Politik

Die Schweiz: Der Franken und eine kluge Diplomatie schützen das kleine Land im Herzen Europas

In Folge 17 der großen geopolitischen DWN-Serie analysiert Moritz Enders ein kleines Land im Herzen Europas, das seine Sicherheit und seinen großen Reichtum einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Faktoren verdankt.
20.06.2021 11:00
Lesezeit: 3 min
Die Schweiz: Der Franken und eine kluge Diplomatie schützen das kleine Land im Herzen Europas
Mag Europa noch so heftig von politischen und wirtschaftlichen Stürmen heimgesucht werden: Die Schweiz, das kleine Land im Zentrum des Kontinents, ist und bleibt ein Hort der Stabilität. (Quelle: Google Maps / DWN)

Fast die Hälfte des Schweizer Territoriums entfällt auf die Alpen, deren Gipfel im Kanton Wallis, also im Südwesten des Landes, oft weit über 4.000 Meter in den Himmel ragen. Im Nordwesten erhebt sich das Jura-Gebirge mit Kämmen von teilweise über 1.500 Metern Höhe und grenzt das Land gegen Frankreich ab. Zwischen diesen beiden Gebirgen liegt das Schweizer Mittelland, ein zwischen 30 und 70 Kilometer breiter Streifen fruchtbaren Bodens, der sich vom Bodensee bis zum Genfer See erstreckt. Hier leben etwa zwei Drittel aller Schweizer. Trotz des hohen Anteils an Bergen sowie des Umstands, dass die Schweiz über keinen direkten Zugang zum Meer verfügt, erwirtschaftet das Land eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit und belegte auf der Liste des Indexes der menschlichen Entwicklung im Jahr 2019 hinter Norwegen den zweiten Rang. Der Grund hierfür ist unter anderem in der Geografie, aber auch in der Geschichte des Landes zu suchen – die wiederum durch die Geografie bestimmt wurde. Eine Analyse.

Ein Bündnis - und eine große Schlacht

Das europäische Mittelalter war geprägt von den Spannungen zwischen Kaiser- und Papsttum, die frühe Neuzeit vom Gegensatz zwischen dem Habsburger Reich und Frankreich. Beides betraf die Schweiz aufgrund ihrer geografischen Lage in besonderem Maße. Im Spannungsfeld zwischen den jeweiligen Machtblöcken schlossen sich die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden im Jahr 1291 zur Alten Eidgenossenschaft zusammen – sie sind also gewissermaßen die Urzellen der heutigen Schweiz. In den folgenden Jahrzehnten traten weitere Kantone dem Bündnis bei. Im frühen 16. Jahrhundert agierten sie sogar als Kriegspartei außerhalb der Schweizer Grenzen, und zwar tief im Herzogtum Mailand, das, wie auch der Rest Italiens, schon lange Zankapfel verschiedener ausländischer Mächte war, wobei vor allem Frankreich – dynastisch vermeintlich begründete – Gebietsansprüche erhob. Allerdings unterlagen die Eidgenossen in der Schlacht von Marignano im September 1515 einer französisch-venezianischen Koalition. Seitdem hat die Schweiz keine expansive Politik mehr verfolgt, sondern eine der Neutralität. Der Kanton Tessin allerdings, den die Eidgenossen den Herzögen von Mailand zuvor in einer Reihe von Auseinandersetzungen entrissen hatten, gehört noch heute zur Schweiz. Mit diesem Gebietszugewinn hatten die Schweizer die strategisch wichtige beidseitige Kontrolle über den Gotthardpass erlangt, über den seit dem Mittelalter eine der Hauptverkehrsadern zwischen Süd- und Nordeuropa führt.

Während die Amtssprache des Tessin Italienisch ist, ist die in der Schweiz am weitesten verbreitete Sprache Deutsch. Im Westen des Landes spricht man Französisch und im Kanton Graubünden auch Rätoromanisch. Die historische Entwicklung der Schweiz aus einem Zweckbündnis verschiedener Kantone heraus sowie ihre Vielsprachigkeit mögen den ausgeprägten Föderalismus des Landes erklären. Die 26 Kantone nennen mit dem – extrem harten – Schweizer Franken zwar eine gemeinsame Währung ihr Eigen, verfolgen die gleiche Außenpolitik und würden im Ernstfall allesamt vom Schweizer Bundesheer verteidigt werden, entscheiden aber selbständig über ihren Haushalt und die jeweiligen Steuern. Zahlreiche Volksabstimmungen gehören zur demokratischen Tradition des Landes. Ein traditionelles Misstrauen gegenüber zentralistischen Strukturen, wie sie beispielsweise in der EU immer deutlicher zutage treten, wird vor diesem Hintergrund verständlich.

