Der Fall Monte dei Paschi: Die Sparer Europas müssen Italiens Banken retten

Der Niedergang der ältesten Bank der Welt ist ein Lehrbeispiel für die gefährliche Symbiose von Politik und Finanz-Industrie. Einer der wichtigsten Akteure in dem Krimi um die Monte dei Paschi di Siena war Mario Draghi. Als Chef der EZB wacht Draghi mittlerweile über alle Banken Europas. Über die niedrigen Zinsen müssen die Sparer auch die italienischen Banken retten. Doch die Zeit wird knapp.

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Die Aktie der italienischen Krisenbank Monte dei Paschi wurde am Dienstag erneut vom Handel ausgesetzt. Die fünf Milliarden schweren Kapitalerhöhung machte eine Feststellung des Aktienkurses unmöglich. Die Bank benötigte wegen fauler Kredite und fehlgeschlagener Derivategeschäfte bereits 4,1 Milliarden Euro vom italienischen Steuerzahler (mehr hier).

Der Fall des italienischen Banken-Skandals um die Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS) ist ein Lehrbeispiel für das Entstehen der Schulden-Krise in Europa.

Sie ist auch ein Lehrbeispiel für die Plünderung der Sparer und Anleger, die zwangsläufig kommt, wenn der Bogen überspannt ist. Die Zins-Senkung der EZB war natürlich auch gedacht, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Die italienischen Zentralbank gehört den Banken. Sie wissen, wie ernst die Lage in Italien wirklich ist. Erst kürzlich hat sie in einem beispiellosen Geldschöpfung aus dem Nichts den Großbanken zu mehr Kapital verholfen (dazu hier).

Nach Aussagen von MPS-Chef Alessandro Profumo ist die Lage sehr ernst: Es besteht Crash-Gefahr (mehr hier).

Eigentlich wäre das nicht nötig. Denn im Kern war die Idee der MPS von 500 Jahren goldrichtig.

Die Bank,  die 1472 gegründet worden war, um Kleinkredite zu vergeben, hat sich zu einer Zombie-Bank entwickelt. In ihren Anfängen wurden die Kredite der Bank von Großherzog Ferdinand II. mit den Einnahmen des Staates aus Weideland, den sogenannten Paschi, besichert. 500 Jahre lang war die MPS eine nützliche Regionalbank. Die Gründung Italiens führte dazu, dass die Bank zur Finanzierung der Staatsgeschäfte herangezogen wurde. Im Zuge der Globalisierung nach 1945 expandierte die Bank. Und verlor wie viele andere Banken das Augenmaß und schließlich den Überblick.

1995 wurde eine Stiftung gegründet, die im Großraum Siena für Schulen, Krankenhäuser und Universitäten zuständig war. Die Stiftung wird von den Sozialdemokraten (PD) dominiert. Die Politiker erweisen sich in guter sozialistischer Tradition als wahre Weltmeister im Geldverteilen. Die Konstruktion der MPS sieht vor, dass die Stadt immer das letzte Wort hat. Sie bestellt das Management und verlangt, dass die Bank liefert.

Und die Bank musste viel Geld beschaffen, weil die Regierung ihre Wähler günstig stimmen wollte. Immer mehr Geld, und immer schneller. 1999 ging die MPS an die Börse. Damit konnte sie endlich am ertragreichsten Roulette-Tisch des internationalen Finanzkasinos Platz nehmen. Sie kaufte und verkaufte andere Banken, wurde zum begehrten „Global Player“, zur drittgrößten Bankengruppe Italiens.

Anders als unter Ferdinand II. sorgte nun nicht der Staat für die Sicherheiten der Bank, sondern die Bank sorgte dafür, dass die unersättlichen Wünsche der Politik erfüllt wurden. Immer schneller musste sie immer mehr Geld herbeischaffen. Die italienischen Politiker wollten ihre Klientel, die Wähler, nicht enttäuschen. Wer Geld in den Markt pumpt, kann für sich reklamieren, Arbeitsplätze geschaffen zu haben. Die Wiederwahl sollte gesichert sein.

So ging das jahrelang bei der MPS.

Die MPS profitierte von den modernen „Finanzinstrumenten“, wie die diversen Schrottpapiere gerne genannt werden. Für die MPS waren diese Wetten die letzte Rettung, weil die Schulden, die zum Wesen der modernen „Finanzierungs-Strategie“ gehören, immer größer wurden.

Im Jahr 2007 machte die Bank schließlich den entscheidenden Fehler, der ihren rapiden Niedergang einleitete: Sie entschied sich zum Kauf der kleinen Banca Antonveneta. Der sagenhafte Kaufpreis: 9 Milliarden Euro. Der Preis gilt heute noch als eines der großen Rätsel der jüngeren italienischen Bankengeschichte. Nur wenige Monate zuvor hatte spanische Santander die Antonveneta gekauft – für 6,6 Milliarden Euro. Eine Wertsteigerung mitten in einer Zeit, in der die Finanzkrise schon mit freiem Auge zu erkennen war.

