Politik

Kriegsgefahr: Kann China den USA Paroli bieten?

Wie schlagkräftig ist die chinesische Armee? Trotz gigantischem Rüstungsbudget ist die Antwort schwer einzuschätzen. Warum die Militärstärke mit Blick auf Taiwan so entscheidend ist, lesen Sie in der 23. Folge der großen DWN-Geopolitik-Serie.
03.07.2022 11:35
Lesezeit: 3 min

Immer wieder ist zu hören, dass die Volksrepublik China versuchen könnte, Taiwan militärisch einzunehmen. Wie realistisch diese Überlegung ist, ist in Zeiten allgemeiner zunehmender Kriegsrhetorik schwer einzuschätzen. Doch auch über die Erfolgsaussichten einer derartigen Aktion gehen die Meinungen auseinander. Denn obwohl China hinter den USA weltweit das höchste Rüstungsbudget hat, lässt sich die Schlagkraft der chinesischen Armee nicht wirklich einordnen.

Die Eingliederung Taiwans in das chinesische Mutterland soll nach dem Willen der chinesischen Regierung bis spätestens zum Jahr 2049 – dem einhundertsten Jahrestag der chinesischen Revolution – vollzogen sein. Wenn möglich, auf friedlichem Wege. Das heißt aber nicht, dass die militärische Option vom Tisch ist. Dies könnte zu einer Konfrontation mit den USA in einer Region führen, welche die Zeitschrift The Economist im Mai 2021 als die gefährlichste der Welt bezeichnet hat. Erst jüngst hat der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin bei dem Shangri-La-Dialog in Singapur bekräftigt, dass die Vereinigten Staaten „Taiwan nicht nur bei der Aufrechterhaltung einer ausreichenden Selbstverteidigungsfähigkeit“ unterstützen werden, sondern auch „ihre eigenen Kapazitäten aufrechterhalten, um jeglicher Gewaltanwendung oder anderen Formen der Nötigung“ gegen Taiwan zu widerstehen. Chinas Verteidigungsminister Wei Fenghe erklärte hingegen, China werde „um jeden Preis kämpfen“, sollte „jemand es wagen, Taiwan von China abzuspalten“.

Dabei geben die Amerikaner mit ihrer deutlichen Positionierung das Prinzip der „konstruktiven Ambivalenz“ (constructive ambiguity) auf, das dem ehemaligen US- amerikanischen Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger zugeschrieben wird. Dieses kam unter anderem bei dem sogenannten Shanghai Communiqué vom 27. Februar 1972 zum Tragen, als sich die USA de facto zu einer Ein-China-Politik bekannten, in den entsprechenden Formulierungen aber uneindeutig blieben.

Handlungsoptionen der USA eingeschränkt

Die Festlegung von Lloyd Austin hingegen hat die Handlungsoptionen der USA eingeschränkt – und könnte sie im Ernstfall unter Zugzwang setzen. Die verbale Aufrüstung auf beiden Seiten droht nun in einer Sackgasse zu enden. Denn weder können es sich die USA leisten, den Japanern oder Koreanern gegenüber als unverlässliche Bündnispartner dazustehen, noch kann es sich die chinesische Regierung auch Prestigegründen erlauben, auf eine Wiedervereinigung mit Taiwan zu verzichten. Stehen die Zeichen also auf Krieg?

Ein Angriff Chinas auf die Insel Taiwan, das teilweise nur 130 Kilometer von Festlandchina entfernt liegt, wäre ein Akt amphibischer Kriegführung. China bräuchte hierfür neben Landungsfahrzeugen und Schwimmpanzern auch unterstützende Kriegsschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber. Eine derartig komplizierte militärische Operation könnte von den Amerikanern wenn nicht unterbunden, dann doch deutlich erschwert werden. Hieraus ergibt sich allerdings die Gefahr einer horizontalen Eskalation. Damit ist gemeint, dass China eine Konfrontation mit den USA auf mehrere Schauplätze ausdehnen – oder dies zumindest androhen – könnte. So könnte das Reich der Mitte vor einer Attacke auf den Inselstaat seine bisher drei Flugzeugträger in den Pazifik entsenden und sich damit die Möglichkeit offenhalten, amerikanische Flottenverbände zu attackieren. Oder amerikanische Militärstützpunkte, etwa auf Okinawa. Mit anderen Worten: Ein Krieg um Taiwan könnte sich zu einem Flächenbrand ausweiten. Doch wer würde aus einem solchen Waffengang als Sieger hervorgehen – China oder die USA?

