Politik

Türkische Menschenhändler profitieren von EU-Regulierungen

Lesezeit: 2 min
08.01.2013 01:51
Vor einem Jahr musste ein Afghane noch 1.500 Euro bezahlen, um über die Türkei in die EU zu gelangen. Nun haben türkische Schmuggler die Preissteigerungen weitergegeben, die ihnen durch neue Versuche der EU, den Zuzug zu stoppen, erwachsen sind: Eine Überfuhr kostet heute bis zu 8.500 Euro. Die Branche boomt und macht immer höhere Profite.
Türkische Menschenhändler profitieren von EU-Regulierungen

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

62 Prozent der Einwanderer wollen über die Türkei nach Europa, 28 Prozent wollen hingegen in der Türkei bleiben, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Internationalen Zentrums für Terrorismus und grenzüberschreitende Kriminalität (UTSAM). Besonders Istanbul spielt hier eine zentrale Rolle. Das Geschäft der professionellen Schmuggler in der Millionenstadt am Bosporus gewinnt derzeit trotz des Aufbaus zusätzlicher Hürden sogar noch an Attraktivität.

Denn: Je schwieriger die Reise zum Ziel, desto höher der Preis. Die groteske Entwicklung zeigt: Der Menschenhandel wird durch immer neue bürokratische Regelungen aus Brüssel nicht gestoppt. Sie können wirkungsvolle nationale Grenzen nicht ersetzen, sondern führen im Gegenteil dazu, dass der organisierte Menschenhandel zu einem immer lukrativeren Geschäft werden.

So hätten Schmuggler aus Zeytinburnu etwa im vergangenen November 1.500 Euro dafür verlangt, einen Afghanen nach Griechenland zu bringen, berichtet der EU Observer. Die Leute würden zuvor über den Iran in die Türkei geschafft. Nach einigen Tagen in Istanbul ginge es dann weiter nach Izmir, wo man auf ein Boot umsteige. Die ganze Reise von Kabul bis Athen käme am Ende insgesamt auf gut und gerne 5000 bis 8500 Euro. Je nach Qualität und der Hindernisse, die sich während der Reise ergäben.

Auch aus der Türkei gab es Protest. Auf Euronews erklärte der türkische EU-Minister Egemen Bağış bereits im vergangenen Februar: „Es ist nicht die Zeit, über neue Mauern zu diskutieren. Man sollte besser daran arbeiten, neue Brücken zu bilden – zwischen verschiedenen Sichtweisen, verschiedenen Kulturen und verschiedenen Ländern.“ Für ihn sei der Grenzwall ein Zeichen der Trennung zwischen den Ländern der EU und den Ländern außerhalb. Und zudem ein ganz klares Signal der Abschottung. Auch die EU hatte sich im Vorfeld gegen das Millionenprojekt ausgesprochen. Der Flüchtlingsstrom werde durch den Grenzzaun nicht gestoppt, hieß es.

Das Research Institute for European and American Studies in Athen schätzt, dass derzeit einer von vier illegalen Migranten Verbindungen zu einem Schmuggler-Netzwerk in der Türkei habe. Frontex, die EU-Grenzschutzagentur in Warschau, habe zudem angegeben, dass im dritten Quartal 2011 rund 18.000 Menschen beim illegalen Grenzübertritt erfasst wurden, von denen fast 50 Prozent afghanische Staatsangehörige waren. Sollten also die geschätzten Preise stimmen, dann bedeute das, dass allein das afghanische Schmuggler-Netzwerk in Istanbul nur in diesen drei Monaten gut 3,5 Millionen Euro eingenommen hätte.

Die Schmuggler, so der EU Observer, arbeiten in verschiedenen Abteilungen - jede von ihnen hochgradig spezialisiert. Während etwa die einen sich voll auf den Drogenhandel konzentrierten, obläge anderen der Menschenschmuggel. Für Anna Triandafyllidou vom Robert-Schuman-Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts (EUI) in Florenz und Co-Autorin eines Buches über Menschenschmuggel, gibt jedoch keine Beweise dafür, dass hier beispielswiese auch die Mafia aktiv ist. Zudem würden die Schmuggler in der Regel derselben Ethnie abstammen, wie die Menschen, die sie nach Europa bringen würden. Ihrer Ansicht nach gebe es hier keine internationale übergreifende Struktur, die etwa von Afghanistan bis Griechenland reiche.