Von den Fundamentaldaten war der Kaufpreis in keiner Weise gedeckt, im Gegenteil: Santander wollte die Antonveneta unbedingt loswerden, weil alle Kennzahlen negativ waren: Das Eigenkapital schrumpfte, die Bank verlor Kunden und Einlagen. Beobachter wie Finanzfachleute aus dem Umfeld des Euro-Kritikers Beppe Grillo schätzen, dass die Bank damals vielleicht noch 3 Milliarden Euro wert war – wenn überhaupt (mehr hier auf Grillos Blog/italienisch).

Hier kommt Goldman Sachs ins Spiel. Wie viele andere politische Eliten von Griechenland bis Pforzheim hofften die Sozialisten in Siena, dass die Magier der Investment-Bank den Goldesel MPS wieder dazu bringen könnten, dass er genug Gold abwirft, um die Steuerzahler zu beglücken.

Und so beauftragten auch die Sozialisten, die die Stadt Siena seit Generationen fest im Griff haben, Goldman Sachs gemeinsam mit der Citigroup und Merill Lynch als „Joint Global Coordinators“ für die Transaktion. Goldman und die anderen Wundertäter sollten die Kapitalerhöhung strukturieren, andere „innovative Kapital-Instrumente“ finden, einen Brückenkredit mit der Credit Suisse und der Mediobanca auf die Beine stellen. Damit die Santander in Cash ausgezahlt werden konnte, verschuldete sich die MPS in gigantischem Ausmaß. Die Beauftragung ist heute noch im Stadtarchiv von Siena zu finden.

Schulden-Politiker aller Couleur wissen nicht, wie man an Geld kommt. Sie wissen nur, wie man es verteilt. Weil sie im Zuge der Schulden-Explosion immer mehr Geld brauchen, sind sie auf Gedeih und Verderb auf die Finanzindustrie angewiesen. Investmentbanken wie Goldman wissen genau, wie man Geld beschafft – und wie man dann mit den Schulden der anderen Profite macht. Ein feiner Unterschied, aber einer, der über Leben und Tod entscheidet. Wer dabei über die Klinge springt ist ziemlich klar. Denn Goldman ist für die Deals zuständig, nicht für die Details (wie unter anderem auch hochanstängige, aber naive Forscher in Boston am eigenen Leib erfahren mussten – mehr hier).

Goldman hatte einen großen Vorteil, um mit dieser Transaktion beauftragt zu werden: In der Übernahmeschlacht um die Antonveneta hatte Goldman die niederländische ABN Amro beraten. Die ABN war von der Santander ausgebremst worden, weil sie nur 6,3 Milliarden Euro für die Antonveneta geboten hatte. Im Klartext: Goldman kannte das Übernahme-Objekt genau. In einer Bankenanalyse von Goldman Reserach rangierte die Antonveneta unter den drei am wenigsten interessanten Investments im europäischen Bankensektor.

Während der Beratung von ABN Amro war Mario Draghi Chef für das Europa-Geschäft von Goldman. Er hatte in den Jahren vor seiner Zeit bei Goldman als Generaldirektor im italienischen Finanzministerium die Privatisierung italienischer Staatsbetriebe vorangetrieben – sehr zur Freude der Finanzhaie der Welt. Manche, wie der republikanische Präsidentschafts-Kandidat Mitt Romney, machten dank Draghi ein Millionenvermögen auf Kosten der italienischen Steuerzahler.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Draghi von den Details über den Zustand der Antonveneta nichts gewusst hat. Draghi war schon wegen der Goldman-Deals mit Griechenland ins Visier der internationalen Kritik geraten – im Skandal um manipulierte Zahlen der Griechen für den EU-Beitritt hat Draghi immer jede Beteiligung von sich gewiesen.

Doch Draghi selbst hat bei seiner Verteidigung im Fall Griechenlands gesagt, er sei nie für den öffentlichen Sektor, sondern nur für den privaten Sektor zuständig gewesen. In diesem Sinn hätte die Transaktion der Antonventa unter seine Aufsicht fallen müssen. Es ist schwer vorstellbar, dass Goldman einen der führenden italienischen Banker aus einem solchen Deal heraushält. Aus Goldman-Sicht wäre das geradezu absurd.

Als die MPS die 9 Milliarden Euro nach Spanien überwies, war Draghi schon nicht mehr bei Goldman: Er war Nachfolger des im Zuge der Antonveneta-Übernahme über kriminelle Machenschaften gestürzten, und schließlich auch verurteilten Chefs der italienischen Notenbank, Antonio Fazio, geworden. Als solcher war es nun sein Job, die Banken in Italien zu beaufsichtigen. Als die MPS die Fantasie-Summe von 9 Milliarden Euro zahlen sollte, hätte er einschreiten können. Er blieb untätig. Die Bankenaufsicht winkte den Deal durch. 9 Milliarden, finanziert über Schulden einer sozialistischen Staatsbank, für ein Institut, das sich damals schon am absteigenden Ast befand.

