Politik

Kampf der Kulturen: Die Schlacht um die Zukunft der Türkei

In der Türkei verschärft die Wirtschaftskrise die sozialen Spannungen. Die Lebensweise in den Städten ist völlig anders als auf dem Land. Ein Verteilungs-Kampf hat begonnen, der durch den Streit zwischen Kemalisten und Islamisten verschärft wird. Die jüngsten Ausschreitungen sind keine Episode - sie dürften einen Trend signalisieren.
05.06.2013 02:27
Lesezeit: 3 min

Die Türkei ist in vieler Hinsicht gespalten: Stadt und Land, traditionelle Religiosität und westlicher Lebensstil, arm und reich.

Es geht um den sozialen Konflikt zwischen der islamischen und sehr traditionellen Landbevölkerung und einer liberalen, an westlichen Lebensformen orientierten Stadtbevölkerung. Traditionelle Gesellschaftsvorstellungen auf dem Land kollidieren mit eher an einer westlicher ausgerichteten Lebensweise der Stadtbevölkerung.

Solche Konflikte führen weltweit zu sozialen Spannungen. In der Türkei werden sie angefacht durch die entschiedene Feindschaft der alten, kemalistischen Eliten und der neuen islamisch orientierten AKP.

Nicht selten eskalieren solche Konflikte und stürzen Staaten in Bürgerkriege.

In Thailand, dem Iran oder in Ägypten waren ähnliche Entwicklungen zu beobachten wie jetzt in Istanbul oder Ankara.

Der Prozess der Urbanisierung führt aufgrund der wachsenden Landflucht dazu, dass die jungen Leute in die Städte drängen. Damit verschiebt sich das Machtverhältnis zwischen traditioneller Landbevölkerung und urbanen Bürgern in den Ballungszentren. Im Jahr 1950 lebten weltweit 70 Prozent der Menschen auf dem Land, so Wikipedia. 2007 wohnte bereits mehr als die Hälfte der Menschen in Städten. Bis 2050 wird erwartet, dass 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen.

In vielen Fällen gewinnen Politiker die Wahlen, die ihre Hausmacht auf dem Land haben. Sie versuchen jedoch, ihr traditionelles Wertesystem der urbanen Bevölkerung aufzuzwingen. Erdogan, der einen türkischen Nationalismus und konservative islamische Werte propagiert, muss damit zwangsläufig in Konflikt mit der jungen urbanen Bevölkerung geraten. Die jungen Türken haben völlig andere Vorstellungen von der Gesellschaft als er. Sie wollen Freiheit und möglichst wenig staatliche Bevormundung.

Dieser Konflikt lässt sich mit brutaler Staatsgewalt nicht dauerhaft befrieden. Gewalt der Polizeikräfte gegen die eigene Bevölkerung führt in der Regel zur Eskalation.

Erdoğan hat offenbar die Zeichen der Zeit nicht erkannt (hier). Er stemmt sich mit aller Macht gegen diesen Prozess der Verwestlichung. Die Werte, für die er steht, befremden die modernen Türken: Drei-Kinder-Ehe, Patriarchat und Maßnahmen zur Zurückdrängung westlicher Einflüsse wie jüngst das Alkohol-Verbot sind einer Mehrheit kaum zu vermitteln.

Die Traditionalisten merken, dass es immer schwerer für sie wird, ihre Werte durchzusetzen.

Auf die massive Ablehnung reagieren Regime wie jenes von Erdoğan zunächst meist mit Härte.

Zum nachhaltigen Erfolg führt die Härte jedoch nicht.

Erdoğan muss nur nach Kairo schauen, wo Präsident Mursi und seine Islam-Brüder zunehmend die Kontrolle über das Land entgleitet. Wer es nicht versteht, den sozialen Frieden durch eine ausgleichende Politik zwischen den heterogenen Wertesystemen in Stadt und Land zu vermitteln, kann schnell - wie Mao einmal sagte - auf dem Müllhaufen der Geschichte landen.

