Politik

Australien: An der Peripherie des Weltgeschehens – und möglicherweise bald mittendrin

Australien ist aufgrund seiner Größe und seiner abgeschiedenen Lage militärisch kaum einzunehmen. Aber der fünfte Kontinent verfügt doch über eine große Schwäche. Welche das ist, lesen Sie in dieser 22. Folge der großen DWN-Geopolitik-Serie.
08.05.2022 09:00
Lesezeit: 5 min
Australien: An der Peripherie des Weltgeschehens – und möglicherweise bald mittendrin
Australien wird nicht verhindern können, in das Kräftemessen der beiden Supermächte China und USA hineingezogen zu werden. (Karte: Google Maps/ DWN)

Mit einer Fläche von fast 7,7 Millionen Quadratkilometern ist Australien der sechstgrößte Staat der Erde und hat dennoch nur etwas mehr als 25 Millionen Einwohner. Diese geringe Zahl bedeutet, dass sich der fünfte Kontinent trotz eines hohen Prokopf-Einkommens nicht das Militärbudget eines großen Staates leisten kann. Zwar bedeutet seine Insellage, dass Australien schwer angreifbar ist. Gleichwohl braucht das exportorientierte Land zur Sicherung seiner Seewege einen starken Verbündeten – dies sind zurzeit die Vereinigten Staaten von Amerika. Das aber führt dazu, dass sich „Down Under“, wie die Australier ihre Heimat liebevoll nennen, aus einem möglichen Konflikt zwischen den konkurrierenden Supermächten USA und China nicht würde heraushalten können - ein Umstand, der ein hohes Risiko darstellt. Eine Analyse.

Zivilisation und Wildnis

Die Simpson-Wüste im australischen „Northern Territory“ ist geprägt von Sanddünen, deren höchste, die Nappanerica oder auch „Big Red“ genannt, eine Höhe von 40 Metern erreicht. In dieser weitgehend menschenleeren Einöde können Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius herrschen. Die Simpson-Wüste wie auch zahlreiche andere Wüsten wie die Große und Kleine Sandwüste oder die Große Victoria-Wüste – deren Fläche allein in etwa der von Deutschland entspricht – bedecken fast ein Fünftel des australischen Kontinents und formen das viertgrößte Wüstengebiet der Erde. Sie gehören zum sogenannten Outback, womit all die Gegenden Australiens gemeint sind, die fernab der Zivilisation liegen. Zum Outback zählen außer den Wüsten auch trockene Gras- und Buschlandschaften, Tropenwälder und tropischer Regenwald. All diese wilden und überwiegend unbewohnbaren Gebiete umfassen fast drei Viertel des australischen Territoriums.

Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzflächen Australiens liegen hingegen im Murray-Darling-Becken im vergleichsweise dicht besiedelten Südosten des Landes. Dieses Sedimentbecken ist nach den beiden größten Flüssen benannt, die es durchfließen, entwässern und so bis vor einigen Jahrzehnten seinen Wasserhaushalt im Gleichgewicht hielten. Allerdings ist dieses Gleichgewicht nun durch den großflächigen Anbau von Baumwolle und Reis, die jeweils viel Wasser benötigen, gestört. Die Folge ist ein Wassermangel am Unterlauf der Flüsse mit katastrophalen Auswirkungen für Nutz- und Wildtiere sowie für Millionen von Fischen, die in den nun teilweise sehr flachen und langsam fließenden Gewässern verenden. Gleichwohl stammen 40 Prozent der in Australien produzierten Lebensmittel aus dem Murray-Darling-Becken - es ist gewissermaßen die wichtigste Vorratskammer des Landes.

Östlich des Murray-Darling-Beckens schirmt der „Great Dividing Range“ – auch das Große Australische Scheidegebirge genannt – einen schmalen Küstenstreifen, auf dem der größte Teil der Bevölkerung lebt, vom Rest des Landes ab. Hier befinden sich auch die beiden größten Metropolen, Sidney und Melbourne, hier schlägt das wirtschaftliche - und natürlich auch politische - Herz des fünften Kontinents.

