Deutschland

Ökonom: „Europa steuert auf eine Katastrophe zu“

Europa hat sich in der Krise nicht geändert. Das EU-Chaos lähmt den Kontinent. Wir taumeln in eine Katastrophe. Zu viele Brüche gefährden Europa: Staaten gegen Staaten, Alt gegen Jung, Staat gegen Privat. Die Unterschiede in der Euro-Zone sind größer geworden statt kleiner. Ganz schnell kann der Flickenteppich reißen - mit unabsehbaren Folgen.
23.11.2013 00:21
Lesezeit: 2 min

„Es ist ziemlich erschreckend“, zitiert CNBC Roger Nightingale, Ökonom bei RDN Associates. In den letzten fünf Jahren habe sich nichts verändert. Die Staaten der Eurozone steckten in gewaltigen Schwierigkeiten. „Sie steuern meines Erachtens auf eine Katastrophe zu.“

Roger Nightingale glaubt, dass Europa so gut wie nichts getan habe, um aus der Krise herauszukommen. Tatsächlich streiten Regierungen, EU und EZB immer noch über die Banken-Rettungen, als schrieben wir den ersten Tag der Krise. Nightingale kritisiert die Leistung Mario Draghis als Krisenmanager heftig: Draghi habe nichts für die Gemeinschaft getan, wenn man einfachen Bürgern in Europa spricht, bekäme man das überall zu hören. Dass die Regierungen froh sind, dass Draghi ihnen die Arbeit abnimmt, hält Nightingale für keine große Leistung.

Die Europäer hätten mit Schadenfreude auf die USA geblickt, anstatt sich selbst krisensicher zu machen. Daher seien die Europäer immer noch viel verwundbarer als die Amerikaner.

Die am Freitag veröffentlichten Wirtschaftsdaten für Deutschland zeigen, dass die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal 1,1 Prozent größer war als ein Jahr zuvor. Zudem kletterte der ifo-Geschäftsklima-Index, der auf einer Umfrage unter 7.000 einheimischen Firmen beruht, im November auf 109,3.

Die deutsche Industrieproduktion und der Dienstleistungssektor waren im November stärker als erwartet. Der Vorsprung Deutschland vor dem Rest der Eurozone wächst weiter.

Die Eurozone als ganze wuchs im dritten Quartal nur noch um 0,1 Prozent nach 0,3 Prozent im zweiten Quartal. Die zweitgrößte Wirtschaftskraft, Frankreich, schrumpfte. Die Schulden im Nachbarland wachsen viel stärker als hierzulande (mehr hier).

Angesichts des zurückgehenden Wachstums senkte die EZB im November die Leitzinsen auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Sogar Negativzinsen werden bei EZB-Chef Mario Draghi derzeit diskutiert (mehr hier).

Volker Wieland, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, sagte am Freitag, dass in Deutschland, dem wichtigsten Wachstumsmotor der Eurozone, Wirtschaft und politische Stabilität gefährdet seien.

„Wie die meisten Beobachter, sagen wir voraus, dass das Wachstum im kommenden Jahr steigen wird. Dahinter steckt die Ansicht, dass private Investitionen und privater Konsum relativ niedrig gewesen sind und weiter steigen sollten – doch es gibt noch eine Menge Unsicherheiten.“

Die größte Unsicherheit resultiert jedoch aus der Erkenntnis, dass die Euro-Zone in der Krise nicht zusammengewachsen, sondern gespalten wurde. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit zeigt, dass es nicht nur eine Spaltung zwischen dem Norden und dem Süden, sondern auch eine zwischen den Generationen gibt. Die dritte große Bruchlinie verläuft zwischen Staatssektor und Privatwirtschaft.

In allen Segmenten haben Politiker und Zentralbanker rein opportunistisch agiert: Sie haben versucht, den Rentnern das Schlimmste zu ersparen - weil dies die größte Wählergruppe ist. In den jeweiligen Staaten lässt sich bei heute keiner in die Karten schauen - sie agieren nationalistischer als je zuvor: Die neuen Haushalte von Italien, Frankreich und Spanien sind so lückenhaft, dass die EU-Kommission daraus keine Schlüsse ziehen kann.

Alle Regierungen arbeiten natürlich tendenziell für die Interessen des Staatsapparats: Das zeigt sich besonders drastisch in Griechenland: Die Regierungen sorgen für ihre Clans, um wiedergewählt zu werden.

Dieser Befund, der sich nun auch durch die makroökonomischen Zahlen belegen lässt, macht klar: Das Schlimmste steht uns erst noch bevor.

Der Friede an den Märkten trügt. Er ist mit billigem Geld erkauft.

Europa ist nicht krisensicher. 

Das wissen vor allem jene, die gegen Europa spekulieren.

Die Vandalen der Finanzmärkte sinnen auf einen günstigen Zeitpunkt.

Dann fällt Rom, und nicht nur Rom.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...