Erdoğan hat mit Syrien das praktische Beispiel gleich vor der Haustür. Auch hier versäumte es Präsident Baschar Assad, den Liberalisierungs-Wünschen großer Teile der Bevölkerung nachzukommen. Mit brutaler Gewalt löste er stattdessen einen Bürgerkrieg aus, der sich nun zu einem Stellvertreterkrieg der Mächte der Region und der Welt auswächst. Assad hat den geeigneten Zeitpunkt verpasst, den sozialen Frieden durch rechtzeitige Reformen wieder herzustellen.

Weil die entwurzelten Herrscher irgendwann den Boden unter den Füßen verlieren, verlieren sie das Maß  und schaffen die Gewaltenteilung ab. Korruption und Unrecht sind die Folgen. Die Demokratie wird zur Autokratie. Diese kann jedoch als Polizei-Staat überleben und untergräbt damit langfristig ihre ursprüngliche Legitimation.

Türkei steht vor Wirtschaftskrise

Die Türkei hat in den vergangen Jahren einen außerordentlichen Wirtschaftsboom erlebt. Insbesondere der Immobilienbereich, angefacht durch weltweit vagabundierendes billiges Geld aus den entwickelten Ländern, hat Blasen entstehen lassen. Die sozialen Folgen: Neue, wohlhabendere Schichten ziehen in die Städte und vertreiben die ärmeren Einwohner. Die Mieten explodieren. Die Saat für soziale Spannungen ist gesät.

Ähnlich wie Spanien hat auch die Türkei einen Bauboom bei Immobilien in den touristischen Zentren entlang der türkischen Riviera erlebt. Was zunächst den Weg zu schnellem Reichtum zu ebnen schien, wird jetzt zu einer schweren Hypothek, wenn Leerstände die Bauherrn oder Immobilienmaklern wie Blei auf den Bilanzen liegen. Wo vorher Billigreisen boomten, droht jetzt zahlreichen Reiseveranstaltern in der Türkei die Insolvenz. Eben musste mit GTI Travel einer der größten Reiseveranstalter in Deutschland für Türkei-Reisen die Insolvenz anmelden. 

In der Türkei steigen schon seit einiger Zeit die Preise deutlich schneller als in anderen Konkurrenz-Ländern. Im Vergleich zur EU liegt die Inflationsrate etwa dreimal so hoch bei derzeit 6,1%. Das bringt zwangsläufig die türkische Lira unter Abwertungsdruck. Bereits seit Mitte letzten Jahres befindet sich die türkische Lira im Sink-Flug. Dies schreckt ausländische Investoren ab, denn ihre Bestände an Investitionen in die Türkei verlieren gemessen am Außenwert systematisch an Wert.  Der reale, effektive Wechselkurs der Türkei hat sich immer mehr dem der EU angenähert (siehe Grafik).

Dies bedeutet, dass die Türkei ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten in Europa im Tourismus und auch als Billiglohnland im produzierenden Gewerbe verliert.

Dieser Trend könnte auch in den kommenden Jahren anhalten. Das Wachstumsmodell, auf dem die türkische Wirtschaft aufbaut, erweist sich als brüchig.

Hinzu kommen weitere Belastungen durch den Bürgerkrieg in Syrien. Der droht, durch Flüchtlingsströme und grenzüberschreitende Scharmützel die Türkei in den Konflikt zu ziehen. Die Krise Zyperns und Griechenlands belastet auch die Türkei. Regionale Handelspartner wie Ägypten, Iran, Libanon, Jordanien und Israel leiden ebenfalls unter den politisch-militärischen Spannungen der Region.

Vor diesem Hintergrund sind die jüngsten Ausschreitungen wohl nicht bloß eine Episode.

Sie sind ein Trend, der der Türkei in den kommenden Jahren erheblich zu schaffen machen dürfte (mehr hier).

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