Von diesem Schlag hat sich die MPS nie mehr erholt. Für Goldman war es ein großartiger Deal: Die Investmentbank kassiert immer erfolgsabhängige Honorare. Da macht es schon einen Unterschied aus, ob ein Unternehmen für 6 oder für 9 Milliarden Euro über den Ladentisch geht.

Die skrupellosen Stadt-Politiker von Siena machten weiter Schulden, nun noch viel mehr. Sie verfielen immer stärker der Derivaten-Droge (mehr hier). Sie zwangen die Bank, weiter Dividenden auszuschütten, verschleierten diese aber gekonnt. Dass Draghi diese als Chefaufseher der Banken nicht gekannt hat, ist denkbar. Als Miterfinder der „finanzpolitischen Waffen zur Massenvernichtung“ (Warren Buffet) waren sie ihm allerdings im Prinzip vertraut.

Der Fall der MPS zeigt exemplarisch, wohin die Schuldenreise geht: Irgendwann ist der Bogen überspannt. Die Politiker haben den Banken in die Karten gespielt. Kein Mensch wird gezwungen, Schulden zu machen. Aber Goldman wird nicht dafür geradestehen.

Mit der EZB kann Draghi den Schuldnern aller Länder allerdings helfen: Indem er durch fortgesetztes Gelddrucken die Schulden weginflationiert. Dann sind die Vermögen weg. Oder indem er auf weitere harte Sparmaßnahmen setzt. Dann bricht die Gesellschaft auseinander.

Auch hier ist die älteste Bank der Welt ein Menetekel für Europa: Analysten rechnen damit, dass die Bank in den kommenden Jahren bis zu 7 Milliarden Euro für den Schuldendienst aufbringen wird müssen. Die Universität, Schulen, Krankenhäuser, der Mittelstand, kleine Unternehmen – sie alle sind heute schon so gut wie nicht mehr finanziert.

Der ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Monti, ebenfalls ein Goldman-Berater, hat in den vergangenen Jahren versucht, die Bank mit Steuergeldern am Leben zu halten, wie schon sein Vorgänger Silvio Berlusconi, der ebenfalls Milliarden in die Bank gepumpt hat. Anfang 2013 sagte Monti in Davos, die Vermischung von Politik und Wirtschaft sei eine „Bestie“. Ein aufgebrachter Bürger aus Siena fuhr, wie die FT berichtet, gleichzeitig bei der Banca Monte dei Paschi di Siena vorbei, sah die Heerscharen von Journalisten vor der Bank, kurbelte sein Fenster herunter und schrie aufgebracht: „Zur Hölle, Monte!“

Dorthin dürfte die Reise in der Tat gehen, und nicht nur für die Toskana, sondern für das gesamte Schulden-Europa, in dem immer noch viele Bürger nicht ahnen, was auf sie zukommt. Sie werden die Reise unter den gestrengen Augen von Mario Draghi antreten, der mit der Zinssenkung längst seine Hand an das ganz große Steuerrad gelegt hat. Die niedrigen Zinsen sollen Investoren natürlich auch locken, in riskante Investments zu gehen – denn dort profitieren sie von höheren Zinsen. So werden Zombie-Unternehmen und marode Banken am Leben erhalten. Den Sparern in Europa und die Deutschland wird das Geld dagegen abgenommen.

In diesem Zusammenhang müsste sich die verantwortliche Politik vielleicht einmal die Frage stellen, ob es wirklich eine gute Idee war, die gesamte Bankenaufsicht an die EZB abzutreten. Der Banker Bernd Lüthje fürchtet, dass der Banken-Stresstest der EZB keine nüchterne Analyse ergeben wird, sondern von Banken-Interessen gesteuert wird (mehr dazu hier). Es gibt berechtige Zweifel an der Rolle Mario Draghis und insbesondere die Sorge, der deutsche Einfluss in der EZB könnte längst reduziert sein (mehr dazu hier).

Da ist was dran. Doch anders als beim Lebensstil ist es ist im Bank-Gewerbe nicht ganz so erfreulich, wenn wir sagen müssen: Ganz Europa ist Italien geworden.

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Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier.

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DWN-Herausgeber Michael Maier geht in seinem neuen Buch auch dem Wirken Mario Draghis in Italien und für Goldman Sachs nach. Er schildert, welche Rolle Draghi etwa bei dem umstrittenen Deal mit Mitt Romney gespielt hat. Maier zeigt auch, wie das Zusammenwirken von Schulden-Politikern und Banken zwangsläufig dazu führt, dass die Sparer am Ende die Quittung präsentiert bekommen. Die Banken haben sich rechtlich abgesichert. Die Staat holen sich jedoch mit Zwang, was ihnen nicht gehört.

Michael Maier, Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

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