Steuern, Banken, Industrie

Bisher ist die Schweiz – die als einer von wenigen westeuropäischen Staaten kein Mitglied der EU ist - mit ihrer Neutralitätspolitik gut gefahren. Als eines der drei sogenannten DACH-Länder (Deutschland, Österreich, Schweiz) liegt sie nicht nur zwischen den industriell am stärksten entwickelten Regionen der EU – Süddeutschland und Oberitalien – sondern ist selbst auch ein industrielles Schwergewicht, insbesondere im Maschinenbau und in der Pharma-Industrie. In letzterem Bereich hat die Schweiz gewissermaßen das Erbe Deutschlands angetreten, das seine einst führende Position auf diesem Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg eingebüßt hat. Die Schweiz ist also nicht nur Steuerparadies und Finanzzentrum - sie ist eine äußerst hoch entwickelte Industrie-Nation, die von einem hervorragend funktionierenden Bildungswesen profitiert. Ihre Vorzeige-Hochschule, die ETH Zürich, belegt im Ranking internationaler Universitäten regelmäßig Spitzenplätze.

Neutralität und Balance

Möglicherweise ist die Alpenrepublik, die aus einem Verteidigungsbündnis hervorgegangen ist, auch deshalb so erfolgreich, weil sie niemals Zentrum, ja noch nicht einmal Teil eines Imperiums war. Durch ihre Neutralität konnten die Schweizer Vermögen aufbauen und halten, die anderswo, vor allem in Deutschland, durch Kriege, Niederlagen und Reparationen vernichtet wurden. Zudem haben zahlreiche internationale Organisationen hier ihren Sitz, so die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, das Internationale Olympische Komitee (IOK) in Lausanne sowie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die „Zentralbank der Zentralbanken“, in Basel. Umgeben von den EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien profitiert die Schweiz von einem stabilen Europa und setzt in ihren internationalen Beziehungen auf eine bemerkenswert ausgereifte Diplomatie. Allerdings ist die Schweiz auf freundschaftliche Beziehungen zu ihren Nachbarstaaten angewiesen. Zwar nicht sicherheitspolitisch – Krieg in diesem Teil Europas ist so gut wie ausgeschlossen -, aber in wirtschaftlicher Hinsicht, schließlich verfügt das Land über keinen Zugang zum Meer und ist von den Häfen Süd- und Mitteleuropas abhängig. Derzeit ist dieser Zugang jedoch in keiner Weise gefährdet – wenn überhaupt, liegt ein Risiko für den Wirtschaftsstandort Schweiz eher in der Schwäche der deutschen Infrastruktur, wie die wiederholte Unterbrechung der Rheintalbahn, über die Schweizer Exportgüter in den Hafen von Rotterdam transportiert werden, immer wieder zeigt.

Daraus ergibt sich: Auch in Zukunft dürfte der Erfolg der reichen Eidgenossenschaft im Herzen Europas nicht zuletzt davon abhängen, dass sie die richtige Balance zwischen Kooperation mit der EU und Eigenständigkeit findet.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Arktis:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512316/Rohstoffe-und-freie-Handelswege-locken-Griff-nach-der-Arktis

+ + + +

Lesen Sie nächsten Sonntag die große Analyse: Wie sich die Schweiz und die EU immer weiter voneinander entfernen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen DeFi-Hashing nutzt die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, um das Vermögen der Nutzer zu mehren.

Major economies are actively promoting the establishment of a unified capital market regulatory framework and plan to strengthen the...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gegenwind für den Standort: Bund verteidigt Kurs nach Pharma-Investitionsstopps
05.06.2026

Nachdem große Pharmakonzerne angekündigt haben, geplante Milliardeninvestitionen in Deutschland auf Eis zu legen, bezieht die...

DWN
Politik
Politik "Ein reines Belastungspaket": Scharfe Kritik an Warkens Pflegereform - "erschüttert und wütend"
05.06.2026

Für die Pflegeversicherung liegt jetzt ein Sanierungskonzept vor, das den Alltag für viele teurer macht. Nun erhält Warken starken...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EY-Analyse: Deutsche Autobauer verlieren Umsatz und hinken hinterher
05.06.2026

Fehlstart ins Jahr: Während die internationale Konkurrenz beim Umsatz zulegen kann, verlieren Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW deutlich...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Abschaffung der Frührente würde Milliarden sparen
05.06.2026

Kommt das Aus für die Frührente? 9,5 Milliarden Euro an Einsparungen, 125.000 erhaltene Arbeitskräfte: Das Forschungsinstitut DIW nennt...

DWN
Politik
Politik Milliarden-Spritze: Neue Finanzhilfen für die ukrainische Wirtschaft
05.06.2026

Russlands Angriffe treffen auch die Unternehmen der Ukraine hart. Ein neues Hilfsprogramm von EU und EBRD steuert nun mit Garantien und...

DWN
Politik
Politik Kiew fordert Friedensgespräche – Putin nennt angebliche Nato-Pläne „Unsinn“
05.06.2026

Präsident Selenskyj bietet Kremlchef Putin direkte Gespräche in einem Drittstaat an. Putin reagierte siegesgewiss und wies Warnungen vor...

DWN
Politik
Politik Merz und Macron fordern Turbo bei EU-Erweiterung auf dem Westbalkan
05.06.2026

Deutschland und Frankreich wollen heute bei einem EU-Gipfel in Montenegro eine neue Initiative starten, um die EU-Erweiterung zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DWN-Wochenrückblick KW 23: Die wichtigsten Analysen der Woche
05.06.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 23 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...