Politik

Euro-Rettung: Der Morgenthau-Plan für Zypern

Lesezeit: 2 min
25.03.2013 15:07
Die Wirtschaft Zyperns ist bereits in einer Rezession. Doch gemessen an dem hohen Anteil des zypriotischen Finanzsystems zum BIP des Landes kommt eine Zerschlagung des Bankensystems einem Kollaps der Wirtschaft gleich. Um mindestens 20 Prozent droht die Wirtschaft Zyperns in den kommenden 4 Jahren zu schrumpfen.
Euro-Rettung: Der Morgenthau-Plan für Zypern

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die am Sonntagabend von der Eurogruppe vereinbarte Zerschlagung der zypriotischen Banken ist nicht nur ein Schlag gegen den Finanzsektor Zyperns (hier). Vielmehr kommt diese der Idee des Morgenthau-Plans von 1944 sehr nah. Der damalige US-Finanzminister Henry Morgenthau wollte Deutschland komplett deindustrialisieren, um das Land nachhaltig zu schwächen und in einen ungefährlichen Bauerstaat zu verwandeln.

Allerdings haben die Zyprioten keinen Weltkrieg angezettelt. Also trifft sie die Keule doch etwas überraschend.

Betrachtet man die Tragweite des zypriotischen Finanzsystems im Hinblick auf die Wirtschaft des Landes, ist die als „Banken-Restrukturierung“ angepriesene Zerschlagung des Bankensektors ein massiver Schlag gegen die Wirtschaftskraft des Landes. Immerhin trägt der Finanzsektor zu 45 Prozent des jährlichen BIPs bei.

Damit ist natürlich klar, dass die Folgen vor allem die einfachen Leute zu spüren bekommen werden. Restrukturierungen werden immer auf das schwächste Glied der volkswirtschaftlichen Wertschöpfungs-Kette abgewälzt. Entlassungen, Gehaltskürzungen, Niedriglöhne, soziale Willkür sind unausweichlich die Schlagworte, die Zypern in den kommenden Wochen beherrschen werden.

Wolfgang Schäuble hat entschieden, dass "das Geschäftsmodell in Zypern nicht funktioniert". Dieser makroökonomische Befund führt nun zur Restrukturierung des Landes.

Zypern hat keine Alternativen: Die Milliarden-Kredite waren nicht dazu verwendet worden, eine nachhaltige Wirtschaft - Tourismus, Technologie, Energie - aufzubauen, sondern wurden in das potemkinsche Dorf der "Finanz-Industrie" gesteckt. Ein schweres Versäumnis der zypriotischen Politik - und ein ebenos schweres Versagen der EU: Warum hat man immer weiter Kredite gewährt, obwohl alle wussten, dass das Geld nur für das Kasino verwendet wird?

Euro-Rettung verschärft Rezession in Zypern

Bereits im vierten Quartal 2012 schrumpfte die zypriotische Wirtschaft um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. „Unsere BIP-Vorhersagen für Zypern gehen von einem Rückgang des BIP bis 2017 von 20 Prozent aus“, zitiert der BusinessInsider den Ökonomen Michala Marcussen von der Societé Générale. Diese Prognose beinhaltet jedoch noch nicht die Auswirkungen der vergangenen zehn Tage. Die Beschränkung der Bargeldabhebungen und der Stopp der Überweisungen in der letzten Woche haben etliche zypriotische Unternehmen an den Rand des Ruins getrieben. Und die nun beschlossenen Kapitalverkehrskontrollen sowie die Zwangsabgabe auf Einlagen von über 100.000 Euro werden ihr übriges tun, um die Unternehmen weiter zu schwächen (hier).