„Splendid Isolation“

Ein militärischer Angriff auf Australien ist aufgrund seiner isolierten Lage sehr unwahrscheinlich. Südöstlich der Rieseninsel liegt nur das weitaus kleinere Neuseeland (mit rund 268.000 Quadratkilometern etwas kleiner als Italien), das aufgrund seiner geringen Bevölkerungszahl von fünf Millionen und seiner friedfertigen Politik keinerlei Gefahr darstellt und sich aufgrund seiner geographischen Lage ganz ähnlichen geopolitischen Herausforderungen gegenübersieht wie sein großer Nachbar. Südlich von Australien liegt das Südpolarmeer, das die – sieht man einmal von ein paar Forschungsstationen ab - gänzlich unbewohnte Antarktis umspült. Westlich von „Down Under“ breitet sich der mächtige Indische Ozean aus - die Entfernung bis nach Afrika an dessen westlichem Ende beträgt über 10.000 Kilometer. Und östlich erstreckt sich der gigantische Pazifik - die Entfernung nach Südamerika beträgt über 12.500 Kilometer (was der Strecke Berlin - Los Angeles plus 3.000 Kilometer in den Pazifik hinein entspricht).

Und so kam die einzige militärische Bedrohung, der sich Australien je ausgesetzt sah, aus Richtung Norden. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs konnte Japan im Jahr 1942 fast ganz Südostasien besetzen und am ersten Juni jenes Jahres sogar mit Mini-U-Booten in den Hafen von Sidney eindringen. Zu mehr reichte es allerdings nicht - eine Besetzung Australiens durch japanische Truppen wäre aufgrund der immensen Entfernung zwischen den beiden Ländern auch keine realistische Option gewesen; das Kaiserreich hätte die Versorgungslinien, die dafür nötig gewesen wären, nicht lange aufrechterhalten können.

Mit anderen Worten: Australien liegt fernab vom Weltgeschehen. Wobei darauf hinzuweisen ist, dass seine Schlüsselregion, der Küstenstreifen im Südosten, noch weiter entfernt liegt von potenziellen feindlichen Mächten - die sich allesamt auf der Nordhalbkugel des Globus befinden - als seine nördliche Küstenlinie, hinter der sich, wie schon beschrieben, das Outback, das Niemandsland, erstreckt.

Seemacht wider Willen

Australiens Achillesferse ist also nicht eine etwaige Verwundbarkeit aufgrund mangelnder militärischer Stärke. Vielmehr ist es seine Abhängigkeit von der Aufrechterhaltung der Seewege, über die es in den Welthandel integriert ist. Denn der im globalen Maßstab hohe australische Lebensstandard ist nur durch starke Exporte vor allem von Kohle, Eisen und Gold, die hauptsächlich im Outback gefördert werden, aufrechtzuerhalten. Gerade Kohle, deren Hauptabnehmer China ist, muss in großen Mengen ausgeführt werden, um sich den Import technisch anspruchsvoller Produkte wie Fahrzeuge und Maschinen leisten zu können. Aufgrund der Notwendigkeit, die Seewege zu sichern, ist es nachvollziehbar, dass Australien ein Bündnis mit der mit Abstand größten Seemacht der Welt eingegangen ist, den USA. Noch enger rückten Australien, die USA und Großbritannien zusammen, als sie sich im September 2021 zu einer trilateralen Militärallianz namens AUKUS – das Akronym steht für Australia, United Kingdom und United States – zusammenschlossen. Mit diesem Bündnis wollen die Amerikaner und ihre Verbündeten vor allem den wachsenden Einfluss Chinas eindämmen. Die Schließung des Bündnisses demonstriert auch, wie sehr sich der strategische Fokus der Vereinigten Staaten langfristig gesehen – aller Reibereien mit Russland zum Trotz - auf den pazifischen Raum verlagern könnte, wahrscheinlich sogar verlagern wird.

