch schwer zu kontrollieren sind. Denn einerseits sind Dschungelkriege, ähnlich wie Kriege im Hochgebirge, für angreifende Truppen nur äußerst schwer zu gewinnen. Andererseits bedeutet dies aber auch, dass der Zugriff der jeweiligen Regierungen auf ihre inneren Landesteile begrenzt bleiben muss. Guerillabewegungen, die häufig von verschiedenen ethnischen Gruppierungen getragen wurden beziehungsweise getragen werden, finden hier beste Bedingungen vor. Ein trauriges Beispiel hierfür ist die maoistische Bewegung der Roten Khmer in Kambodscha, deren Herrschaft in einem Genozid mit geschätzt bis zu zwei Millionen Opfern mündete.

Sowjetunion versus USA

Während des Kalten Kriegs fürchteten die USA einen „Dominoeffekt“, das heißt eine sukzessive kommunistische Machtübernahme in verschiedenen Staaten der - insbesondere „Dritten“ – Welt, nachdem die Kommunisten die Macht in einem dieser Länder an sich gezogen hätten. Dies war einer der Gründe für den Kriegseintritt Amerikas an der Seite Südvietnams, während die Sowjetunion Nordvietnam unter anderem durch die Lieferung von Boden-Luft-Raketen unterstützte. Das heißt, der Vietnam-Krieg war kein reiner, aber doch in hohem Maße ein Stellvertreterkonflikt zwischen zwei rivalisierenden Machtblöcken.

USA versus China

Heute hat China Russland als hauptsächlicher Rivale der USA abgelöst. Wobei Südostasien beim geopolitischen Tauziehen zwischen den beiden Supermächten aufgrund seiner geografischen Lage eine herausragende Rolle zukommt. Die Strategie der Amerikaner zielt darauf ab, einen weiteren Machtzuwachs Chinas zu verhindern, und zwar, indem sie eine Bündnispolitik betreiben mit Japan sowie in Ansätzen auch mit den Philippinen und mit Vietnam, die sich beide durch die Ansprüche der Volksrepublik im an Öl- und Gasreserven reichen Südchinesischen Meer herausgefordert sehen. China seinerseits versucht, die USA langsam aus dem Südchinesischen Meer – etwa durch die Aufschüttung künstlicher Inseln und die damit verbundene Erweiterung militärischer Optionen – heraus zu drängen. Darüber hinaus muss das Reich der Mitte bemüht sein, das sogenannte „Dilemma von Malakka“ zu entschärfen. Die Meerenge von Malakka verbindet das Südchinesische Meer und die Andamanensee und damit den Pazifischen und den Indischen Ozean, und ist eine der meist befahrensten Schifffahrtsrouten der Welt. Im Fall eines Konflikts könnte die amerikanische Marine diese Seestraße sperren und so Chinas Versorgung mit Erdöl stark erschweren. Der - häufig diskutierte, aber bislang nicht realisierte - Bau des Kra-Kanals, der durch den Süden Thailands verlaufen und den Schiffsverkehr von der Straße von Malakka teilweise abziehen soll, folgt demnach nicht nur einer wirtschaftlichen, sondern auch einer geopolitischen Logik. Ebenso dürfte das im Norden und Osten an China und im Süden und Westen an den Indischen Ozean grenzende Myanmar, wo im Februar dieses Jahres ein Militärputsch stattfand, bei den strategischen Überlegungen der Volksrepublik eine wichtige Rolle spielen. Überhaupt zielt die chinesische Strategie darauf ab, sich langsam aus der amerikanischen Umklammerung zu befreien. Und das kann nur gelingen, wenn das Reich der Mitte seinen Einfluss in Südostasien bewahrt und weiter ausbaut.

China versus Indien

Allerdings ruft Chinas strategisch notwendiger Vorstoß in den Indischen Ozean eine weitere potentielle Supermacht auf den Plan: Indien. Sind die beiden Riesenreiche durch die Hochgebirgskette des Himalaya so gut wie komplett voneinander abgeschnitten, so überlappen sich ihre Interessensphären doch in Südostasien, dessen zentraler Bereich gelegentlich auch als indo-chinesische Halbinsel bezeichnet wird. Insofern scheint es nicht überraschend, dass es eine Annäherung des traditionell blockfreien Indiens an die USA gegeben hat. Maritime Militärübungen, welche die Seestreitkräfte Indiens zusammen mit denen der USA, Japans und Australiens im Golf von Bengalen im Herbst 2020 durchgeführt haben, unterstreichen dabei einmal mehr die aufkommende Rivalität zwischen den beiden mit weitem Abstand bevölkerungsreichsten Staaten der Welt.

Den richtigen Weg finden

In dieser Gemengelage müssen die Staaten Südostasiens - die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Dynamik teilweise auch als „Pantherstaaten“ bezeichnet werden - eine geopolitische Linie finden, die sie nicht zu sehr an einen der Machtblöcke bindet und ihren diplomatischen Handlungsspielraum damit zu stark einschränken würde. Dabei sind die Interessen der einzelnen Staaten natürlich nicht deckungsgleich. Obwohl sie sich unter dem Dach der ASEAN, des Verbandes Südostasiatischer Nationen - zu dem auch Malaysia, Indonesien und die Philippinen gehören - zusammengeschlossen haben und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum nach dem Vorbild der EU anstreben, sind doch Länder wie Vietnam oder die Philippinen schon aus geografischen Gründen China gegenüber misstrauischer als etwa Thailand – das keine gemeinsam Grenze mit der Volksrepublik teilt – oder Kambodscha, das wirtschaftlich stark von chinesischen Investitionen abhängig ist. Eins lässt sich auf jeden Fall mit Fug und Recht behaupten: Südostasien wird auf der Bühne des Welttheaters (auch) in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Arktis:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512316/Rohstoffe-und-freie-Handelswege-locken-Griff-nach-der-Arktis

Schweiz:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512666/Die-Schweiz-Ihr-Franken-und-ihre-kluge-Diplomatie-schuetzen-das-kleine-Land-im-Herzen-Europas

Balkan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/513149/Der-Balkan-Interessen-fremder-Maechte-heizen-die-Lage-in-der-Krisenregion-weiter-an

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Moritz Enders

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

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