Tourismus in Zypern gefährdet

Hinzu kommt, dass die Ereignisse bis hin zum nun tatsächlich formal beschlossenen Zypern-Deal dem Vertrauen der Zyprioter, aber auch das der EU-Bürger und ausländischen Investoren massiv geschadet haben. Die EU-Bürger haben gelernt, dass auch ihre Einlagen nicht vor einem staatlichen Zugriff sicher sind (mehr hier). Und die Investoren werden nach dem Zypern-Deal vorerst kein Interesse mehr daran haben, ihr Geld in Zypern zu „investieren“. Was  bleibt, wenn Finanzsektor und viele mittelständische Unternehmen nichts mehr zum BIP beitragen können, ist der Tourismus. Doch auch hier wird sich Zypern schwer tun. Kapitalverkehrskontrollen werden das Land nicht gerade zu einem Anziehungspunkt machen. Wer berechnet schon gern im Voraus, wie viel Bargeld er für einen Urlaub mitnehmen muss, wenn er nicht sicher sein kann, dass er das nötige Kleingeld am Automaten abheben kann.

Russen geben Zypern den Rest

Doch nicht nur die Kapitalverkehrskontrollen werden den Tourismus in Zypern gefährden. Die Ende Januar veröffentlichten Zahlen zeigen, dass vor allem die Russen immer öfter ihren Urlaub in Zypern verbrachten. 2012 kamen 40 Prozent mehr russische Touristen als noch 2011. 2013 rechnete Zypern sogar mit einem Anstieg der russischen Touristen von 220.00 auf 550.000. Nachdem der Zypern-Deal in Russland aber alles andere als positiv aufgenommen wurde, kann sich diese Prognose noch sehr schnell drehen. Zwar sind auch einige russische Oligarchen und Unternehmer vom Haircut und der Restrukturierung bei der Bank of Cyprus betroffen (hier).  Doch sie werden leichter Alternativen finden, als diejenigen, die am Ende für den Haircut zahlen werden - die einfachen Leute in Zypern.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

 



DWN
Ratgeber
Ratgeber 5 Immobilienweisheiten – oder wie Sie den Wert Ihrer Immobilie steigern können

Aufgrund der hohen Nachfrage zeigen Immobilien eine äußerst positive Wertentwicklung. Mit ein paar Maßnahmen lässt sich der Preis der...

DWN
Politik
Politik Völkerrechtler: Die USA gehören wegen ihrer Sanktionspolitik vor den Internationalen Gerichtshof

Lesen Sie das Interview von DWN-Autor Ralf Paulsen mit dem ehemaligen Sekretär der UN-Menschenrechtskommission und weltweit anerkannten...

DWN
Politik
Politik "Die russischen Soldaten stehlen alles - selbst Hundehütten"

Die DWN haben ein drittes Telefon-Interview mit dem ukrainischen Musiker Roman Antonyuk geführt, der mit seiner Familie in Lwiw (Lemberg)...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Kein "Mist" aus Russland: Bauern schlagen Alarm

Seit die Düngemittel-Importe aus Russland von der EU gestoppt wurden, herrscht Dünge-Mangel auf den europäischen Feldern.

DWN
Finanzen
Finanzen Kommt die Vermögensabgabe – und wie schützen sich Anleger?

Immer mehr Stimmen fordern einen Corona- oder Ukraine-Lastenausgleich – also eine verpflichtende Vermögensabgabe, die die exorbitanten...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Globalisierung am Ende: Lieferketten werden dauerhaft unterbrochen bleiben

Der Abbruch vieler Lieferketten deutet auf das Ende der Globalisierung. Für die Weltwirtschaft wird es kein Zurück zum Zustand vor Corona...

DWN
Politik
Politik Griechenland beschwert sich bei UN wegen türkischer Kampfbomber

Im Konflikt mit der Türkei hat Griechenland nun die UN eingeschaltet. Denn türkische Kampfbomber überfliegen regelmäßig bewohnte...

DWN
Finanzen
Finanzen Rückkehr zur Normalität: Russland lockert die Geldpolitik

Die russische Notenbank hat ihren Leitzins erneut deutlich gesenkt. Dies markiert den Rückgang zur geldpolitischen Normalität - trotz...

DWN
Deutschland
Deutschland Afrikanische Schweinepest greift auf Baden-Württemberg über

Die für Haus- und Wildschweine hochansteckende und meist tödliche Afrikanische Schweinepest hat erstmals auf ein westdeutsches Bundesland...