Dass Australien im Herbst 2021 einen milliardenschweren U-Boot Deal mit Frankreich platzen ließ und stattdessen atombetriebene U-Boote aus den USA geordert hat, dürfte nicht nur kommerzielle, sondern auch strategische Hintergründe haben (zur Verärgerung Frankreichs über den finanziellen Schaden, den die Beerdigung des U-Boot-Geschäft darstellte, könnte sich auch die Erkenntnis gesellen, dass Europa auf der Weltenbühne immer mehr an Bedeutung verliert - aber das nur nebenbei). Denn der Vorteil nuklear angetriebener Unterwasserboote gegenüber solchen, die mit konventionellen Motoren ausgerüstet sind, wie es bei den zwölf Diesel-U-Booten aus Frankreich der Fall gewesen wäre, liegt in ihrer fast unbeschränkten Reichweite. Dies deutet darauf hin, dass sich Australien perspektivisch auch auf Einsätze fernab der Heimat vorbereitet, etwa im Südchinesischen Meer. Das heißt, das Land wird nun in das Kräftemessen zwischen den beiden Supermächten USA und China hineingezogen - ein notwendiges Übel, dem sich der fünfte Kontinent trotz seiner peripheren Lage langfristig nicht wird entziehen können.

Der lange Schatten Chinas

Wobei für ihn eine Konfrontation mit China wirtschaftlich schwer zu verkraften sein wird - schließlich ist das Reich der Mitte sein mit Abstand wichtigster Handelspartner. 2018 übertraf der Wert australischer Exporte in die Volksrepublik die Ausfuhren in die USA um mehr als das Zehnfache, wobei der Export von Eisenerz und Kohle eine herausragende Rolle spielte. Allerdings hatte China die Kohle-Einfuhren aus politischen Gründen zwischenzeitlich gestoppt und bemüht sich zudem, seine Energieversorgung umzustellen. In Zukunft könnte ein nicht geringer Teil der australischen Kohle durch umweltfreundlicheres russisches Gas ersetzt werden - hier muss man sich in Down Under etwas einfallen lassen.

Je mehr die Welt in ein westliches und ein östliches Lager zerfällt, mit den USA und China als den jeweiligen Hegemonen, desto mehr dürften sich Australiens wirtschaftliche Perspektiven eintrüben. Die Boomzeiten, welche der chinesische-australische Warenaustausch noch im Jahr 2017 erlebte, dürften erst einmal vorbei sein. Sollte die chinesische Marine die amerikanische an Kampfkraft einholen (darüber, wie realistisch diese Perspektive ist, streiten die Experten), könnte sich der fünfte Kontinent gezwungen sehen, seine generelle geostrategische Ausrichtung zu überdenken. Denn wenn auch die Aussage von Charles de Gaulles, Staaten hätten keine Freunde, sondern nur Interessen, ein wenig überspitzt sein mag, so wird doch kein Staat der Welt auf Dauer die Macht des Faktischen ignorieren können.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Arktis:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512316/Rohstoffe-und-freie-Handelswege-locken-Griff-nach-der-Arktis

Schweiz:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512666/Die-Schweiz-Ihr-Franken-und-ihre-kluge-Diplomatie-schuetzen-das-kleine-Land-im-Herzen-Europas

Balkan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/513149/Der-Balkan-Interessen-fremder-Maechte-heizen-die-Lage-in-der-Krisenregion-weiter-an

Südostasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514733/Suedostasien-Wie-ihre-Geografie-die-Pantherstaaten-daran-hindert-zum-Sprung-anzusetzen

Spanien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/514198/Spanien-Randlage-mit-Perspektiven

Südamerika:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/517241/Suedamerika-Hinterhof-der-USA-bald-Vorgarten-Chinas

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