Chinesisches Militär wird modernisiert

Noch hat China nach Ansicht von Experten nicht die militärische Stärke, die traditionelle Ordnungsmacht, die USA, aus der Region zu verdrängen. Doch dies könnte in zehn oder zwanzig Jahren bereits anders aussehen. Nach dem Willen von Staatspräsident Xi Jinping soll die Modernisierung des chinesischen Militärs bis 2035 abgeschlossen sein. Bis dahin könnte China militärtechnologisch zu den USA aufgeschlossen haben. Für die Chinesen spricht zudem, dass sie über eine breitere industrielle Basis verfügen als ihr amerikanischer Rivale. Dies lässt vermuten, dass China im Zweifel seine Produktion an Artillerie – Geschützen, Raketenwaffen und Munition – schneller hochfahren könnte als die USA. Der aktuelle Krieg in der Ukraine zeigt, dass die Verfügbarkeit von Artillerie kriegsentscheidend sein kann, in diesem Fall zugunsten Russlands.

Auf der anderen Seite ist militärische Schlagkraft nicht allein eine Frage der Technologie und der materiellen Ausstattung. Entscheidend sind auch die richtige Strategie und militärtaktische Kenntnisse. Um sich diese besser aneignen zu können, hat die US Army sogenannte OPFOR (opposing force) Einheiten ins Leben gerufen. Diese übernehmen bei Manövern und Gefechtssimulationen die Rolle des vermeintlichen Gegners, teilweise unter Einsatz entsprechender ausländischer Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Gleichzeitig operieren sie nach feindlichen Taktiken und Einsatzdoktrinen, um so den eigenen Truppen ein möglichst authentisches Bild der feindlichen Truppen zu vermitteln. Die Existenz der OPFOR-Einheiten könnte dazu beitragen, dass sich die USA besser auf die chinesische Kriegsführung einstellen können als umgekehrt.

Zudem hat das chinesische Militär seit dem Grenzkrieg gegen Vietnam im Jahr 1979 keinen echten Einsatz mehr gehabt und konnte seitdem seine Fähigkeiten nicht unter Beweis stellen. Hinzu kommt die Frage, wie rigide und autoritär die Kommandostrukturen in der chinesischen Volksbefreiungsarmee sind und ob es Offizieren und Soldaten der unteren Dienstgrade möglich ist, im Kampfeinsatz die Initiative zu ergreifen. Auch interne Korruption und Seilschaften, die nach dem Peter-Prinzip die besser vernetzten und nicht die kompetentesten Personen in wichtige Positionen hieven, dürften sich in jedem Militärapparat als Bremsklötze erweisen, wurden aber im Falle Chinas bereits im Jahr 2012 von Xi Jinping, der kurz zuvor Generalsekretär der Kommunistischen Partei geworden war, als Problem erkannt. Seine Kampagne zur Korruptionsbekämpfung soll zum Rücktritt von über 100 Generälen geführt haben. Ob damit der Sumpf aus Vettern- und Misswirtschaft allerdings trockengelegt wurde, bleibt unklar.

Im Windschatten des Ukraine-Konfliktes – aus dem die Chinesen sicherlich versuchen werden, ihre Schlüsse zu ziehen – braut sich möglicherweise ein weiterer Krieg zusammen. In dem die beiden größten Supermächte und Rivalen direkt aufeinanderstoßen würden.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Australien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/518407/Australien-An-der-Peripherie-des-Weltgeschehens-und-moeglicherweise-bald-mittendrin

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Arktis:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512316/Rohstoffe-und-freie-Handelswege-locken-Griff-nach-der-Arktis

Schweiz:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512666/Die-Schweiz-Ihr-Franken-und-ihre-kluge-Diplomatie-schuetzen-das-kleine-Land-im-Herzen-Europas

Balkan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/513149/Der-Balkan-Interessen-fremder-Maechte-heizen-die-Lage-in-der-Krisenregion-weiter-an

Südostasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514733/Suedostasien-Wie-ihre-Geografie-die-Pantherstaaten-daran-hindert-zum-Sprung-anzusetzen

Spanien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514198/Spanien-Randlage-mit-Perspektiven

Südamerika:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/517241/Suedamerika-Hinterhof-der-USA-bald-Vorgarten-Chinas

Moritz Enders

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

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