AfD-Gründung: Der Euro muss weg, das System kann bleiben

Lesezeit: 2 min
14.04.2013 12:45
In Berlin findet zur Stunde die Gründung der „Alternative für Deutschland“ statt. Das Publikum ist vorwiegend älter, gut gekleidet, besonnen und gebildet. Es gibt nur ein Thema für die meisten: Den Euro-Austritt. Über das Wie ist man sich nicht ganz im Klaren.
AfD-Gründung: Der Euro muss weg, das System kann bleiben

Im Berliner Hotel Intercontinental gründet sich zur Stunde die Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“. Die Veranstaltung ist gut organisiert. Das Publikum verhält sich gesittet. Nur wenige Querulanten stören die Abläufe, was für eine neue Partei erstaunlich ist.

Bei der Diskussion mit den Parteimitgliedern der ersten Stunde wird schnell klar: Sie wollen den Euro nicht mehr. Der Euro trägt die Schuld an der Misere. Wenn der Euro weg ist, dann seien alle Probleme lösbar.

Ein freundlicher, höflicher Herr, etwa Mitte Fünfzig, erklärt:

„Ich bin schon lange dabei, nicht ganz von Anfang, aber schon lange. Der Euro ist für einige Länder zu stark. Griechenland wird wieder pleitegehen. Wir schieben den Crash nur vor uns her.

Der Euro muss weg, aber ich will nicht unbedingt zurück zur D-Mark. Wir brauchen eine Alternative. Denn so wie es jetzt ist, wir schieben den Crash nur vor uns her.

Ich bin mir nicht sicher, dass wir die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, aber man weiß ja nie! Gut, man muss auch damit rechnen, dass die AfD viele Stimmen bekommen, dass es dann der SPD nützt, weil es die Koalition schwächt.

Aber es kann mit der Europapolitik so nicht weitergehen!“

Wie findet er den Zugriff auf Bank-Konten über 100.000 Euro?

Das finde ich ok. Ich mache mir selbst keine Sorgen um meine Ersparnisse.“

Wenn das auch in Deutschland passiert?

„Finde ich ok. Es ist eben das Risiko, das jeder einzelne selbst trägt – bei welcher Bank er sein Geld anlegt. Es ist ja die Euro-Politik, die die Bankkonten unsicher macht.“

Diese Unsicherheit und die Bereitschaft, das Finanz-System in seinen Grundzügen bestehen zu lassen, macht die AfD zu einem interessanten Partner für Angela Merkel (hier).

Die Darstellung von Gründungsparteichef Lucke, wie er sich die Zukunft Europas vorstellt, zeigt: Es soll alles bleiben wie es ist, außer dem Euro. Lucke sagte dem DLF:

Wir wollen die Rettungsschirmpolitik beenden, die uns mehr als 100 Milliarden Euro kosten wird. Und wir wollen den Euro selbst geordnet auflösen. Stattdessen wollen wir zu nationalen Währungen zurück und zu kleineren, stabileren Währungsverbünden. Geordnete Auflösung heißt, dass wir nicht etwa über Nacht austreten wollen, sondern in einer mehrjährigen Übergangsphase zunächst die Südländer aus dem Euro ausscheiden lassen und dann das Restgebiet auflösen. Dem Restgebiet wird sicherlich der Kern der mitteleuropäischen Länder gehören, also natürlich Deutschland, die Beneluxstaaten, Österreich, sicherlich auch Finnland. Ob Frankreich zum Restgebiet gehört, ist wahrscheinlich mehr eine politische Frage. Ökonomisch gehört Frankreich eher zu den Südländern.

Insgesamt verläuft der Gründungs-Parteitag unspektakulär. Als erster Redner erklärte der ehemalige FAZ-Journalist Konrad Adam die Positionen der Partei. Er sagte, dass die etablierten Parteien keine Alternativen hätten, dass der Euro zur Spaltung Europas geführt habe. Erst durch den Euro seien so schlimme Dinge möglich wie die Darstellung von Angela Merkel als Nazi.

Adam spricht leise, kultiviert, ironisch. Applaus erhält er, wenn es gegen die alten Parteien geht. Auch die anderen Sprecher Wolf-Joachim Schünemann und Frauke Petry sind keine Charismatiker: Schünemann eher grau, Petry schüchtern.

Von einem Beppe Grillo ist weit und breit nichts zu sehen.

Von einem Jörg Haider erst recht nicht - der Parteitag verläuft völlig ohne Störung durch die Rechte Szene.

Das Publikum ist gemischt, mehr Männer als Frauen, aber nicht männlich dominiert. Alter: Viele über sechzig, etliche über vierzig. Vereinzelt jüngere Leute.

Die meisten tragen Anzug. Das Maximum an Lockerheit, das sich die AfD-Gründer erlauben, ist der Verzicht auf die Krawatte. Die meisten tragen Sehhilfen.

Die Versammlung hat etwas von einem Treffen der Kleinaktionäre für den Brillenhersteller Fielmann: Wir wollen, dass der Kurs unseres Unternehmens steigt und dass wir eine Dividende ausgeschüttet bekommen.

Die Börse abschaffen wollen wir nicht.

Ab Mittag versinkt der Parteitag im Alltag der Demokratie: Es wird gewählt, über Regularien diskutiert, abgestimmt, ausgezählt.

Am Mittag spricht der Parteivorsitzende: Er sagt, dass sioch die Anti-Euro-Partei dem Erbe des Euro-Erfinders Helmut Kohl verpflichtet fühlt.

Der Widerspruch fällt keinem im Saal auf (mehr dazu hier).

Einige Delegierte nützen den frühlingshaften Sonnenschein und trinken in den den anliegenden Berliner Kaffeehäusern einen Kaffee. Oder essen schnell bem Griechen Niko (Internationale Spezialitäten) gegenüber zu Mittag.

Gezahlt wird – noch – in Euro.



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