Ganz anders sieht das wiederum Michel Koutouzis, ein in Paris ansässiger Experte griechischer Abstammung. Seiner Ansicht nach sei das Geschäft vor allem von türkischen Mafiafamilien dominiert. Und diese würden damit Jahr für Jahr mehr als zehn Millionen Euro verdienen. Organisiert seien diese wie die Armee. Selbst würden sie sich zwar nicht direkt an den Schmuggel-Aktionen beteiligen, hätten aber die vollständige Überwachung inne und würden auch die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Schon bevor die Flüchtlinge in Istanbul einträfen, so Koutouzis, wüssten die Familien alles über sie und seien bestens vorbereitet. Gleichzeitig zeigt er sich überzeugt, dass nicht-türkische Schmuggler-Netzwerke lokale Unterstützung erhalten würden, um die türkischen Behörden erfolgreich zu bestechen. Ohne Zweifel seien hier korrupte Beamte mit im Spiel.

Nach Angaben von Triandafyllidou sei die Reise der Migranten in mehrere Etappen unterteilt. Schmuggler-Zellen würden die Leute von einer Station zur nächsten durchreichen. Dafür würden sie unter anderem Einweg-Handys benutzen. An jeder neuen Station hätten die Migranten bar zu bezahlen. Nicht selten muss ein Teil im Voraus beglichen werden, meist 50:50.

 

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Ratgeber
Ratgeber Bestens geplant: Einkommensvorsorge für Beamte

Die neue Allianz Einkommensvorsorge schützt Beamte und alle, die es werden wollen, vor den finanziellen Risiken einer Berufs- oder...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Expansion in der Corona-Krise: BlackRock profitiert massiv von Öffnung des chinesischen Finanzsektors

China öffnet ausgerechnet in der Corona-Krise seinen Finanzsektor für ausländische Investoren. Der größte Profiteur der Öffnung ist...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Protokoll deutet mögliche Straffung der Geldpolitik an

Das Protokoll der letzten Zinssitzung der EZB deutet darauf hin, dass die umfangreichen PEPP-Anleihenkäufe im kommenden Monat...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Klaus Schwab hatte im November 2020 vor Cyber-Angriffen auf Stromversorgung und Gesundheitssystem gewarnt

Im November 2020 hatte der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, gesagt: „Wir alle wissen, dass das erschreckende Szenario...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Konkurrent Ethereum setzt seinen Höhenflug fort

Ethereum eilt von Allzeithoch zu Allzeithoch. Damit entkoppelte sich die Währung in den letzten Wochen vom restlichen Kryptomarkt, der...

DWN
Deutschland
Deutschland „Unsere Solidarität gilt den jüdischen Gemeinden“: Türkisch-Islamische Gemeinde DITIB verurteilt judenfeindliche Proteste in Deutschland

In einer Mitteilung kritisiert die Türkisch-Islamische Gemeinde DITIB die antisemitischen Proteste in Deutschland: „Unsere Solidarität...

DWN
Technologie
Technologie Seehofer warnt alle Bundestagsabgeordneten vor drohenden Hacker-Angriffen auf private Geräte

Ein massiver Hackerangriff Krimineller auf das irische Gesundheitssystem zeigt die Nachteile eines digitalisierten Verwaltungssystems auf....

DWN
Deutschland
Deutschland Mittelstandsverband warnt vor Exportbeschränkungen bei Holz

Exportbeschränkungen für Holz sind aus Sicht des Mittelstandsverbands BVMW der falsche Weg. Denn die Konsequenzen wären fatal.

DWN
Technologie
Technologie 50 Gigawatt stehen zur Disposition: Geplante Stilllegung von Kraftwerken gefährdet Deutschlands Stromversorgung

Die Regierung plant die Stilllegung von Atom- und Kohlekraftwerken - woher der dann fehlende Strom kommen soll, weiß niemand.